Anscheinend fügte sich schließlich der Maharadscha auch meinen Einwendungen, und es wurde bestimmt, daß Anita unter der Obhut meiner eigenen Frau in Europa bleiben solle. Wir reisten zurück nach Indien, und außer den Berichten meiner Frau und den Nachrichten, die der Maharadscha mir hin und wieder gab, hörte ich nichts über die Gitana, bis eines Tages Dschagatdschit Singh mir mitteilte, Anita werde in Begleitung meiner Frau mit dem Dampfer „Nera“ in einigen Tagen in Bombay eintreffen. Ich möge mich doch bereit halten, die Damen dort abzuholen!
Ich war regelrecht überrumpelt worden!
Als ich meinem Erstaunen und meinem Unwillen Ausdruck gab, beschwichtigte der Maharadscha meine Bedenken mit dem Hinweis, daß er vor der Stadt in der Villa „Buena Vista“ mit Anita wohnen werde. Auch sollten einige indische, in der Eingeborenensprache erscheinende Zeitungen gekauft werden, um in der Bevölkerung für Anita Stimmung zu machen. Mit der anglo-indischen Regierung würde sich schon ein modus vivendi finden lassen, wenn erst einmal die schöne Spanierin in Berührung mit den anglo-indischen Kreisen gekommen wäre. Ich solle, angeblich zum Ankauf von Pferden, nach Bombay reisen und die Damen dann nach Kapurthala bringen. Hinter meinem Rücken war also schon alles geplant und abgemacht worden! Und im übrigen: niemand könne diese schwierige Sache besser als ich durchführen, er rechne auf mich und so weiter, schloß der Maharadscha seine Beschwörung.
Doch was würden die Zenanadamen dazu sagen? Was würden sie tun? Besonders die Rani Kanari?! —
„Nichts, denn wir werden in der Villa wohnen“, antwortete der Maharadscha auf alle Einwendungen, als ob das irgendein Hemmnis für die möglichen Anschläge gewesen wäre.
Nein, ich fürchtete die unausbleiblichen Folgen, die schlimmsten Überraschungen, und bat den Maharadscha um meine Entlassung. Den Intrigen, die jetzt sicher einsetzen würden, sah ich mich nicht gewachsen. In Europa würde ich gern jederzeit zu seiner Verfügung stehen. Doch auf alles, was ich vorbrachte, antwortete er nur, daß, solange er regiere, an meinen Abschied nicht zu denken sei.
Das nahm mir meine Sorgen nicht, und mit sehr gemischten Gefühlen ging ich daran, meinen Auftrag auszuführen.
Ich fuhr nach Bombay und nahm Anita, von meiner Frau begleitet, in Empfang. Als die Damen wieder festen Boden unter den Füßen fühlten, waren sie sehr zufrieden. Doch das dauerte nicht lange. Ich hatte, um Aufsehen zu vermeiden, Zimmer im Apollo-Hotel genommen. Das erste Hotel in Bombay aber ist das Tadsch-Mahal-Hotel. Das war sofort ein Grund zu Klagen. Für Anita gab es kein größeres Vergehen, als ihre Schönheit zu verdecken, um so mehr als sie sich jetzt schon als Prinzessin fühlte.
Die Tage des Aufenthalts in Bombay wurden mit der Besichtigung der großen Kaufläden ausgefüllt, und trotz der langen, ständig eintreffenden Telegramme des Maharadscha ließ sich Anita nicht bewegen, eher abzureisen, als bis sie alles besichtigt hatte, was Bombay an Damenausstattungsgeschäften besitzt. Endlich reiste man ab. Nicht im Kapurthala-Staats-Salonwagen — aus guten Gründen —, sondern einfach in einem Spezial-Salonwagen erster Klasse. Zweite Entrüstung!
Das Gesicht, mit dem sie den zum Bahnhof Kapurthalas, Kartapur, ihr entgegengeeilten Maharadscha empfing, war auch danach. Sie begann sofort, ihm alles vorzuwerfen, was sie auf der Reise erduldet hatte.