Jeder Satz soll übersichtlich und wohllautend sein. Man beachte bei allen Sätzen: a) ihre Form, b) die Art ihrer Verknüpfung, c) ihre Stellung, d) ihren Rhythmus. Nur wenn nach allen diesen Seiten hin der Satz keinen Anstoß erregt, kann er als stilistisch tadellos bezeichnet werden.
29. Form der Sätze.
a) Hauptgedanken erhalten die Form von Hauptsätzen, Nebengedanken die Form von Nebensätzen. Gegen diese Regel wird häufig dadurch gefehlt, daß ein Hauptgedanke in Form eines Relativsatzes einem anderen Satze angefügt wird, und daß umgekehrt einem Nebensatze ein Hauptsatz (statt eines Nebensatzes) beigeordnet wird. Zu tadeln sind demnach Sätze wie die folgenden: „Gestern brach in dem Hauptgebäude des Schlosses Wilhelmshöhe, das jetzt vom Kaiser bewohnt wird, Feuer aus, das aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht wurde“ (statt: wurde aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht). — „Der König, der uns diese Verfassung gegeben hat, und er hat sich derselben auch untergeordnet“ (statt: gegeben und sich derselben auch untergeordnet hat). — „Hier ragten zwei Felsen empor, von denen der eine kahl war; der andere war mit Gestrüpp bewachsen“ (statt: von denen der eine kahl, der andere mit Gestrüpp bewachsen war). — Doch kann man einem Nebengedanken, wenn er hervorgehoben werden soll, die Form eines Hauptsatzes geben. So kann ich dem Satze: „Wir verehren diesen Mann, weil er unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben hat“, auch folgende Form geben: „Wir verehren diesen Mann, denn er hat unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben.“ Durch diese Umänderung erhält der Nebengedanke besonderes Gewicht.
b) Man strebe nach Ebenmaß in der Form der Sätze. Die wichtigste Regel ist hier folgende: Einander entsprechende Satzglieder (z. B.: Subjekt und Prädikat mit ihren Bestimmungen) oder Sätze (z. B.: beigeordnete oder parallele Haupt- und Nebensätze) müssen annähernd gleichen Umfang und möglichst gleiche grammatische Form haben. Da das Prädikat in der Regel den Hauptton trägt, so muß es mit seinen Bestimmungen meist größeren Umfang als das Subjekt haben, z. B.: „Ich höre staunend die Gewalt des Mundes, der mir von je so unheilbringend war.“ Das Tonverhältnis würde daher unschön sein, wenn das Prädikat geringeren Umfang hätte als das Subjekt, z. B.: „Der liebliche, von Blume zu Blume flatternde Schmetterling, ein Meisterwerk der Natur, ein kleines Wunder der Schöpfung, dessen kurze Lebenstage munterem Tändeln gewidmet sind, erfreut uns.“ Ebenso darf das Prädikat, wenn es oft auch größeren Umfang als das Subjekt haben muß, doch nicht unverhältnismäßig erweitert sein, wie in folgendem Satze: „Die Gemsenjagd ist ein gefährliches, schwindelfreien Kopf, kühnen Mut, gute Lungen und ausdauernde Muskelkraft erforderndes, gerade darum aber von gesunden, kräftigen Menschen begehrtes Vergnügen“ (statt: Die Gemsenjagd ist ein gefährliches Vergnügen; es erfordert schwindelfreien Kopf usw. Gerade darum aber wird es von gesunden, kräftigen Menschen gern aufgesucht). — Gleichmäßige grammatische Form haben die Sätze in folgender Periode: „So übt der Mensch in der Jugend seine Kräfte, damit er im Kampfe des Lebens nicht unterliege; so zieht er schwere Arbeit dem leichten Spiele vor, damit er des Lebens Preis erjage.“ Zu tadeln wäre es, wenn hier im zweiten Teile des Satzbildes auf diese Weise statt so, oder auf daß statt damit gesetzt würde. Durch schönes Gleichmaß der Form zeichnen sich folgende Sätze aus: „Das Buch war das beste, das ihnen die angenehme Ruhe ließ, im Lesen wenig zu denken, das ihnen das Vergnügen schaffte, hier und da ein Blümchen zu finden, ohne sich bücken zu dürfen, das sie in den süßen Traum einwiegte, das hier zu lesen, was sie selbst schon gedacht zu haben glaubten.“ Herder. — „Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, zeigt mir, daß Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem reinen schönen Wege in einer sicheren Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren, daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben.“ Goethe. — Ganz besonders fehlerhaft ist es, wenn von zwei beigeordneten Satzgliedern das eine als bloßes Satzglied, das andere als Nebensatz dargestellt wird, z. B.: „Er gönnte sich Tag und Nacht keine Ruhe aus Ehrgeiz und weil er nach Reichtum strebte.“ Ebensowenig darf man einen vollständigen Nebensatz einem verkürzten oder einer Apposition beiordnen, z. B.: „Der Dichter hat uns hier mit einem Werke beschenkt, so eigenartig, so ganz dem Geiste unserer Sprache und unseres Volkes entsprechend, und in welchem sich kühner Schwung der Rede mit hohem Fluge des Geistes paart.“
c) Dagegen muß jeder untergeordnete Satz anders gebaut sein, als der ihm zunächst übergeordnete. Verschiedenheit der Form ist hier ebenso unbedingtes Erfordernis wie bei parallelen oder beigeordneten Sätzen Gleichartigkeit der Form. So ist es zu tadeln, wenn zwei konjunktionale Objektsätze, von denen der eine dem anderen untergeordnet ist, gleichmäßig mit daß eingeleitet oder durch den bloßen Konjunktiv angeknüpft sind, z. B.: „Ich habe mich bemüht zu zeigen, daß der Charakter der vollkommen gebildeten Sprachen dadurch bestimmt wird, daß die Natur ihres Baues beweist, daß es dem Geist nicht bloß auf den Inhalt, sondern vorzüglich auf die Form der Gedanken ankommt.“ — „Mein Freund ließ mir sagen, er habe soeben gehört, mein Heimatsort sei durch eine Feuersbrunst eingeäschert worden“ (statt: er habe gehört, daß mein Heimatsort eingeäschert worden sei). Tadellos ist dagegen der Satz: „Man hoffte, er würde erkennen, daß seine Stellung unhaltbar geworden sei.“ — Überhaupt strebe man bei der Unterordnung nach möglichster Abwechselung nicht nur in der Form, sondern auch in der Art der Nebensätze. So ist der folgende Satz anstößig, weil die aufeinander folgenden untergeordneten Sätze immer wieder Attributsätze sind: „Die versammelten Zuschauer erhoben ein Gebrüll der getäuschten Rachsucht, welches demjenigen zu vergleichen ist, das der Tiger ausstößt, dem sein Wächter die Speise fortreißt, welche er eben verschlingen wollte.“
d) Man setze überhaupt die Unterordnung nicht durch eine zu lange Reihe von Gliedern fort, auch dann nicht, wenn die Nebensätze verschiedener Art sind. Schlecht gebaut ist z. B. der folgende Satz: „Die Leichtigkeit, mit welcher schnell eine nicht geringe Zahl bedeutender Kunstwerke auf einen Platz versammelt worden, zeigt zur Genüge, wieviel Vortreffliches Berlin in sich faßt, das, bei Privatpersonen zerstreut, nur diesen und den in jene Familien eingeführten Personen bekannt, dennoch dazu geeignet wäre, die Mehrzahl des kunstliebenden Publikums zu erfreuen, welches, um sich an der Vereinigung der königlichen Kunstschätze zu ergötzen, den vollendeten Bau des Museums erwarten muß; daher es gewiß sehr zu wünschen wäre, daß ein ähnliches festbestehendes Lokal zuvörderst sich hier befände, wo Besitzer schätzbarer Gemälde und Kunsthändler das Beste aus ihren Sammlungen zur Kenntnis des Publikums bringen, besonders aber auch die Künstler Berlins ihre zuletzt vollendeten Arbeiten aufstellen lassen möchten, um dadurch sowohl Raum für die neu angefangenen in ihren Ateliers, als mehr noch eine kostbare Zeit zu gewinnen, welche durch die Verpflichtung verloren geht, täglich diejenigen zu empfangen, welche neugierig zu einem oder dem anderen bekannt gewordenen Werke ihres Pinsels wallfahrten.“ A. v. Helwig.
e) Gleichförmiger Bau mehrerer Sätze, die aufeinander folgen, ist zu vermeiden. Anstößig ist es namentlich, wenn die Sätze immer wieder mit demselben Subjekt beginnen, z. B.: „Der Tiger ist ein prächtiges Tier, anmutig in seinen Bewegungen, aber von niedriger, grausamer Gemütsart. Er hat einen auf kurzen Beinen ruhenden Körper, wildrollende Augen und eine feuerrote Zunge, die er stets weit aus dem Rachen hervorstreckt. Er hat keinen anderen Instinkt als eine beständige Wut, einen blinden Grimm. Er wartet im Rohrdickicht, am Ufer der Seen und Flüsse auf die zur Tränke kommenden Tiere. Er sucht sich seine Beute aus oder vervielfältigt vielmehr seine Morde.“ (Besser: Der Tiger ist ein prächtiges Tier usw. Sein Körper ruht auf kurzen Beinen; die wildrollenden Augen und die feuerrote Zunge, die dieser Tyrann der indischen Wälder stets weit aus dem Rachen hervorstreckt, bekunden seine unersättliche Blutgier. Er hat keinen anderen Instinkt, als eine beständige Wut usw. Im Rohrdickicht, am Ufer der Seen und Flüsse wartet er usw. Dort sucht er sich seine Beute aus usw.)
30. Art der Verknüpfung.
a) Für die Zusammenziehung zweier Sätze gilt folgende Regel: Zwei Sätze dürfen nur dann zusammengezogen werden, wenn die Begriffe, die bei der Zusammenziehung nur einmal gesetzt werden, sowohl dem Inhalte als auch der grammatischen Form nach in beiden Sätzen völlig dieselben sind. So sind folgende Zusammenziehungen falsch, weil der Inhalt verschieden ist: „Der Knabe wird sechs Jahre alt, jetzt in die Schule geschickt und zunächst lesen lernen“ (das Verbum werden muß wiederholt werden; denn es ist das erstemal selbständiges Verbum, das zweitemal [wird geschickt] Hilfsverbum zur Bildung des Passivs, das drittemal [wird lernen] Hilfsverbum zur Bildung des Futurums). — „Der Kaufmann hatte sein ganzes Vermögen verloren und nur noch ein Haus in seiner Heimat“ (hatte ist das erstemal Hilfsverbum, das zweitemal selbständiges Verbum in der Bedeutung besitzen). — In folgenden Sätzen ist die grammatische Form nicht dieselbe: „Das erst ist die vollkommene Freiheit, einen Herrn weder zu haben noch zu sein“ (statt: weder einen Herrn zu haben, noch ein Herr zu sein). — „Der Brief, der heute früh angekommen ist und ich sofort gelesen habe.“ — Vgl. S. 40. — Ferner gilt als Regel, daß die zusammengezogenen Begriffe nicht ungleichartig seien, wie etwa in dem Satze: „Alle Georgier sind Christen, von Adel oder Bauern und geneigt zur Trunkliebe, gute Jäger und dem Erdbeben ausgesetzt.“ Auf solcher Zusammenstellung von Ungleichartigem beruhen vielfach die Witze Heinrich Heines.
b) Beigeordnete Nebensätze müssen durch dasselbe Pronomen oder dieselbe Konjunktion mit dem Hauptsatze verbunden werden. Zwei einander beigeordnete Relativsätze müssen z. B. beide mit der oder beide mit welcher eingeleitet werden. „Schon mancher Reisende ist ein Opfer der grausigen Schneewirbel geworden, die der Sturm in den Hochpässen umhertreibt und die (nicht welche) den Wandrer namentlich im Winter überraschen.“ Nicht gut ist der Satz: „Man suchte zu erforschen, wie der Schnee entstünde, auf welche Art (besser: wie) seine Kristalle sich zusammenfügten“ usw. Vgl. S. 46.