Käufer für diese verschiedenen Häuser zu finden, wäre nicht schwer gewesen, doch der britische Sirkar hätte dabei erwartet, als Ausdruck der Ergebenheit des Maharadscha ebenfalls mit einem Gebäude, das als Kaserne, als Krankenhaus oder als Beamtenwohnung dienen konnte, bedacht zu werden. Sehr wahrscheinlich aber hätte die Regierung diese Häuser nicht aus dem Auge und der Hand gelassen, so daß nicht viel mehr herausgesprungen wäre, als die Zuerkennung von einer erhöhten Zahl Kanonenschüsse im Salut, die den indischen Fürsten je nach ihrem Range zustehen und die der Zahl nach von dem britischen Vizekönig verliehen werden.
Alle diese Dinge waren auch dem Maharadscha bekannt. Doch seine Sehnsucht nach Anita verzehrte ihn zu heftig, als daß er meinen Bedenken Gehör geschenkt hätte. Dann kam ein französisch abgefaßter Brief der Gitana. Sie teilte darin mit: der Maharadscha solle sich nicht um die Äußerungen des Vaters Delgado kümmern. Sie werde mit ihm, ebenso wie mit Carlo, der kein Recht habe, sich ihren Bräutigam zu nennen, fertig werden. Nur solle der Schweizer Fremdenführer aufhören, ihren Eltern den Kopf zu verdrehen. Wenn Seine Hoheit sich ihrer annehmen wolle, so möge er am besten den europäischen „capitano“ senden, der sicher der Mann sei, die Angelegenheit zu einem guten Ende zu führen. Mit dem „capitano“ meinte sie mich.
Nun gab es für den Maharadscha kein Halten mehr. Kein Hinweis, keine Bitten, keine Drohung mit der Mißgunst der Regierung halfen. Ohne seine „Lotosblume“ könne er nicht weiter leben, und ich mußte mich von neuem auf den Weg nach Madrid machen, die schöne Gitana zu „erwerben“.
Mit heller Freude wurde ich von den Schwestern und der Mutter begrüßt, als ich sie in ihrer Wohnung in einem der abgelegenen Viertel der Stadt aufsuchte. Der Vater war nicht anwesend. Nur Carlo warf mir wütende Blicke zu.
Der Maharadscha hatte mir bis zu hunderttausend Pesetas freie Hand gelassen. Doch auch das war mir viel zu viel. Wir brauchten das Geld nötiger für andere Zwecke. Ich hörte die Klagen der Mutter, die stürmischen Bitten der Schwestern und die schon jetzt auf Entschädigung zielenden Äußerungen Carlos geduldig mit an und bot am vierten Tage — fünfundzwanzigtausend Pesetas, die überwiesen werden sollten, sobald Anita in Paris eingetroffen sei.
Ich hatte auf eine glatte Ablehnung gehofft. Doch der Sturm der Klagen und Bitten verstummte. Mama Delgado war einverstanden. Sie machte nur zwei Bedingungen: erstens müsse Vittoria ihre Schwester begleiten und zweitens müsse man sie selbst mit nach Paris nehmen. Denn als liebende Mutter der teuren Töchter wolle sie sich überzeugen, wie sie untergebracht würden.
Auf meine Mitteilung dieses „Abschlusses“ gab der Maharadscha, der in den Tagen der Verhandlungen Anita mit Telegrammen bestürmt hatte, umgehend und telegraphisch seine Zustimmung, und ich reiste, begleitet von den drei Damen, nicht ohne sie vorher noch in entsprechende Gewandung gesteckt zu haben, mit dem Süd-Expreß nach Paris.
Hätte ich damals gewußt, wie Anita sich entwickeln und welch guten Einfluß sie auf den Maharadscha ausüben werde, mir wären viele Sorgen und manche schlaflose Nacht erspart geblieben!
Auf dem Orleans-Bahnhof in der französischen Hauptstadt empfing uns der persönliche Adjutant des Maharadscha, Leutnant Tschatterdschie, allein, ohne Dschagatdschit Singh! Anita tobte vor Entrüstung. Kaum konnte ich sie zum Verlassen des Bahnsteiges überreden. In einem Hotel dritten Ranges waren Zimmer für die Damen Delgado genommen. Dies steigerte den Zorn der schönen Gitana ins Maßlose. Sie brach in Tränen aus, verwünschte sich, mich, den Maharadscha und die ganze Welt und erklärte, lieber ginge sie zu Fuß nach Madrid zurück als hier zu bleiben.
Der Grund der Abwesenheit des Maharadscha bei der Ankunft war ein Fest, das der Prinz de Broglie ihm zu Ehren gab und wo er nicht gut durch Abwesenheit glänzen konnte. Doch damals war Anita das Triftige dieser Abhaltung noch ganz unverständlich. Ihre Entrüstung und ihre Verzweiflung waren so ernst, daß ich dem Maharadscha sofort Nachricht zukommen ließ, der, eine plötzliche Erkrankung der Maharani vorschützend, umgehend das Fest verließ und nach dem Hotel Ritz, wo er wohnte, zurückkehrte. Dort möge, ließ er mir mitteilen, Anita ihn im Salon erwarten. Nur mit Schwierigkeit gelang es endlich der Mutter, die um ihre 25000 Pesetas besorgt war, Anita zu bewegen, mir in das Hotel Ritz zu folgen. Der Maharadscha erwartete sie, angetan mit allen seinen Orden, vom Kapurthala-Hausorden bis zum Stern von Indien, und am Turban ein großes Diamanten-Diadem, um Anita von seiner Würde zu überzeugen.