Schon aus der Wahl der Beispiele ergibt sich, daß Anschaulichkeit und Lebendigkeit vor allem Erfordernisse des poetischen Stiles sind, doch auch der einfache Stil des Verstandes kann dieser Eigenschaften nicht entbehren, obwohl bei ihm die Deutlichkeit in den Vordergrund tritt.

13. Natürlichkeit.

Natürlichkeit des Ausdruckes ist eine Hauptforderung des guten Stiles. Man erreicht sie dadurch, daß man sich bemüht, die Gedanken immer so einfach und klar wie möglich darzustellen. Man vermeide gesuchte und gezwungene Ausdrücke, geschraubte und gezierte Wendungen, wie sie sich häufig in dem Stile unserer modernen Romandichter und Unterhaltungsschriftsteller finden. Einen einfachen Begriff gebe man durch einen einzigen Ausdruck, nicht durch wortreiche Umschreibungen wieder. Bloßes rhetorisches Wortgepränge ist geschmacklos; man wende Bilder und Redefiguren nur da an, wo sie sich von selbst darbieten und wo ein gewisser Schwung der Rede es verlangt. Durch gesunde Natürlichkeit des Ausdruckes ragen namentlich Luther, Lessing und Goethe hervor.

Gegen die Natürlichkeit des Ausdruckes verstoßen z. B. Sätze wie die folgenden: „Zwei Jahre ungetrübten Glückes waren seit der Jünglinge Bekanntschaft von der flüchtigen Gegenwart der unermeßlichen Vergangenheit überantwortet worden.“ „Der Frühling des Jahres 1763 brachte bei seiner monatlichen himmlischen Gesandtschaft in dem grünen Kabinette der Erde nicht nur die himmlischen Geschenke mit, als da sind die chinesische Blumenmalerei der Natur, die echten Gobelins der lebendigen Hecken, die Jaspisteppiche der Fluren, die breiten Gnaden- und Ordensbänder der lauteren Ströme, die Flötenuhren der Waldkehlen usw., sondern er brachte zugleich in der kleinen Wiege Jean Pauls den Dragoman aller dieser himmlischen Geschenke mit, und durch seine Zunge wurde uns die Sendung aller Frühlinge heiliger, himmlischer.“

[2] Eine große Zahl guter Verdeutschungen enthält das treffliche „Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter“ von Herm. Dunger (Leipzig 1882), das nicht dringend genug empfohlen werden kann, sowie das Verdeutschungswörterbuch von Otto Sarrazin (3. Aufl. Berlin 1906). Erklärung und Verdeutschung der Fremdwörter zugleich bietet Heyses Fremdwörterbuch, neu bearbeitet von O. Lyon (18. Aufl. Hannover, Hahn, 1903).

[3] Wer sich weiter über diesen Gegenstand unterrichten will, sei hier namentlich auf Brandstäters Buch über die Gallizismen in der deutschen Sprache verwiesen, das jedoch häufig über das Ziel hinausschießt.

[4] So sagt Adelung: „Düster wird nur in den gemeinen Mundarten, besonders Ober- und Niedersachsens, für dunkel, finster gebraucht. Es ist der edlern und höhern Schreibart unwürdig.“ Adelungs Wb. I, 1622. Von dröhnen urteilt er ähnlich; dreist läßt er nur mit gewissen Einschränkungen zu. Über staunen sagt er: „Nach dem Beispiele Hallers und einiger anderer neuerer schweizerischer Schriftsteller ist es auch von den Hochdeutschen in der höheren Schreibart wieder eingeführt worden“, a. a. O. IV, 313. Von den beiden Wörtern Schrank und Schrein läßt er nur Schrank für die Schriftsprache gelten und bezeichnet Schrein als ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, nur noch in einigen Provinzen übliches Wort. a. a. O. III, 1641 u. 1654 usw.

[5] Wörterbuch IV, 355.

[6] a. a. O. II, 552 unter Gemeinort.

[7] Namentlich auch die stilistische Seite der Synonymik ist berücksichtigt in „Eberhards synonymischem Handwörterbuche der deutschen Sprache“, neu bearbeitet von O. Lyon. 16. Aufl. Leipzig 1904.