Bald nach dem Ende der Pariser Saison mußte der Maharadscha nach London, um dort seine Staatsbesuche zu machen. Die Maharani und die Rani Barbotti sollten zunächst über die Existenz Anitas nichts erfahren, was natürlich nicht durchführbar war, denn die Söhne kamen ständig von ihren Schulen zu kurzen Besuchen nach Paris und liebten es, ihren Vater zu überraschen. Dabei traf denn auch eines Tages der junge Tika Sahib, der Sohn der Maharani und Thronfolger, mit Anita zusammen, wodurch die ganze Angelegenheit an den Tag kam.

Nach kurzem Aufenthalt in London siedelte der Haushalt des Maharadscha nach Puys in der Nähe von Dieppe über, während Dschagatdschit Singh mit Anita in Dieppe selbst Wohnung nahm. Trotz allen Sträubens der Maharani und der Rani Barbotti ruhte der Maharadscha nicht, bis er Anita ihnen vorstellen konnte. Mit Tika Sahib wurde sie bald gut Freund. Ihr Besuch bei den beiden Damen der Zenana war für Anita mit ganz bestimmten Absichten verbunden, wie sie denn nichts ohne reifliche Überlegung tat und ohne sicher zu sein, daß ein jeder solcher Schritt auch für ihre Zukunft von Bedeutung war.

Noch vor der Abreise nach Kapurthala konnte sie dem Maharadscha mitteilen, daß sie ihm ein Kind schenken werde. Sie war stolz und glücklich, die Mutter eines „Prinzen“ zu werden, und er glücklich und stolz, einen „weißen“ Sohn erhoffen zu dürfen. Natürlich war jetzt nicht mehr daran zu denken, daß sie Dschagatdschit Singh in diesem Jahre nach Kapurthala begleiten könne.

Nach einem schönen, in Baden-Baden verlebten Herbste wurde Anita bei dem Pariser Agenten des Maharadscha einquartiert, und Dschagatdschit Singh trat schweren Herzens die Heimreise nach Indien an.

In Kapurthala war die ganze Angelegenheit schon bei unserer Ankunft Bazargespräch. Durch ihren Sohn, der in Rouen zur Schule ging, war die Rani Kanari auf das Genaueste unterrichtet. Alle Zenanadamen schlossen sich zu einer Intriguenfront zusammen, um die Weiße zu verdrängen. Doch nichts konnte den Maharadscha seiner geliebten Lotosblume abtrünnig machen. Selbst wenn es ihm Rang und Titel kosten sollte, von ihr würde er sich niemals trennen!, erklärte er mir bestimmt.

Und der Einfluß Anitas, der schon in Dieppe und in Baden-Baden sein äußeres Benehmen europäischer gemacht hatte, was sich besonders in seinen Tischmanieren zeigte, die früher noch recht indisch gewesen waren, hielt sogar in Kapurthala vor. Die herrlichen Wintermonate gingen ohne die sonst üblichen rauschenden Festlichkeiten vorüber. Kaum daß er hin und wieder einige Einladungen versandte. Und von der früher so hochgeschätzten Aristokratie mochte in Bombay landen, wer wollte; er trug kein Verlangen, sich in seinem Schloß Kapurthala stören zu lassen. Seine einzige Sorge war der pünktliche Eingang der wöchentlichen Post aus Europa und die Nachrichten, die er über Anitas Befinden erhielt. Endlich kam die Mitteilung, daß ihn ein — wohl nahezu weißer — Sohn in Paris erwarte — und sofort war er von neuem nach dort unterwegs.

Diesmal stellte er sogar mich zur Disposition. Ich erhielt sechs Monate Urlaub, in dessen Verlauf ich ihn in Paris besuchte. Anita empfing mich so freudestrahlend, daß der Maharadscha sich zurückgesetzt fühlte und bemerkte, sie scheine sich mehr zu freuen, mich wiederzusehen, als ihn selbst. Auch zu dem Jungen konnte ich beide nur beglückwünschen, denn er war wirklich von einer auffallend hellen Hautfarbe.

Immerhin, ich kürzte meinen Besuch soviel wie möglich ab und traf auch an den anderen Orten, wo sie sich späterhin aufhielten, nur vorübergehend ein.

Dabei fiel mir auf, daß der Maharadscha Anita als Rani von Kapurthala betitelte, und ich begann zu fürchten, daß er die Absicht habe, sie tatsächlich nach Indien mitzunehmen. Mit dem Aufwande meiner ganzen Beredsamkeit suchte ich ihn davon abzubringen, denn die möglichen Folgen erschienen mir zu unheimlich. Ganz abgesehen von der Haltung der Regierung gegenüber einem solchen Schritte, würde die Bevölkerung ihn ebenfalls nicht mit Freude begrüßt haben, und wenn auch nicht ihm, dem Maharadscha, so doch Anita Unannehmlichkeiten bereiten. Außerdem war, wie ich wohl wußte, die Haltung der anderen Zenanadamen so feindselig wie nur möglich, und ich fürchtete, der Haß der indischen Frauen gegen die Weiße möchte sich zu Taten hinreißen lassen, die nicht wieder gutzumachen sein würden. Im Dunkel der zahllosen Gänge und Gemächer der weitläufigen Paläste ist ein Fall mit tödlichem Ausgang leicht geschehen. Gift, schnelles und schleichendes, ist nicht so schwer zu beschaffen und noch leichter beizubringen; in den weiten Gärten sind Unfälle keine Unmöglichkeit — kurz, all die Tatsachen und die Gewißheit, daß absolut keine, außer rein äußerliche, Gründe die Familienfeindinnen Anitas davon abhalten würden, gegen sie vorzugehen, ließen mich nur mit den schwersten Bedenken den Gedanken einer Überführung der Gitana nach Indien überhaupt in Erwägung ziehen.

Doch selbst wenn aus irgendwelchen Gründen diese letzten Mittel nicht ergriffen werden sollten, so gab es an einem indischen Hofe noch tausend andere Möglichkeiten der Intrigen und geheimen Nachstellungen von so unglaublich schmutziger Art, daß ihnen ein soeben aus Europa eintreffendes weibliches Wesen unmöglich zu begegnen wissen konnte.