Der Altar des amtierenden Priesters war in der Schamiana, einem viereckigen Zelt mit flachem Dach, errichtet und war nicht mehr als ein kleines niederes Pult, hinter das ein großes, weißes Kissen für den Pandit Guru, den hohen Sikhpriester, der die Handlung vornahm, gelegt war. Zwei andere Kissen für den Maharadscha und Anita befanden sich ebenfalls dort. Den ganzen Boden bedeckte ein völlig weißer Teppich.
Als Dschagatdschit Sing und die Gitana mit untergeschlagenen Beinen vor dem Altar Platz genommen hatten, murmelte der Priester, von einem anderen assistiert, einige Sprüche. Sodann schlug er aufs Geratewohl ein etwa faustdickes Buch, die Guru-Bibel, auf und verkündete aus ihr den Sikhnamen: „Umedi“, den Anita fernerhin tragen sollte. Aufstehend tauchte er den Zeigefinger in eine Schale mit rötlicher Flüssigkeit und malte ihr ein Zeichen auf die Stirn, wobei er laut ausrief, daß sie nun der unvergleichlichen Kaste der Kahlsa Sikh angehöre.
Anita zeigte keine Spur von irgendwelcher Erregung. Sie schien niemals etwas anderes erwartet zu haben. Mich aber bedrückte die Frage, weshalb sie wohl auf diese ganze Komödie eingegangen sei?
Nachdem der Guru sich wieder auf sein Kissen niedergelassen hatte, schlug er eine neue Seite des Buches auf und fand, was notwendig war, um die Rani Umedi auch nach Sikhrecht zur Gemahlin des Maharadscha zu machen. Gefolgt von seinem Assistenten, umwand er beide mit einem langen Jasminblütenband, worauf der zweite Priester sie von dieser leichten Fessel wieder befreite, was die Erreichung der höchsten Gnade der Hindugötter andeuten sollte.
Damit war die Feier vorüber, und der Maharadscha mit der neuen Hindu-Rani Umedi verließ mit den Gästen das Zelt. Ein paar Reden, einige Glückwünsche, und der offizielle Teil der Feier war beendet.
Als ich mich am nächsten Tage meiner Gewohnheit gemäß zum Maharadscha begab, fand ich ihn mit Anita beim Frühstück. Beide außergewöhnlich verstimmt. In verbissener Schweigsamkeit saßen sie sich gegenüber. Als die Rani Umedi mich gewahr wurde, stand sie auf und verließ das Zimmer, die Türe hinter sich ins Schloß werfend. Fragend sah ich den Maharadscha an. Er bat mich in sein Arbeitszimmer. Gespannt auf das, was ich hören würde, und was mir vielleicht den Schlüssel zu Anitas eigentümlichem Verhalten mir gegenüber geben konnte, folgte ich ihm. Kaum eingetreten, schloß der Maharadscha die Tür und erzählte mir mit allen Zeichen der heftigsten Erregung, daß die Rani Umedi geradezu Unmögliches verlange.
Sie habe ihm erklärt, daß, da sie jetzt auch nach den Lehren der Hindu und den Kastenvorschriften der Sikh seine rechtmäßige Gattin sei, sie darauf bestände, sofort in den Palast zu Kapurthala überzusiedeln. Aber allein wünsche sie dort zu sein! Die Maharani und die anderen Rani wären umgehend zu entfernen. Ganz besonders schnell die Rani Kanari. Von jetzt ab gäbe es nur eine gesetzmäßige Gemahlin und Königin von Kapurthala, und das sei sie selbst!
Als er ihr klarzumachen versucht habe, daß ihr Verlangen Unmögliches fordere, habe sie zu immer heftigeren Ausdrücken gegriffen, so daß zuletzt ein Wortwechsel entstanden sei, der seinen Zorn so weit gesteigert habe, daß er ihr vorwarf: sie habe wohl die Erinnerung an ihre Herkunft vergessen!; ob sie nicht mehr wisse, für welch lächerliche Summe er sie von ihrer Mutter erstanden habe? Obgleich der „capitano“ freie Hand bis zu hunderttausend Pesetas gehabt habe, seien ihre Eltern froh gewesen, sie für 25000 loszuwerden.
Dieses dem Maharadscha entschlüpfte Geheimnis, daß ich nur den vierten Teil für Anita bezahlt hatte, den er auszulegen bereit gewesen wäre, und dies nicht zu meinem eigenen, sondern zum Vorteil Dschagatdschit Singhs, mußte, das wurde mir sofort klar, den äußersten Haß der Gitana herausfordern. Schon war ich ihr ein Dorn im Auge wegen meiner Kenntnis ihrer Herkunft überhaupt. Jetzt noch zu wissen, daß ich das Interesse der Börse des Fürsten ihrem eigenen vorangestellt hatte und dies gegebenenfalls auch verraten könne, würde sie zu den gewagtesten Schritten verleiten, um mich zu entfernen. Wenn ich so auf der einen Seite mit der unversöhnlichen Feindschaft der Rani Umedi zu rechnen hatte, so standen auf der anderen auch alle Zenanadamen geschlossen gegen mich. Die Lage war unhaltbar.
Sofort wies ich den Maharadscha darauf hin. Er war es gewesen, der in so törichter Weise nicht wieder zurückzunehmende Vorwürfe gemacht habe. Er müsse mich entlassen. Doch wiederum ging er nicht auf meinen Vorschlag ein. Alles dies, sagte er, sei nichts als ein Ränkespiel. Er werde schon mit den Rädelsführern fertig werden. Die ganze Sache fing an, ihm auf die Nerven zu fallen. Ich solle unbesorgt sein, er werde schon alles in Ordnung bringen. Ohne mich usw., usw.