Was war geschehn? Was öffnete die Tore
Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts,
Als daß er auf der mittleren Empore
Das stille Leuchten sah des Angesichts
Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore.
Doch darin war die Fülle allen Lichts
Für seiner Seele bange Dunkelheiten:
Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten!
Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte
Was in der Rolle des Bekehrten stand.
Als ob der Heiland in ihm selber webte
Der Dichterworte leuchtendes Gewand,
Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte
Und hob und trug: In der Verheißung Land.
Doch als die Rolle abwich von den Pfaden
Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden.
Es war nicht einer, der die scène à faire
Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt:
Die große Szene zu der Götter Ehre,
In der der dumpfe Katakombenwust
Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere.
Man freute sich darauf mit um so größerer Lust,
Als man bereits die allzu süße, matte
Kreuzlimonade etwas über hatte.
Es waren ja Heiden: Heiden im Theater!
O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn!
Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater.
Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! –
Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater
Der Liebe betete, ihm beizustehn.
Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte
Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte.
Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten,
Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß
Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten
Von unterirdischen Gräbern stand. Getos
Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten,
Zurückzukehren in der Götter Schoß. –
Dies war der Auftakt. – Stille nun. – Dann wollte
Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte.
Er aber kniete nieder. Und er legte
Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt,
Indes die Lippen im Gebet er regte.
Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt,
Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte
Nicht eine Miene, bis er tief gebückt,
Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend,
Die ganze Seele in den Kuß hingebend.
Das Publikum, durch diese Pantomime
Vor Staunen fast um den Verstand gebracht,
Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9]
Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!«
Der Dichter war's. Doch nun, ottave rime,
Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht.
Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen,
Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen.
[9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont. Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem.
Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter
Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln,
Lief durch die Massen
Die steinernen Gassen
Der Sitze entlang, von den Senatoren-
Subsellien bis zu den höchsten Emporen,
Ein Surren und Summen,
Ein Schurren und Brummen,
Ein flirrendes Flüstern,
Ein Schnauben aus Nüstern,
Ein heißes Hauchen,
Ein pfeifendes Pfauchen,
Ein Schnarren und Schnarchen,
Ein Knarren und Knarchen,
Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre:
Von allerhand widrigen Tönen kurzum
Ein höllisches Pandämonium.
So stimmen im Orchester disharmonisch
Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger,
Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger
Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch
Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja:
Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch
Frau Musika.