[8] Einige Stilistiker, z. B. Wackernagel, Becker, scheiden Wohllaut und Wohlklang; wir fassen beides unter der Bezeichnung Wohllaut zusammen.
B. Bilder und Figuren.
14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke.
Für den Gebrauch bildlicher Wendungen gelten folgende Regeln:
a) Die Bilder müssen wahr sein, d. h. sie müssen erstens mit dem übereinstimmen, was wir von den als Bildern verwendeten Dingen wissen, und sie dürfen zweitens nicht untereinander in Widerspruch stehen. Wenn jemand schriebe: „Der Ruhm dieses Mannes ging wie der Polarstern auf und nieder“ oder: „Die Parze knickte den Stengel seines Lebens“, so würden diese Bilder, da sie nicht mit dem übereinstimmen, was wir von dem Polarstern und den Parzen wissen, einen unangenehmen Eindruck hervorrufen. — Den zweiten Fehler gegen die Wahrheit der bildlichen Wendungen nennt man Katachrese (d. i. Mißbrauch). Die Katachrese besteht darin, daß ein Gedanke durch verschiedene Bilder dargestellt wird, die einander widersprechen, z. B.: „Ich sah die Bronnen rauschen der Ewigkeit um mich.“ Rückert. „Mit leisem Tritte schlüpfte ein weiblicher Fuß ins Zimmer und löschte mit eigener Hand die Kerzen.“ Phil. Galen. „Wir wollen diese brennende Frage nicht erschöpfen“ usw. Die Katachrese beleidigt sowohl den Verstand, als auch die Anschauungskraft; man hüte sich daher, aus dem Bilde herauszufallen.
Anmerkung. In der höheren Sprache der Dichtung, namentlich wenn Kühnheit und Schwung der Darstellung gefordert wird, ist der Übergang aus einem Bilde in das andere nicht unbedingt zu verwerfen (vgl. hierüber Vischer, Ästhetik III, Abschnitt 2, 1230). Vollkommen tadellos ist z. B. der Bilderwechsel in Schillers Lied an die Freude: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.“ Derselben Beurteilung unterliegen zahlreiche Stellen in Shakespeares Dichtungen. Hier zeigen uns die wechselnden Bilder den Gegenstand von verschiedenen Seiten.
b) Die Bilder müssen leicht verständlich und nicht zu weit hergeholt sein. Wenn in orientalischen Dichtungen die Schlacht Lanzenmesse, das Schwert Lebensräuber genannt wird, so sind diese Bilder nicht schön, weil sie schwer zu enträtseln sind. Zu gesucht ist es, wenn Kleist die Dünste als „die Augenlider, die jetzo das Auge des Weltkreises deckten“ bezeichnet, oder wenn Klopstock das stürmische Meer ein „gebirgiges Meer“ nennt. Namentlich Jean Paul hat sehr viele schwerverständliche und gesuchte Bilder.
c) Die Bilder müssen edel, neu und angemessen sein. (Vgl. hierüber S. 15. 16.)
d) Die Bilder müssen treffend sein und mehr sagen, als der gewöhnliche Ausdruck; z. B.: „Wenn der Stamm zum Himmel eilet, sucht die Wurzel still die Nacht.“ Schiller. — „Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubiges Gitter sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein. Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt überraschend des Tages blendendem Glanz mich zurück.“ Schiller.