Andere Gründe für die Selbstgeißelung waren, dass man dadurch sein Gewissen beruhigte, wenn man eine Sünde begangen hatte, und als durch die Pfaffen der Glaube aufkam, dass man durch diese oder jene von ihnen auferlegte Pönitenz sich entsündigen könne, so lag der Gedanke nahe, dass dies durch selbst gegebene Schläge geschehen könne. Ein weiterer Grund dafür war auch der, dass man dadurch die "Anfechtungen des Fleisches" besiegen wollte.
Allmählich wurde die freiwillige Geißelung als Bußmittel immer beliebter. Es bildeten sich besondere Gebräuche dabei und das Verhältnis zwischen Sünde und Hiebe wurde festgestellt. Besondere Bußbücher bestimmten, durch welche Strafen gewisse Sünden gebüßt werden könnten. Geißelhiebe wurden gleichsam die Scheidemünze der Buße besonders für diejenigen, welche der römischen Kirche keine anderen Münzen zahlen konnten.
In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Italien einige Männer, welche im Selbstgeißeln Unerhörtes leisteten. Sie geißelten sich nicht nur für ihre Sünden, sondern übernahmen auch die Buße für die Sünden anderer.
Von den vielen Geißelhelden will ich nur den berühmtesten anführen. Es war dies der Mönch Dominikus der Gepanzerte, welchen Namen er erhielt, weil er beständig, außer wenn er sich geißelte, einen eisernen Panzer auf dem bloßen Leibe trug, Petrus de Damiani, der Kardinalbischof von Ostia, war Abt des Benediktinerklosters zu Fonte-Avallana, in welchem Dominikus lebte. Er erzählt:
"Kaum vergeht ein Tag, ohne dass er mit Geißelbesen in beiden Händen zwei Psalter hindurch seinen nackten Leib schlägt, und dieses in den gewöhnlichen Zeiten, denn in den Fasten oder wenn er eine Buße zu vollbringen hat (oft hat er eine Buße von hundert Jahren übernommen), vollendet er häufig unter Geißelschlägen wenigstens drei Psalter. Eine Buße von hundert Jahren wird aber, wie wir von ihm selbst gelernt haben, so erfüllt: Da dreitausend Geißelschläge nach unserer Regel ein Jahr Buße ausmachen und, wie es oft erprobt ist, bei dem Hersingen von zehn Psalmen hundert Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin eines Psalters fünf Jahre Buße, und wer zwanzig Psalter mit der Disziplin *) absingt, kann überzeugt sein, hundert Jahre Buße vollbracht zu haben. Doch übertrifft auch darin unser Dominikus die meisten, da er als ein wahrer Schmerzenssohn, da andere mit einer Hand die Disziplin ausüben, mit beiden Händen unermüdet die Lüste des widerspenstigen Fleisches bekämpft. Jene Buße von hundert Jahren vollendete er aber, wie er mir selbst gestanden hat, ganz bequem in sechs Tagen." - Er gab sich also nach dem angegebenen Maßstab (3000 für ein Jahr) während dieser sechs Tage 300.000 Hiebe. Er musste sich also täglich sieben Stunden geißeln und in jeder Sekunde zwei Hiebe geben, was angeht, da er sich mit beiden Händen geißelte.
—— *) Ursprünglich bedeutet dieses Wort alle Strafen und Züchtigungen; als aber die Disziplin durch Geißeln über jede andere Art den Preis davontrug, wurde das Wort Disziplin der technische Ausdruck, womit man diese Art Züchtigungen bezeichnete, und endlich nannte man selbst das Instrument, welches zum Schlagen gebraucht wurde, die Disziplin. ——
Welchen Anblick mag der Körper dieses Geißelhelden dargeboten haben,
denn schon beim achten Psalter war das Gesicht zerschlagen, voller
Striemen und blau und braun. Der Körper Dominikus', erzählt Damiani mit
Stolz, habe ausgesehen wie die Kräuter, welche der Apotheker zu einer
Ptisane zerstoßen habe!
Es entstand unter den Frommen Streit darüber, ob man sich beim Geißeln entkleiden solle oder nicht, und ferner, ob Schläge auf Rücken und Schultern oder auf den Hintern der Gesundheit weniger nachteilig oder dem Himmel angenehmer seien. Die ganze geißelnde Welt teilte sich in zwei Parteien; die eine zog die obere Disziplin vor (disciplina supra, oder im besten Mönchslatein secundum supra), die andere die untere Disziplin (disciplina deorsum, secundum sub.). Die Gegner der unteren Disziplin sagen, sie verstoße gegen die Schamhaftigkeit, und der Abbé Boileau sagt in seinem berühmten Werk darüber: "Der hl. Gregorius von Nyssa lobt in seiner kanonischen Epistel den Gebrauch, die toten Körper zu vergraben, welches man seiner Meinung nach tue, damit die Schande der menschlichen Natur nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt werde. - Aber ist es bei der verdorbenen Natur nicht weit schamloser und niederträchtiger, beim Lichte der Sonne die Lenden junger Mädchen und ihre, obwohl der Religion geweihten, nichtsdestoweniger wunderschönen Schenkel zu zeigen als einen bloßen und entstellten Leichnam?"
Trotzdem fand die untere Disziplin bei den Frauen den meisten Beifall, und die medizinischen Gründe des gelehrten Abbé Boileau, die ich hierhersetze, machten wenig Eindruck; - im Gegenteil.
"Wenn man ein Übel flieht", sagt der Abbé, "so muss man wohl achtgeben, dass man nicht unklugerweise in das entgegengesetzte rennt und dass man, nach dem lateinischen Sprichwort, um die Szylla zu vermeiden, nicht in die Charybdis gerät. Wenigstens ist die Geißelung der Lenden umso viel gefährlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu fürchten sind als die des Körpers. Die Anatomen bemerken, dass die Lenden sich bis zu den drei äußeren Muskeln der Hinterbecken erstrecken, dem großen, dem mittleren und dem kleinen, so dass darin drei Zwischenmuskeln enthalten sind oder ein einzelner, welchen man den dreiköpfigen Muskel nennt oder den triceps, weil er an drei Orten des os pubis beginnt, an dem oberen Teil nämlich, an dem mittleren und dem inneren. Hieraus folgt nun ganz notwendig, dass, wenn die Lendenmuskeln mit Ruten- oder Peitschenhieben getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis zurückgestoßen werden und unkeusche Bewegungen erregen. Diese Eindrücke gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder verbotener Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und die Keuschheit liegt in den letzten Zügen.