Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen
Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn.
Indes stand angelweit die Türe offen,
Und draußen hörte einen Schritt er gehn.
Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen
Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn:
Drei Spannen weit vor ihm im Korridore
Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore.

Welch Angesicht! Die stygische Proserpine,
Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus,
Erschütterte nicht so durch Blick und Miene,
Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus.
»Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene
Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß
Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend,
Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend.

Der Mime bückte tief sich zu den grauen
Staubvioletten Blüten. Kniend nahm
Er das Geschenk, wie keines je von Frauen,
So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam.
Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen,
Mit Wollust eine wundersame Scham.
Er schämte sich der Freude am Applause,
Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause.

Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte
Des großen Patriarchen Joachim
Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte
Zum Evangeljum öffneten vor ihm.
Genug: zu des Direktors Grimm und Torte
Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim,
Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte:
»Derlei zu spielen bin ich außerstande.«

Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte;
Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium«
Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte,
Denn schnuppe war durchaus dem Publikum,
Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte
Zur großen Lis contra Gelasimum.
Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten,
Zu spielen – eventuell mit Brachialgewalten.

Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen
Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert.
Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen
Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert,
In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen
Hieß es: »Avanti! Und: Stichwort pariert!«
Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen;
Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen?

Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben
Ward nie vernommen, wie es da erscholl.
Die Riesenmenge hatte sich erhoben
Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll
Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben
Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll
Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden
Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden.

Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde
Zu pressen, lag auf der bewegten Brust
Das Händepaar. Es irrten in der Runde
Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt.
Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde
Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt!
Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe
Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe.

Wohl hätte er sie jetzt entlassen wollen:
Er konnte nicht. Die Zunge war ihm schwer.
Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen,
Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her.
Noch ein Moment, und alle Donner rollen,
Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr,
Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen!
Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen.

Da – welche Wandlung! Wie von innren Sonnen
Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund:
Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen:
Der Feldherr tut die Seligkeiten kund
Von Christi Lehre. Balsamüberronnen
Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund
Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen
Von dieser Sprache süßen Dämmernissen.