Ich komme aber wiederum zu meiner eignen Historie, insonderheit zu meiner Loßgebung, so nicht lange nach dem letzten Kriege mit Tunis, erfolgte. Mein Patron hatte mir hierüber seine Zusage gegeben, und einer von den Bedienten des Bey zu Algier legte Fürbitte für mich ein.

Selbiger war dessen Gassenadahl und darneben sein Schwester-Sohn, mit Nahmen Ali Goje, der nach meiner Abreise Bey oder König zu Algier soll geworden seyn. Er stellete meine treue Dienste, und verschiedener Expeditionen glücklichen Ausgang vor. Es war auch die höchste Zeit, wie meine Dimißion mir zugestanden wurde, dann mein Patron hatte schon das 95 Jahr erreichet, als, daß ich jeden Tag mußte eine Veränderung vermuthen, bey welcher es schlecht für mich würde ausgesehen haben, vornehmlich da diejenigen, so am meisten in Gnade gestanden, von dem folgenden Regenten am meisten, des Geldes wegen, pflegen geplagt zu werden, und wann dessen Begierde unersättlich, werden oft diejenigen zu Tode gepeiniget und geplaget, von welchen sie suchen größere Capitalien, als das Land zu wege bringen kann, zu erpressen: wie dann gleicher Gestalt die Geld-Begierde fast meines Patrons Haupt-Laster war, obschon ich ihn eben nicht des Geitzes beschuldigen kann. Ich hatte zwar wohl im Sinn, wann sich ein Todes-Fall sollte ereignet haben, zu einem meiner gnädigen Frauen Brüder zu fliehen, dem ich angelobet, so es mir irgend möglich seine Schwester zuzuführen. Ich hatte auch ihm 1000 Ducaten zur Verwahrung anvertrauet, indem ich aber nicht so lange wartete, verdroß es mich nicht, sie im Stiche zu laßen. Des Abends zuvor, ehe ich von Constantine zog, hatte ich annoch mit meinem Patron verschiedene Discurse, und wie man zur selbigen Zeit in einem Gezelt, nicht weit von meines Herrn Gezelt, einen Lerm hörte, fragte er: Was zu thun sey? Ich antwortete: es wären die Mohren, welche einen verstorbenen Amtmann ihrer Nation, beklagten. Ja, sagte er, er ist ietzo wohl daran, aber du, wo gedenckest du hin? Siehe! Du reisest ietzo von hier, du gehest weg und stirbest heute oder morgen, ich nehme keinen Theil an deinem Verderben, es sey auf deinen Schultern, denn ich habe dir zu deinem Besten gerathen, deine Verantwortung wird darum größer seyn, weilen du, weit vor deinen Mitchristen Gelegenheit gehabt hast, ein Muselmann zu werden. Den Tag hernach, ging ich, wie ich reisefertig war, zu meinem Patron, küßte ihm die Hand und sagte: Afendi! Ich dancke für das Brod und den Sold, so ich nun in 12 Jahren von Ihren Händen empfangen, ich erbitte mir Ihren Seegen, und die Vergebung derer Dinge, worinnen ich mich versehen haben mögte. Seine Antwort war diese: Ich dancke dir Capitain für deine Dienste und habe ich dir etwas zuwider gethan, wollest du es mir gleichergestalt verzeihen. Bey den letzten Worten, weinte ich und umfaßte seine Knie, der alte Herr aber richtete mich auf, und legte, indem man die Thränen auf seinen Wangen sehen kunte, seine Hand auf mein Haupt, und sprach: Fahre mit GOtt, nimm dich in acht für starckes Geträncke, für Weibes-Volck und für die Juden zu Algier, daß sie dir nicht dein Geld ablauren. Hierauf ertheilte er mir einen Paß auf Pergament, so ich zu Algier könnte vorzeigen. Wie ich daselbst ankam, fragte mich der dorten gegenwärtige Bey: Wie lange ich zu Constantine gewesen? Ich antwortete 12 Jahr. Wohl sagte er, ietzo kanst du mir wohl eben so lange dienen; wie ich hierauf antwortete: daß ich es für eine Gnade achten würde, einen so vornehmen Herrn aufzuwarten, sagte er; du meynest es nicht und setzte ein kleines Scheldwort hinzu, gab mir aber doch so viel an Golde als 7 Reichsthl. und theilte mir ohne Bezahlung einen Passeport mit, so sonsten über 70 Rthlr. gekostet haben würde, sagend: Deines Herrn und deiner treuen Dienste wegen, verlanget man nichts. Indem er aber sich gegen einen andern Herrn so bey ihm war, wandte, sprach er: Ist es nicht eine Schande für uns? Wir erwerben die Christen mit unserm Blute, und hernach lassen wir sie aus dem Lande gehen mit unsern Mitteln. Dann es war ihm bekannt, daß mein Herr mich behalten lassen, was ich dorten besaß, obschon ich meine Mittel weit höher hätte bringen können, wenn ich mich nicht in solcher Eil genöthiget gesehen, sie zusammen zu sammlen, und viele Dinge für den halben Werth verkauffen müssen. Folgende Historie wurde mir dorten erzählet: Vier oder fünff Sclaven zu Algier hätten mit einander in der Stille überlegt, ein Boot zu verfertigen, und hiermit in die Christenheit zu entfliehen. Einer von Ihnen hätte die Abrede genommen, daß sie des Abends, da sie zu entfliehen gedächten, sich sollten mit dem Boote bey einem gewissen Garten einfinden, der seinem Patron gehörete, und parat seyn, diejenige Person einzunehmen, die er bey einer Laterne ihnen zuführen wollte. Inzwischen wäre dem Patron eine silberne Kumme weggekommen, und der Sclave nicht ohne Ursache dessen beschuldiget worden; er hätte aber vermeynet hierum zu wissen und hingegen gesagt, eine Kunst in Europa erlernet zu haben, dem verlohrnen nachreisen oder entdecken zu können, welches, wie er vorgab des Abends geschehen sollte. Er hätte zu dem Ende den Patron mit sich bey einer Laterne an den Garten geführet, und vorgegeben, daß das Gestohlne daselbst sollte gefunden werden. Wie er ihn hätte herum geführet, wären sie zuletzt an die Stelle gekommen, woselbst die andern gewesen, und hätte gesagt: hier soll es sich finden, da jene sich des Türcken bemächtiget und ihn mit sich in die Christenheit geführet.

Meine Reise ging über Marseille, Lion, Paris und Hamburg. In Paris sahe ich annoch mein voriges Pferd, auf welchem ich von Boâssâse entwichen, dann es wurde von mir an den frantzösischen Consul zu Algier verkauft, von dem es auf des Königs Stall gekommen. Wie ich zu Hamburg ankam, kam mir mein Vater Oluff Janßen, welcher annoch im Leben ist, und zwey Jahr zuvor zu meiner Rantzion 800 Marck weggesandt hatte, entgegen; wie er aber auf Schreiben des Kauffmanns in Hamburg kam mich abzuholen, mußte er zu seinem großen Leidwesen vernehmen, daß man gefehlet hätte, wo nicht in dem Nahmen, doch in der Person, indem ein Soldat aus Bremen für diese Geld-Summe loßgegeben worden. Meines Vatern Geld war weg und sein Sohn gleichwohl in der Türckey; doch wie er kurtz hierauf Brieffe von mir, von meinem Wohlstande und der Hoffnung zu meiner gewissen Erlösung erhalten, gab er sich einigermassen zufrieden. Seine Hoffnung wurde erfüllet, da ich das Früh-Jahr hernach ankam und er abermals sich zu Hamburg einfand. So wenig er aber ersteren kennete, so wenig kunte er ietzo mich erkennen. Er hatte mich nicht gesehen, seit dem ich ein Knabe von 14 Jahren, ietzo aber wohl gewachsen, anbey corpulent und mit zierlichen Kleidern angethan war. Ich kam also gesund und vergnügt wiederum in meinem Vaterlande an, fast um selbige Zeit als ich vor 13 Jahr gefangen worden, und brachte an raren Kleidern, Meublen und baarem Gelde ziemliche Mittel mit mir, welches alles ich mit Vorwissen meines Patrons, mit mir aus der Türckey genommen. In Tundern hatte ich die Gnade dem Hochseel. Könige Christian dem Sechsten vorgestellet zu werden, welcher sich allergnädigst gefallen ließ, etwas von denen Dingen anzuhören, die sich mit mir zugetragen. Kan ich dann mich nicht selbst mit Joseph in Ansehung seiner Unschuld vergleichen, so kan es doch einigermassen in Absicht auf sein Glück geschehen, und mein alter Vater hat etwas vom Schicksal Jacobs erfahren, sowohl in Ansehung seiner Betrübniß als Freude über mich, indem er vorher eben so wenig glauben konnte, daß es mir so wohl ginge, als jemals gedencken, mich wieder zu sehen. Der Gott Abrahams, Isaacs und Jacobs, der mich bis diese Stunde unter vielen Gefährlichkeiten erhalten, gebe mir seine Gnade, damit seine Furcht mir vor Augen sey, daß ich mit Joseph für alles das Böse, so ihm zuwider, mich hüten, und in Ruhe, Glauben und Zuversicht zu ihm, von dem Getümmel und Unruhe dieser eitelen Welt entfernet, den Rest meiner Tage zubringen möge.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Namen und der fremdsprachigen Textabschnitte wurde mit einer dänischen Originalausgabe abgeglichen:

Hark Olufs besynderlige Avanturer eller forunderlige Skiæbne i Tyrkiet, samt hans lykkelige Hiemkomst derfra til sit Fædreneland: Øen Amrom, i Riber-Stift. Haderslev, 1761.

Der häufig vorkommende Name Boâssâse wurde einheitlich so geschrieben. Die ebenfalls vorkommende Schreibweise Boässäse wurde entsprechend korrigiert. Alle weiteren Differenzen wurden wie in der dieser Transkription zu Grunde liegenden deutschen Fassung belassen. Im Besonderen gilt dies für [Seite 9], wo es im dänischen Original heißt:

Al ham dilola Robbi läiro min rachmana rachim mänik jumidin, jäken abeddo jäken astohiim tokino soratin lädino en ne dalohiim al ham dilolah robbi läiro min.

[Seite 14], wo die Bezeichnung Thefés im dänischen Text einfach nur Thefes ist, sowie [Seite 35], wo das dänische Original so lautet: