Ich habe nicht nötig, über diesen Vorwand für den ausgeübten Religionszwang noch ein Wort zu sagen und darf dreist behaupten: je sorgfältiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaßregeln unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen.
Die Behauptung, dass der Religionszwang zur Erreichung des vernünftigen Staatszwecks noch immer notwendig sei, dass ohne denselben die Gesetze nicht hinreichen würden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche, welche durch die Erfahrung widerlegt wird. Diese lehrt, dass in denjenigen Ländern, in welchen durch die Reformation ein Teil des religiösen Glaubenswustes weggeräumt und der durch die Wissenschaft verbreiteten Aufklärung mehr Spielraum gewährt wurde, weit weniger Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist uns, dass bereits dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jährlich verminderte.
Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber über drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Fürsten und Priester über die Nützlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben Ansichten hatten wie die katholischen, so war die Organisation der reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben vollständig überwunden und trotz aller Bemühungen der Finsterlinge, trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt sie täglich mehr und mehr Einfluss im Volk und dasselbe sieht täglich klarer, dass es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten Schwindels war, den die Geschichte kennt; und dass der Eigennutz der Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches an Schlechtigkeit und Gemeinschädlichkeit jedes andere übertrifft.
Wäre die Ansicht richtig, dass der kirchliche Glaube nötig sei, die Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann müsste die größte Zahl der Verbrecher aus den gebildeten Ständen kommen, die, wenn sie sich aufrichtig prüfen, gestehen müssen, dass sie von dem was im Katechismus gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche verlangt.
Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor irgendwelcher Strafe fürchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen könnte, sondern einfach, weil das Gefühl für Recht und Unrecht in ihm Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt sein, ein Verbrechen zu begehen; und durch ein Befördern der Mittel, welche die Bildung erzeugen, würde die Regierung am besten dazu gelangen, in Bezug auf die zur Erreichung des vernünftigen Staatszweckes nötigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in Bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es gestattete, würde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen, entblößt durch die Straßen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder dafür zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst.
Mag die Religion auch in den früheren Jahrhunderten einen guten Einfluss geübt und nicht allein zur Unterdrückung der Despotie, sondern überhaupt der gesellschaftlichen Ordnung gedient haben; im gegenwärtigen Jahrhundert ist sie für den Staatszweck nicht nur durchaus unnütz, sondern geradezu schädlich, da sie der Entwicklung der Wissenschaft und der durch sie erzeugten Bildung hinderlich ist.
Die tägliche Erfahrung lehrt, dass heutzutage die Menschen, selbst der ungebildeten Klassen, nicht durch religiöse Furcht von Verbrechen abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf sein Gewissen, und jeder wird gestehen müssen, dass - mit äußerst seltenen Ausnahmen - selbst der dümmste Bauer einen Gendarmen, also das Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe, mehr fürchtet als Gott oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaßregeln in Bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgültigkeit dagegen, wenn nicht Hass und Verachtung gegen die bornierte oder despotische Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende Heuchelei.
Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, dass sie als solche von der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast noch überall der Fall ist, den Aberglauben aussäen und sein Wachstum befördern zu können glauben. Wer das Bedürfnis zur Religion fühlt, mag dieselbe ausüben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das Gesetz wird ihn in dieser Ausübung beschützen und sich erst dann hindernd einmischen, wenn durch diese Ausübung die gesetzlichen Rechte anderer beeinträchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark, so braucht sie keine Unterstützung und Begünstigung von Seiten der Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu fürchten, so beruht sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feind desselben unterliegt, desto besser ist es für die Menschheit.
Wie wir allmählich die Regierungen gezwungen haben, den Despotismus aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen, dass sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so werden sie auch durch die Macht der öffentlichen Meinung gezwungen werden, ihre schützende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine Ausrottung der Wissenschaft zu überlassen.
Wir wissen sehr wohl, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten geht und können die Natur derselben nach denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die österreichische Regierung nur deshalb zu kämpfen hat, weil sie die zu anmaßend gewordene Dienstmagd in ihre Schranken zurückzuweisen gezwungen wurde. Der Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise unterstützt. Nun rächt sich "der Fluch der bösen Tat" an der Regierung, welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem Eifer den Pfaffen die Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen sie anwenden.