„Zweihunderttausend Pesetas! Docientas mil pesetas!“ wiederholten die Eltern, sich gegenseitig anfeuernd.
Nun war es bei der Finanzlage des Maharadscha und bei den großen Auslagen, die er zurzeit hatte und noch längere Zeit hindurch haben würde, ganz ausgeschlossen, daß diese Summe gezahlt werden konnte. Daher meine Freude. Mit aller Diplomatie suchte ich zwar „den Preis zu drücken“, wobei ich aber vorsichtig war, nicht zu weit zu gehen, denn mir lag gerade daran, daß die Leute hartnäckig bei ihrer Forderung blieben. Darin unterstützte sie der Schweizer Fremdenführer auf das eifrigste und ein dritter Mann, Carlo, der sich als Bräutigam Anitas einführte und plötzlich auf der Bildfläche erschien, komplizierte die Sache noch mehr, indem er mit rachedrohenden, feurigen Blicken dem Maharadscha Schrecken einjagte. Diese Verhandlungen nämlich zogen sich lange hin, wurden an den unmöglichsten Orten, im Kaffeehaus, im Kursaal-Varieté, im Restaurant geführt. Stets war Anita zugegen, und ihr Anblick stachelte immer aufs neue die Leidenschaft Dschagatdschit Singhs an. Ihre Blicke verrieten nur zu deutlich, wie gern sie „die Lieblingsfrau des Maharadscha“ geworden wäre.
Doch, docientas mil pesetas! Unmöglich!
Unter dem Zwange dieses Unmöglich und auch etwas infolge der drohenden Blicke des heißblütigen Carlo wurden endlich zu meiner großen Erleichterung die Verhandlungen abgebrochen, und wir kehrten nach Paris zurück.
Doch Anitas Bild verließ Dschagatdschit Singh nicht. Nichts als „sie, die Einzige“, sie, die die Wünsche seiner Träume oder die Träume seiner Wünsche erfüllte, wie er ständig wiederholte, gab es noch auf dieser Erde!
Umsonst kam ich immer wieder auf meine Darlegungen der politischen Seite der Angelegenheit zurück; umsonst wies ich auf die mißliche Lage der Finanzen hin; umsonst auf die Unmöglichkeit, sich mit einer nur spanisch sprechenden Tänzerin zu verständigen, — nichts half. Anita mußte gekauft werden, aber wie? von was? woher die docientas mil pesetas nehmen?! Selbst zur Beschaffung der Hälfte der Summe mußte ich einige Geschäfte durchführen, an die ich nur mit dem größten Unwillen herangehen mochte. Und ich wußte auch, wie die Regierung dachte.
Entweder konnte ich einige Liegenschaften auf britischem Gebiet verkaufen, oder einen Teil der alten Staatsjuwelen der „Toscha Kana“. Für die letzteren lag schon ein Angebot der Firma Hamilton & Co. in Kalkutta vor, die mir mitgeteilt hatte, daß sie eine ziemlich bedeutende Summe zu zahlen bereit sei. Ob sie dabei ein gutes Geschäft machen würde, war ihre Sache. Die „Toscha Kana“ von Kapurthala war nicht die von Baroda, und ich wußte, daß unter den Gegenständen, die die Schatzkammer füllten, manches Unechte und Minderwertige sich befand, und daß selbst von den großen Smaragden nur sehr wenige fehlerfrei waren. Doch immerhin, das Geld war gut und konnte den finanziellen Horizont etwas klären.
Bei den Liegenschaften handelte es sich in erster Linie um zwei Gebäude von historischer Bedeutung. Das eine war ein Haus in Lucknow, das schon mehr Schloß genannt zu werden verdiente. Es war früher ein Gartenpalast der Könige von Oudh gewesen und hieß „Luxmi Bagh“, Garten des Glückes.
Um dieses Gebäude hatte der Kampf der englischen Truppen mit den Aufständischen 1857/58 am heftigsten getobt. Als die Generale Havelock und Cutram zum Entsatz von Lucknow herbeieilten, war es ihr erstes gewesen, diesen starken Stützpunkt zu stürmen. Hierbei hatte sich der Großvater Dschagatdschit Singhs, der Radscha Ranghir Singh, mit seinem Truppenkontingent besonders hervorgetan, wofür ihm die anglo-indische Regierung das Schloß schenkte.
Das andere Haus lag in Lahaur. Sein Garten umschloß das Grabdenkmal des französischen Generals Lacroix, der die Sikh-Armee, die unter dem berühmten Maharadscha Radschit Singh, dem „Löwen des Pundschab“, kämpfte, ausgebildet hat. Es war dem Urgroßvater Dschagatdschit Singhs, dem Sirdar Nehal Singh, von dem damaligen König des Pundschab geschenkt worden und hieß „Kuschi Bagh“, Garten der Zufriedenheit.