Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine:
Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt;
Zwei lebende Körper einst: als Leiche eine,
Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt.
Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine
Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt
Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden.
Er war prinzipiell für offizielles Morden.
Die Menge selber, wie sie sich gespalten
In Individuen: keine Bestie nun,
Nein, lauter Biederleute: ungehalten
War sie nicht minder ob so wüstem Tun.
Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten:
»Wo blieb denn unser Polizeitribun?«
Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause,
Und sehr bewegt verlief die Vesperjause.
Indessen senkte sich violenfarben
Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein;
Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben
Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein;
Die bunten Lupanarlaternen warben
Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein,
Und mancher starke Geist, in Liebeshitze,
Verübte auf die toten Christenschweine Witze.
So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen,
Beschreiten eine Erde wir aus Dreck.
Nur die Gedanken und Gefühle fliegen.
Hermann Conradi proklamierte keck:
»Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!«
Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck?
Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone,
Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne?
Wie wird das Leben heute überstunken!
So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt.
Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken.
Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast.
Geheimnisvoll bedienen uns die Funken
Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt
Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung.
Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung.
Genug davon! Mich als Savonarola
Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern.
Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola
Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn,
Die zum Erbrechen auf der Pianola
Choräle treten, schlecht und subaltern,
Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder,
Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder.
Sie preisen Christum hunderttausendzeilig;
Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt;
Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig,
Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt.
Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig
Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt.
Er aber nähme an den weißen Bäffchen
Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen.
Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue,
Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog
Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue,
Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog:
Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue
Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog.
Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen,
Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen.
Auch unser liebes Christentum. Wer immer
Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm,
Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer
Aus Jesu Herzen. Völlig legitim
Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer
Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim,
So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste,
Und sei auch Wahn dabei das allermeiste.
Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet,
Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt;
Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet
Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert,
Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet –
Ist mehr als alle faule Wahrheit wert.
Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet:
Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet.