Ich konnte dem Maharadscha meine Entlassung nicht abzwingen. Aber ich vertraute ihm wenig. Stand er doch ganz unter dem Einfluß der Rani Umedi! Lag doch unweit von uns die unglückselige Rani Kanari, an deren langsamem Untergang er so große Schuld trug, allein, verlassen, verhöhnt und ohnmächtig, auf ihren schlimmsten Feind, den Alkohol, als einzigen Tröster angewiesen! Und daß die Rani Umedi ihre Macht und ihre Verschlagenheit rücksichtslos gegen mich ausspielen werde, konnte keinem Zweifel unterliegen.
Wohl war ich die Vorsicht selbst. Jede Speise ließ ich vorkosten. Ich bestieg kein Pferd, ohne Gurte und Schnallen genau nachzusehen. Ich trat durch keine Türe, ohne jemanden vorauszusenden, ritt unter keinem Balkon, auf dem Gefahren lauern konnten, legte mich nie schlafen, ohne Bett und Zimmer vorsorglich und gründlich abgesucht zu haben.
Und der ahnungslose Maharadscha äußerte immer wieder vor den Ohren Anitas, daß mein Scheiden von seinem Hofe eine Unmöglichkeit sei!
Als die Rani Kanari gestorben war, ließ auch die Liebenswürdigkeit Anitas gegen Lala Schiv Narain sofort nach und nahm sehr bald ganz andere Formen an, die den Armen so mit Furcht erfüllten, daß er um sein Leben sorgte. Nach ganz kurzer Zeit kam er um seine Entlassung ein und eilte, sich in den Bergen seiner Heimat Kaschmir in Sicherheit zu bringen.
Und Anita siegte. Sie bezog als alleinige Herrscherin das Schloß zu Kapurthala. Die Damen der Zenana mußten das Feld räumen und wurden in der Villa zu Mussoorie untergebracht. Als der Bezirks-Gouverneur dem Maharadscha seinen offiziellen Besuch machte, und die Rani Umedi den Damen der höheren englischen Gesellschaft vorgestellt wurde, gab es nur eine Stimme des Lobes. Ihrem würdigen Benehmen und ihrer distinguierten Haltung nach schien sie für die Stellung einer Prinzessin geboren. Und wenn deshalb der Maharadscha in den Augen seiner englischen Gäste auch weiter nur der „dreckige Neger“ blieb, so erfüllte ihn die Bewunderung, die der Rani Umedi gezollt wurde, doch mit der höchsten Genugtuung, worauf die verschlagene Gitana sicher gerechnet hatte.
Jedoch mich schien unerklärliches Unglück zu verfolgen. Bald hintereinander gingen zwei Rennpferde ein, auf die ich große Hoffnungen gesetzt hatte. Mehrere meiner Lieblingshunde verendeten. Nur Gift konnte die Ursache sein. Nie aber konnte ich entdecken, wessen Hand dabei im Spiele gewesen war. Dann brannten große Heuschober ab, und kurz darauf brach in der Futterkammer des Marstalls Feuer aus.
Alles dies gehörte zu meinem besonderen und Lieblings-Machtbereich. Denn außer der Aufsicht über die Paläste, unterstand mir das Gestüt, der Rennstall, die Jagd und die Elefanten und alles Getier, das zur Jagd in Indien gebraucht wird. Ich verdoppelte meine Wachsamkeit, trotzdem ich wußte, daß ich gegen die Ränke der Rani Umedi, gegen ihre Hindu-Helfershelfer nichts ausrichten konnte.
Erst wenn ich mundtot gemacht, beseitigt war, brauchte sie nicht mehr zu befürchten, daß das Geheimnis ihrer Herkunft und die Einzelheiten ihrer Erwerbung für den Maharadscha bekannt werden könnten.
Und der Maharadscha, der immer wieder darauf hinwies, daß ich ihm in Kapurthala unentbehrlich sei!
Von meinem Morgenritt zurückkommend, der mich über die Rennbahn nach den Gestüten und durch den Marstall führte, war es meine Gewohnheit, ein Glas eisgekühlten, schwarzen Kaffee zu trinken, das stets auf der Veranda meines Bungalow gegen meine Rückkehr bereitstand. Eines Morgens bemerkte ich einen etwas bitteren Geschmack, nachdem ich das Glas durstig in einem Zuge geleert hatte. Der Diener, der mein Reitpferd zu den Ställen führte, verschwand eben um die Hausecke. Ich will zur Schelle gehen, um meinen Kammerdiener zu rufen. Doch ehe ich noch einen Schritt tun kann, finde ich mich hilflos auf dem Boden liegen, vollständig gelähmt, doch ebenso vollständig bei Besinnung.