GRÖSSERES BILD

VI.
Die Rani Umedi

Da der Grundzug der Regierung des neuen Vizekönigs von Indien, Lord Minto, Liberalität und Entgegenkommen, besonders den einheimischen Fürsten gegenüber, war, so machte es 1906 keine Schwierigkeiten, die notwendige Reiseerlaubnis zu erhalten, um zum fünften Male Europa aufzusuchen.

Doch die Ausgaben für die Palastbauten in Mussoorie und in Kapurthala, sowie die Kosten der Erziehung seiner Söhne erforderten große Summen. Daher sollte diesmal das Gefolge auf das Notwendigste beschränkt werden. Die sich ständig wiederholenden „Anfälle“ der Rani Kanari bestimmten ihn, von ihrer Begleitung abzusehen und dafür zwei andere seiner Zenanafrauen, die Maharani — die erste der Zenanafrauen — und die Rani Barbotti, deren Söhne sich in einer Schule bei Paris befanden, mitzunehmen.

Mit den Jahren und wohl auch infolge des Beispieles der Rani Kanari hatten sich ihre starren Kastenvorurteile etwas gemildert, und sie waren bereit, auf den Wunsch des Maharadscha, ihn zu begleiten, einzugehen. Dschagatdschit Singh hoffte, daß sie, fern der Heimat und der ständigen Überwachung ihrer indischen Umgebung entrückt, auch von ihren Skrupeln etwas aufgeben würden. Doch das Gegenteil trat ein. Sie legten es scheinbar darauf an, die Vorschriften ihrer Religion noch strenger als gewöhnlich zu beachten, schon weil sie durch ihre Reise über das „Kali Pani“, das Schwarze Meer, sich verunreinigt glaubten. Unermüdlich bestürmten sie den Maharadscha mit ihren Klagen über verletzte Kastengesetze, so daß er sich zum Schluß nicht anders zu helfen wußte, als sie möglichst weit von seinem eigenen Hotel unterzubringen.

Sicherlich kennt man in Indien weder Eifersucht noch wahre Liebe, und die Seele ist für den Inder nur eine Erfindung Europas. Der Maharadscha versorgte seine Frauen mit allen Bequemlichkeiten, erfüllte ihre tausend kindlichen Wünsche und ließ es ihnen an nichts fehlen. Wohl erhoben sie manchmal ein großes Jammern über seine Seitensprünge, doch zum Schlusse jammerten sie in der gleichen Weise über alles Mögliche, was sie zufälligerweise und vorübergehend unangenehm berührte. Die Untreue des Maharadscha entsprang vor allem seiner Erziehung, seiner Sehnsucht nach dem — doch immer unerreichbaren — Ideal einer europäischen Lebensführung, dem Suchen nach einer europäisch verstehenden Gefährtin, dem die unglückliche Rani Kanari immer noch am nächsten gekommen war, bis er sich auch von ihr enttäuscht sah.

Um soviel wie möglich den ständigen Szenen, die ihm von seinen Zenanafrauen aus allen möglichen und unmöglichen Gründen gemacht wurden, zu entgehen, und um seiner Eitelkeit einen neuen Rahmen zu geben, benutzte er die Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs Alfons XIII. von Spanien und begab sich nach Madrid. Er war zwar nicht eingeladen, hoffte aber, es eher zu werden, wenn er am Platze sei. Doch bei dem unvermeidlichen Ordensregen, der aus dem spanischen Hochzeitshimmel auf die teilnehmenden Gäste herabregnen würde, mußte auch der Maharadscha als Hochzeitsgast mit einem der stolzen spanischen Ehrenzeichen bedacht werden. Nun aber sieht es die indische Regierung nicht gern, wenn der Glanz ihrer eigenen Auszeichnungen auf der Brust der Träger durch die Pracht fremder Sterne und Kreuze überstrahlt wird. Daher unternahm die englische Botschaft in Madrid die notwendigen Schritte, um die Einladung zu hintertreiben.

Dafür wurde Madrid selbst um so gründlicher in Augenschein genommen. Kein Theater, kein Kasino, keine Stierkampf-Arena wurde ausgelassen. Im Verfolge dieser anstrengenden Beschäftigung landeten wir so eines Abends in dem „Kursaal-Varieté“, einer Bühne recht sehr zweiten Ranges. Die Darbietungen waren so mittelmäßig, daß wir schon im Begriff standen, wieder aufzubrechen, als zwei spanische Tänzerinnen, zwei Gitanas, erschienen, die etwa 16 und 17 Jahre alt sein mochten. Sie hatten kaum einige Schritte getanzt, als der Maharadscha mit allen Zeichen der höchsten Spannung die Bühne ins Auge faßte. Und in der Tat, die beiden Mädchen waren von ganz auffallender Schönheit. Kaum daß der Tanz beendet war, als Dschagatdschit Singh sich mit dem ganzen Selbstbewußtsein eines indischen Herrschers mir zuwendete und sagte:

„Dies ist die Erfüllung des Wunsches meiner Träume! Sie ist für mich geschaffen!“