Er hatte erwartet, großen Widerstand zu finden. Aber Anita übersah blitzschnell die Lage und die Vorteile, die ihr dies hinsichtlich der Zenanadamen bot. Ohne Besinnen willigte sie ein.
An und für sich ist ein Übertritt vom Christentum zum Heidentum des Hinduismus nicht möglich. Doch Dschagatdschit Singh als Maharadscha und unbeschränkter Gebieter konnte in einem so außergewöhnlichen Falle die Zeremonien von einem willfährigen Priester durchführen lassen.
Das Verhalten Anitas war mir ein Rätsel. Wo hinaus konnten ihre Pläne zielen? Welche Absichten verfolgte sie? Daß sie viel verschlagener war, als ich früher angenommen hatte, schien mir sicher. Ihr Entschluß, als spanische Katholikin zum Heidentum überzutreten, veranlaßte selbst meine Frau, die soweit stets zu ihr gehalten hatte und streng der allein seligmachenden Kirche anhing, sich von ihr zu lösen, wozu auch der Druck beitrug, den die anderen Zenanafrauen auf sie ausübten, und die von ihr eine Entscheidung forderten, entweder zu ihnen zu halten oder bei der Fremden zu bleiben und die Folgen zu tragen.
Die Vorbereitungen zu dem Übertritt, der hochoffiziell und mit einem Fest verbunden vor sich gehen sollte, wurden in die Wege geleitet. Doch Anita war auf ihrer Hut und unterließ nichts, ihre Stellung zu festigen. So gelang es ihr sogar, den erst als Liebhaber der Rani Kanari verdächtigten Lala Schiv Narain auf ihre Seite zu ziehen und ihn zum willfährigen Sklaven ihrer Befehle zu machen.
Um auch bei den englischen Besuchern Eindruck zu erwecken, nannte sie sich mit Zustimmung des Maharadscha „geb. Baronin Anita Del Gado de Malaga“ und gab vor, von einer Familie zu stammen, die in den Kreuzzügen und Maurenkriegen ihre Besitztümer verloren hatte. Der Kursaal von Madrid war ihrem Gedächtnis ganz entschwunden. Nur eins vergaß sie nicht: daß nämlich außer dem Maharadscha auch ich von den näheren Umständen Kenntnis hatte, die sie mit Dschagatdschit Singh zusammengebracht hatten. Dies mußte auch der Grund sein, weshalb sie mir immer schärfer entgegentrat. Ich verhielt mich trotzdem vollständig zurückhaltend, ohne aber zu verfehlen, ihr in jeder Weise, auch in den kleinen Dingen, zu Diensten zu sein, ihr stets tadellose Pferde, beflissene Diener zu stellen und all die Angelegenheiten in ihrem Interesse zu ordnen, in die an einem indischen Hofe so viel Möglichkeiten zu Verdruß, zu Ärger, ja zu persönlichen Gefahren von einer geschickten Hand gemischt werden können. Doch all dies schien ihr zu entgehen. Ich beschloß daher, mich auf das äußerste zusammenzunehmen. Hier in Indien haben nicht nur die Wände und Türen, sondern die Luft und jeder, selbst der harmloseste Gegenstand, Augen und Ohren.
Immer näher kam der Tag des Übertritts. Immer augenfälliger wurde Lala Schiv Narain ihr ergebener Diener, und selbst Tschatterdschie, der bengalische Leutnant, der den Kaufvertrag mit ihrer Mutter aufgesetzt hatte, begann ganz auf ihrer Seite zu stehen.
Die Rani Kanari schloß sich in ihre Gemächer ein und brütete über Racheplänen. Doch ein Werkzeug nach dem anderen schien ihr zu entgleiten, um sich der Nebenbuhlerin gegenüber behaupten zu können. Sicherlich wollte sie Anita verderben, durch Gift oder Unfall beseitigen. Aber ihr Sturz nahm ihr alle Freunde und muß sie so einsam gemacht haben, daß sie rein praktisch den Racheakt nicht mehr auszuführen vermochte. Vielleicht hatte ihre Trunksucht auch ihren Willen so geschwächt, daß sie über dem Ersinnen ihrer Vernichtungspläne nicht mehr die Kraft zur Durchführung aufbrachte. Immer mehr und zum Schluß ganz schrankenlos ergab das unglückliche Wesen sich dem Kognak, so daß ihr einst so schöner Körper die verbitterte, vereinsamte, verzweifelte Seele nicht mehr zu halten vermochte. Nach kurzen Monaten erlöste sie der Tod, und ihre Asche wurde den schmutzigen Wellen des heiligen Ganges übergeben.
Mit den kostbarsten Saris — Seidenschals — und anderen Bekleidungsstücken aus der Garderobe der damals noch lebenden Rani Kanari wurde, ohne Rücksicht auf die Gefühle der einstigen Lieblingsfrau, Anita zur Feier ihres Übertrittes zum Heidentum bekleidet.
Zahlloses Publikum, Neugierige, Bekannte und eingeladene Freunde waren herzugeeilt. Ein ähnliches Ereignis hatte das Kaiserreich Indien noch nicht gesehen.
Die eigentliche Zeremonie fand in einem kleinen Zeltlager statt, das nahe der Villa aufgeschlagen worden war. Der Maharadscha erschien in seiner Nationaltracht, um dem Fest den höchsten Glanz der Würde zu verleihen. Anita war in Schals und Schleier gehüllt, die die graziösen Bewegungen ihrer Figur nur noch eindrucksvoller, gefälliger machten.