c) Die einzelnen Teile untereinander dagegen sind sich beigeordnet. Der eine Teil darf daher nicht wieder den anderen als Ganzes umschließen, sondern jeder Teil muß sich durch seinen besonderen Inhalt von dem anderen unterscheiden. Wollte ich also z. B. das Pflanzenreich in Phanerogamen, Kryptogamen und Zellpflanzen einteilen, so würde diese Teilung falsch sein, weil die Zellpflanzen wieder eine Unterabteilung der Kryptogamen bilden, die in Gefäßkryptogamen und Zellpflanzen zerfallen. Hieraus ergibt sich die dritte Hauptregel: Die einzelnen Teile müssen sich gegenseitig ausschließen.
Man erkennt aus diesen allgemeinen Regeln, daß das Wichtigste die Wahl des Einteilungsgrundes und die einheitliche Durchführung der Disposition nach dem gewählten Einteilungsgrunde ist. Der Einteilungsgrund muß so gewählt sein, daß er eine erschöpfende Behandlung des Wesentlichen gestattet, d. h. alles dessen, was dazu dient, den Gegenstand seinem Wesen nach darzulegen. Soll man z. B. ein Land schildern, so zerlege man es nicht äußerlich in einen nördlichen, südlichen, östlichen und westlichen Teil oder gar in einzelne von der Regierung geschaffene Bezirke, sondern man gehe seiner äußeren und inneren Beschaffenheit nach, so daß man etwa der Reihe nach seine Lage, seine Gewässer, seine Bodenverhältnisse, sein Klima, seine Erzeugnisse und seine Bewohner betrachtet. An dem einmal gewählten Einteilungsgrunde ist unbedingt festzuhalten, und es ist der gröbste Fehler, wenn sich in einer Disposition zwei verschiedene Einteilungsgründe durchkreuzen.
Endlich ist noch zu beachten die Art des Teilens selbst. Man unterscheidet die Einteilung (Division) von der Zerteilung (Partition). Die Zerteilung besteht darin, daß man ein Einzelwesen in seine Bestandteile zerlegt, die Einteilung darin, daß man eine Gattung in ihre Arten gliedert. Zerlege ich eine Pflanze in Wurzel, Stengel und Blüte, so habe ich eine Zerteilung vorgenommen; ordne ich aber die Pflanzen in Phanerogamen und Kryptogamen, so ist das eine Einteilung. In der Disposition werden nun Einteilung und Zerteilung aufs innigste verbunden. Durch die Einteilung finden wir die Arten, durch die Zerteilung die einzelnen Bestandteile, und die Disposition weist Arten und Teilen ihre rechte Stelle an. Ich kann die Hauptteile einer Disposition durch Zerteilung, die Unterteile der Hauptteile durch Einteilung finden oder umgekehrt, und ich kann überhaupt jeden Gegenstand zerteilen oder einteilen, da es mir frei steht, ihn als Einzelwesen oder Gattungsbegriff aufzufassen.
Über den „Wert einer guten Disposition“ äußert sich Herder in einem seiner Briefe an einen jungen Theologen in folgender Weise: „Disposition ist das Hauptwerk der Rede, sie ist das Gebäude, ohne welches alle äußere Bekleidung nichts ist. Deshalb habe ich Sie, mein Freund, vor allem Auswendiglernen schöner Ausdrücke, bunter Floskeln und Sentenzen so ernstlich gewarnt. Diese locken ungemein ab vom Wege, und der Jüngling, der solchen Irrlichtern folgt, ist verloren. Ein Mensch, der nach schönen Worten hascht, der halbe Seiten von Modesentenzen ausschreibt, hat kaum mein Vertrauen mehr; er tut eine kopflose, kindische Arbeit. Alle Blumen des Vortrages müssen aus der Sache selbst, an diesem Orte, an dieser Stelle, wie Blumen aus dem Schoße ihrer Mutter Erde, hervorgehen; die Kunst des Gärtners pflanzte und wartete sie nur eben an der besten Stelle. Da muß kein Bild, kein Satz, kein Komma sein, das nicht aus diesem Thema wie ein Ast und sein Zweig oder wie eine Blüte und ein Blatt aus solcher Wurzel an solchem Stamme notwendig erwüchse. Wenn’s hier nicht steht, so stehe es nirgends; aber die Rede ist dann unvollständig, sie hat, wie man bei Gemälden sagt, ein Loch, eine Lücke. Alle Fehler verzeihe ich gern, nur die Fehler der Disposition nicht. Steht, was untereinander gehört, neben-, was nebeneinander gehört, untereinander, wiederholen sich die Teile auf die schnödeste Weise, so daß, wenn von der Gefangennahme Christi geredet werden soll, gefragt wird: 1. Wer ihn gefangen genommen hat, 2. von wem er gefangen genommen worden ist; weiß endlich der Verfasser gar keine Sätze herauszuziehen, sie weder unter- noch nebeneinander zu ordnen; weiß er durchaus nicht, was dieser, was jener Teil der Rede sei oder sein soll — o weh, weh! Gehe er hin und lerne Logik!
Zur Gewöhnung an Disposition ist die frühe Erlernung einer oder der anderen Wissenschaft, die es nämlich am füglichsten erträgt, in wohlgefügten Tabellen das beste Verfahren. Dem Auge und der Seele gibt sie unvermerkt einen logischen Anblick. Ich weiß es sehr wohl, daß krause Köpfe auch durch tabellarische Form nicht glatt werden; ich weiß es auch wohl, daß, wenn man in jeder Periode wieder unendlich klein disponiert, man ein moleste sedulus, ein improbe artificiosus werde, der vor lauter Deutlichkeit stockdunkel, vor lauter Ordnung verworren wird und zuletzt das Ganze gar aus dem Gesicht verliert. Mißbräuche einer Sache heben aber die Sache nicht immer auf; immer bleiben Logik und Disposition die Grundlage des Vortrages.
Eine ganz andere Frage ist’s, ob man die Disposition wie ein nacktes Gerippe hinstellen soll. Das tut die Natur nicht, und die arme eingeschränkte Nachahmerin derselben, die Kunst, soll’s noch weit minder. Die Natur hat’s nicht mangeln lassen an schönen Formen; feste Formen aber, richtige und gerade Linien machte sie überall zum Wesen der Sache, das sie mit Schlängelungen und Krümmen überkleidet. Wenn Wolfs und insonderheit des Philosophen Baumgarten Schriften auch kein Verdienst hätten, so wäre es das, daß sie Ordnung in den Begriffen und die letzteren eine spartanische Kürze und Strenge in Worten lehren. So sehr Bako den Witz liebte, so genau disponiert sind seine besten Schriften. Aristoteles ist ein fester Knochenmann wie der Tod, ganz Disposition, ganz Ordnung. Wenn Winckelmanns Geschichte der Kunst kein ander Verdienst hätte, so wäre es das, daß man in ihr wie in einem griechischen Tempel zwischen Säulen und schöngeordneten Aussichten über Zeiten und Völker wandelt; sie ist das schöne Ideal einer wohlausgeteilten, hochangelegten Kunstgeschichte. Solche Bücher lesen Sie, mein Freund, exzerpieren Sie dieselben und lernen Sie danach Ihre Gedanken ordnen. Wer nicht disponieren kann, kann weder lernen noch behalten noch wiederholen; noch weniger werden die’s können, die ihn hören. Es ist arena sine calce; die geflügelten Worte versausen.“
42. Die Chrie.
Die Chrie (χρεία, d. i. Gebrauch, Nutzanwendung), eine von dem Rhetor Aphthonius im vierten Jahrhundert erfundene Form, ist eine Abhandlung über ein Sprichwort oder eine Sentenz nach bestimmten Gesichtspunkten. Die Disposition der Chrie ist genau vorgeschrieben und ist für jede beliebige Sentenz immer dieselbe:
a) Eingang (Exordium). Gewöhnlich wird hier der Autor der Sentenz gerühmt, oder es werden, wenn der Autor unbekannt ist, allgemeine Gedanken angeführt, die zu dem speziellen Gedanken der Sentenz hinleiten. Am Schlusse der Einleitung wird das Thema wörtlich angeführt.
b) Erläuterung des Themas (Expositio). Es wird eine genaue Wort- und Sinnerklärung der Sentenz gegeben.