Nachdem sie den begleitenden Adjutanten Lala Schiv Narain sehr scharf gemustert hatte, nahm sie in dem Kraftwagen Platz, der sie nach der Villa „Buena Vista“ brachte.
Mit welcher Sorge sah ich der Zukunft entgegen! Und doch, wie hatte ich mich getäuscht! Zwanzig Jahre Indien, zwanzig Jahre, die ständig in dem Ränkespiel eines indischen Hinduhofes verbracht worden waren, hatten meinen Blick für die gleichen Eigenschaften einer spanischen Gitana getrübt. Für mich war sie die Vertreterin europäischer Grundbegriffe, europäischer Moral, europäischer Ethik, welche gegen die Hinterlist, Tücke und die Skrupellosigkeit, wie sie in den verborgenen Gemächern der Zenana in höchster Vollendung sich auslebt, waffenlos war. Ich hatte eins übersehen: daß Anita als Gitana, als Zigeunerin, trotz ihres Geburtsortes Malaga, indische Instinkte besitzen mochte, stammen doch die Zigeuner aus dem Lande des Ganges. Sie zeigte sich ihren Widersachern mehr als gewachsen und verlor keine Sekunde, zum Angriff überzugehen.
Palastgarten zu Kapurthala
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GRÖSSERES BILD
Die Rani Umedi mit Kaufurkunde
Sie hatte es verstanden, sich vor ihrer Ankunft auf das Genaueste mit den Verhältnissen in Kapurthala vertraut zu machen. So war ihr auch mitgeteilt worden, daß die Rani Kanari in den Armen eines Adjutanten des Maharadscha Trost für die Vernachlässigung seitens ihres Herrn und Gebieters suche. Dieser Adjutant war ihr nach Gesicht und Ansehen genau beschrieben worden, und in Lala Schiv Narain, der mit Dschagatdschit Singh zu ihrem Empfang auf dem Bahnhof erschienen war, erkannte sie sofort den angeblichen Liebhaber der Rani Kanari. Während der Fahrt nach der Villa machte sie daher schon dem Maharadscha die heftigsten Vorwürfe, daß er gewagt habe, sie in Begleitung des Geliebten seiner Frau zu empfangen, und verlangte kategorisch, daß er sich vollständig von der Rani Kanari zurückzöge, was der im Besitz seiner „Lotosblume“ froh erregte Dschagatdschit Singh ohne weiteres zusagte.
Um nun ihre Stellung der Außenwelt gegenüber so fest wie möglich zu machen, kam dem Maharadscha der Gedanke, Anita zu überreden, zum Hinduglauben überzutreten.