Als Hofkapellmeister Seiner Majestät
Des Publikums in diesem Fall fungierte
Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte
In Baalbeks Sittlichkeitssozietät,
Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte,
Sondern auch Schutz der Religiosität.
»Silentium!« krähte der Dürre schrill.
Und gleich war's still.
Sodann hub an
Der magere Mann:
»Verruchter Bube, was ficht dich an,
Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen?
Bestellt zum Dienste der Kamönen,
Hast das Theater du entweiht
Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit.
Du hast's gewagt, dich zu bekennen
Zu einer Lehre, die so niedrig ist,
Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen,
Sie einen Juden namens Christ
Als Gott verehrt, den römische Justiz
Verurteilt hat zum Malefiz-
Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven
Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven.
Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn!
Im Niedrigen das Göttliche zu sehn,
Die ewigen, großen
Götter vom Thron
Herabzustoßen
Und, Blasphemie, als Gottes Sohn
An ihre Stelle einen Schwerverbrecher,
Bestraft nach heiligem römischen Recht,
Zu setzen: Was bisher auch frecher
Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht:
Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht,
Ward so der heiligen Wahrheit Majestät
Nicht ins Gesicht gespien!
(Hier machte eine Pause,
Begierig nach Applause,
Der orthodoxe Mann.
Der setzte prompt und pünktlich ein
Mit Bravorufen, Toben, Schrein.
Doch als das Publikum genug geschrien,
Fing er aufs neue an:)
»Du liegst noch immer auf den Knien?
Steh auf, ich sage dir, steh auf!
Dem Trotzigen wird nicht verziehn,
Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf,
Stößt sie auf Störrischkeit:
Nur wenn zur rechten Zeit
Der Sünder in sich gehet,
Geschied's vielleicht,
Daß sie, erweicht,
Wenn er recht innig flehet,
Ihm gnädiglich verzeiht.«
(Dies sagte er in jenem Ton,
Der, salbenseimig, allen Pfaffen,
Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen,
Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.)
Und es ward totenstill. Das Publikum
Zwang seine Gier zurück: aus Spannung stumm,
Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben.
Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben,
Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm.
Die Tausende waren eins: ein Vieh geworden.
Und dieses Vieh, geeint aus Wut,
War geil auf Blut
Und leckte
Die Lippen schon und bleckte
Die Zähne zum ersehnten Morden.
Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah,
Und wie sein Atem keuchte:
Für unsern Knieer war es gar nicht da.
Er sah nur Licht und Leuchte:
Ihr Herz: wie aus Rubinenglas
Ein Kelch es ihm bedeuchte,
Voll von dem Blute Golgathas.
Und horch, es hob ein Zwiegesang
Aus seinem Mund und ihrem sich,
Geschwisterlich,
Als wie aus einem Munde;
Der klang nicht klagend, klang nicht bang,
Klang selig, selig, selig, klang
Wie zehrende Liebeskunde:
»Mein Herzverlangen!
Mein Armumfangen!
Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm!
Ich atme dich aus, ich atme dich ein,
Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein!
(Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam,
Von Jesus mir gegeben
Zum bittern Tod,
Vielsüßerm Leben!
Halleluja!
Der Hochzeit entgegen
Auf blutigen Wegen
Leidselig zu gehn,
Gib, gib deine Hände!
Wir werden ihn sehn:
An Weges Ende
Wird Jesus stehn!
Halleluja!
Wird Jesus stehn
Mit seinem Hochzeitssegen.
Jesus! Liebe!
Jesus! Liebe!
Soli Christo gloria!«
Kaum, daß der beiden Gloria verklungen,
Hat sich ein ungeheurer Unheilston
Dem Tausendmäulerungetüm entrungen:
Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon.
Und: Die von Christus eben noch gesungen,
War'n auch bei ihm im Paradiese schon:
Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen.
Genaures wußte niemand auszusagen.