Welche der beiden tanzenden Gitanas für ihn geschaffen sein sollte, war mir nicht klar. Und noch weniger konnte ich damals ahnen, daß nicht nur das Leben des Maharadscha, sondern auch mein eigenes, ja das aller Bewohner des ganzen Palastes im fernen Kapurthala Indiens von diesem Augenblick an den seltsamsten Veränderungen entgegengehen sollte.

Auf Wunsch des Maharadscha wurden die beiden Tänzerinnen zum Souper eingeladen, wobei die Mädchen in Begleitung ihrer Eltern, eines Servierkellners des Theaters als Vater und einer Logenschließerin als Mutter, erschienen. Da niemand von der Familie etwas anderes als Spanisch sprach, was weder der Maharadscha noch ich beherrschten, mußte unser Fremdenführer, ein Schweizer, dolmetschen.

Und die Schönheit der Mädchen verlor auch bei näherer Bekanntschaft nichts von ihrer Wirkung. Die für den Maharadscha „Geschaffene“ war die ältere und hieß Anita; der Name der jüngeren war Vittoria, und die Familie nannte sich Delgado.

So europäisch Dschagatdschit Singh sich auch in seinem Auftreten und in seinen Idealen zu geben bemühte, im Innern waren ihm europäische Anschauungen doch vollständig fremd. Als er mir daher mitteilte, daß er, genau wie er die Rani Kanari auf dem Sibi-Markte bei Simla gekauft habe, nun auch Anita kaufen wolle, und daß ich diesen Handel sofort in die Wege leiten und durchführen sollte, war ich weniger erstaunt als entsetzt.

Ich hatte noch vor der Abreise besondere Andeutungen seitens der anglo-indischen Regierung erhalten, nach jeder Richtung hin über das Verhalten des Maharadscha zu wachen, insoweit es seine Stellung und sein Ansehen in seinem Staate berührte. Was aber konnte in dieser Richtung gefährlicher wirken als eine weiße Rani, die nicht nur von der Meinung seiner Untertanen verworfen würde, sondern die auch in jeder Weise alle Anschauungen der Regierung selbst gegen sich haben mußte?

Doch trotz langer Auseinandersetzungen blieb der Maharadscha auf seinem mehr Befehl als Wunsch bestehen: Anita Delgado sollte gekauft werden! Umsonst wies ich ihn darauf hin, daß in Europa der Frauenkauf nicht möglich sei. Mit einer Handbewegung, wie sie der Sohn Massinissas, Jugurtha, der Numidier, gehabt haben mag, als er Rom mit dem Ausrufe verließ: „O Roma venerabilis, si emptorem invenerit!“, wiederholte er dem Sinne nach dieselben Worte: „Hier ist alles käuflich!“

Wie sollte ich ihm das, europäischem Denken so stark Zuwiderlaufende seiner Absicht klarmachen? Er verstand mich nicht, konnte mich aus seinen Anschauungen heraus auch nicht verstehen, — und wie die Entwicklung später zeigte, hatte er recht, nicht ich. Sowohl die Eltern Delgado, wie auch die Töchter waren ohne weiteres bereit, auf den Handel einzugehen.

Schweren Herzens entschloß ich mich zum Schluß, die Aufgabe in die Hand zu nehmen, denn ich wußte, daß er sonst ohne mich Mittel und Wege finden würde, die Angelegenheit durchzuführen, war er doch ebenso eigensinnig wie gutmütig, wenn es sich um etwas handelte, an das er sein Herz gehängt hatte. Und fremde Unterhändler würden sicher nicht verfehlt haben, das Ganze so oder so zu einem ungeheueren Skandal auszugestalten, was unter allen Umständen vermieden werden mußte. Das ewige Lavieren zwischen dem starrköpfigen Maharadscha und der nicht weniger dickköpfigen Regierung in Kalkutta erforderte oftmals mehr als Geduld und kluge Biegsamkeit.

Ich eröffnete also an einem der nächsten Tage die Verhandlungen mit den Eltern. Der Schweizer Fremdenführer hatte anscheinend schon vorgearbeitet und den guten Leuten den Reichtum des Maharadscha als unermeßlich, unfaßbar geschildert.

Ich war daher innerlich hocherfreut, als Papa Delgado mit fester Stimme als Grundlage jeder Verhandlung die für ihn sicherlich unvorstellbare Summe von zweimal hunderttausend Pesetas verlangte. Mama Delgado stimmte stürmisch zu, und die beiden Mädchen starrten mit glänzenden und erwartungsvollen Augen mir auf den Mund.