Hierauf schickte den 24. April/4. Mai der General Tilly einen Trompeter von Westerhausen, allda das Hauptquartier damals war, mit drei Schreiben — das eine an den Hrn Administrator, das andere an den von Falckenberg, das dritte an den Rath und sämmtliche Gemeine in die Stadt. Das Schreiben an den Rath war kürzlich des Inhalts: daß die Magdeburger allbereits mehr, als ihnen lieb, befunden hätten, in was für merklichen Schaden sie um der bisher gegen die röm. kaiserl. Maj. unverantwortlichen Obstinacität und öffentlicher Rebellion willen mit den Ihrigen gerathen, und es so weit gekommen, daß in seinen Händen stünde, die Stadt mit Hab und Gut, Weib und Kindern in völligen Ruin zu stürzen. Er wolle aber nicht dafür halten, daß sie in solcher Halsstarrigkeit ersoffen sein würden, und gemeinet sein sollten, sich der schuldigen kaiserlichen Devotion und von Derselben dependirender Clemenz zu unterwerfen, wie denn die Gnadenthür noch offen stünde. Diejenigen, so die Stadt zu defendiren angenommen, beförderten nicht der Stadt Wohlfahrt, sondern vielmehr des ganzen Landes Ruin.
Den 25. April des alten Calenders geschah ein Ausfall des Morgens früh auf die Kaiserlichen, so vor dem Heydeck lagen. Sie wurden daselbst aus den Laufgräben geschlagen und ihr Schanzzeug in den Stadtgraben geworfen. Desgleichen that der Generalmajor Amsteroth zu Mittage, da er mit etlichen Kähnen etwa 40 Mann um das Rondel bei der Neustadt setzen und von den daselbst in den Approchen arbeitenden Soldaten über 16 erschlagen ließ. So ward auch in der folgenden Nacht von dem neuen Werke allhier über die Brustwehr der Fausse braye in den Graben gestiegen, dabei die Kaiserlichen etwa 40 Mann verloren und die aus Magdeburg ziemliche Beute von versilberten Degen und Partisanen bekommen haben. Dagegen wurden dieser Zeit her der Stadt alle Nächte 30 bis 45 Granaten und Feuerkugeln verehrt und eingeworfen. Zwar die Feuerkugeln anlangend, daraus sind etliche Männer[26] mit nassen Säcken und Häuten bestellt gewesen, die Achtung darauf geben müssen, wohin die Kugeln gefallen, dahin sie stracks gelaufen und dieselben gedämpfet haben, also daß dadurch geringer Schaden geschehen; allein ist einer Kuh im Fallen der Kopf von solcher Kugel abgeschlagen worden. Die Granaten aber, wenn sie in die Häuser gefallen, haben alles zerschmettert, und Thüren, Fenster, auch wohl oben die Decke und (den) Boden ausgeschlagen; was aber auf die Bollwerke und Wälle geworfen worden, hat großen Tumult und Auflauf unter dem Volk gemacht, bisweilen auch Schaden gethan.
Der Rath und Ausschuß sind unterdessen mit Beantwortung auf obermeldetes Tillysches Schreiben sehr bemühet und Einer dieser, Jener anderer Meinung gewesen, also daß es sich bis den 30. April alten Calenders damit verzögert, und weil Alles mit Einwilligung des Hrn Administrators, Falckenberg’s und ihrer Anhänger geschehen müssen, ist des Raths Antwort also erfolgt: Daß nämlich die Stadt fast 6 ganzer Jahre, ohne einige gegebene Ursach, von ihren Mißgünstigen aufs äußerste verfolgt und ihr die Nahrung abgeschnitten wäre, auch noch letztlich in Religionssachen; deswegen die Stadt zu ihrer hochnothwendigen Defension, nicht zwar gegen die kaiserl. Maj., sondern wider die, so Ihrer Maj. Willen und Befehl entgegen, solches alles vorgenommen, verursacht worden, inmaßen der Rath Ihrer kaiserl. Maj. solches sub dato den 10. November Ao. 1630 ausführlich zu erkennen gegeben, welches Schreiben, weil es im offenen Druck, sie mit übersendeten. Die Stadt wäre entschlossen, das ganze Werk zugleich an beide Churfürstl. D. D. zu Sachsen und Brandenburg, auch der conföderirten Hansastädte Unterhandlung zu stellen und sich auf Deroselben Vorschläge und Vermittelung aller Billigkeit nach zu accommodiren. Weil aber Niemand sicher sich hinaus begeben könne: als gelangte ihr Bitten, Se. Excell. der Hr General Tilly wolle ihnen auf die Ihrigen Paß und Repaß, hin und her zu reisen, ertheilen und inmittels nicht approchiren und Gebrauchung der Waffen in Ruhe stehen etc.
Hierauf vermeinte die gemeine Bürgerschaft, es wäre nun stracks Stillestand gemacht, und daß dem General Tilly ja so viel — aus Furcht wegen des Königs in Schweden Ankunft — an solchem Armistitio gelegen, als immermehr gemeiner Stadt damit gedient sein möchte; so verhofften auch der von Falckenberg und die an seiner Seite, nicht allein hierdurch das Werk etwas in die Länge und Harre zu bringen, sondern auch desto füglicher an königl. Maj. in Schweden abzuschicken und, nebst Berichtung des allgemeinen magdeburgischen Zustandes, den Succurs oder Entsatz zu befördern.
Den 212 Mai hat der General Tilly durch einen Trompeter dem Rath folgender Gestalt geantwortet: Daß die Stadt Magdeburg, ihre Abgeordneten zu ihm zu schicken, so lange Bedenken gehabt, bis daraus mit beiden Churfürstl. Durchl. zu Sachsen und Brandenburg sowohl, als auch den Hansastädten das Werk communicirt und berathschlagt wäre, und deswegen Paß und Repaß zu Abordnung ihrer Gesandten begehrten. Dieweil aber aus seinem vorigen Schreiben zu ersehen, daß er nichts anders (von der Stadt verlange), als der röm. kaiserl. Maj. sich zu submittiren, als (so) zweifele er nicht, höchstgedachte Churfürstl. Durchl. sammt berührten Hansastädten würden solches gar nicht improbiren (mißbilligen) können; die angeregte Communication solle ihm zwar nicht zuwider sein, thäte auch die Pässe zu dem Ende überschicken, besorgte aber, (daß es damit zu spät,) weil zu sothaner Abordnung und Berathschlagung viel Zeit erfordert werde, die Sachen aber nunmehr dahin gerathen, daß sie keinen längeren Verzug leiden könnten, derowegen es viel besser, wenn sich die Stadt jetzo bald resolviren und bequemen thäte. Jedoch stelle er der Stadt alles anheim, sintemal ihr Heil und ihre Wohlfahrt hierunter am meisten periclitirte; inmittels würden sie (die Magdeburger) niemand anders, als sich selbst, die Ungelegenheit, so aus solcher Verzögerung erfolgen könnte, (zu) imputiren und bei(zu)messen (haben). Er bliebe erbötig, wenn des Raths Gesandten abzureisen willens, daß sich die Trompeter so bald dahin (in die Stadt) verfügen sollten.
Den 414 Mai ist dieser (der eben erwähnte) Trompeter wiederum zu Tilly mit des Raths Antwort „daß nämlich die Gesandten zur Reise parat und fertig, und sobald Se. Excellenz die Trompeter schicke, sich auf den Weg machen wollten“ abgefertigt worden.
Als nun unterdessen der König in Schweden die Festung Spandau vom Churfürsten von Brandenburg erlangt und zu Potsdam angekommen war, haben sich die Kaiserlichen zu Brandenburg und von andern Orten aus der Mark alle näher und vor Magdeburg begeben, daherum sie in unterschiedlichen Feldlagern gelegen, also: 1) zu Westerhausen war das Hauptquartier und nicht weit von da nach der Stadt zu die Schiffbrücke, zu beiden Seiten des Elbstromes etwas beschanzt. 2) Des Grafen von Mansfeld Armee lag bei Fermersleben. 3) Des Grafen von Pappenheim auf der Wiese vor dem rothenseeischen Holze bis an die Neustadt. 4) Der katholischen Liga Armee auf dem krakauer Werder, Marsch und in der Zollschanze oder (den) da herum neugemachten Werken. 5) Die Reiterei aber war auf die nächsten Dörfer um die Stadt logirt (gelegt). Welches Volkes, wie nach der Stadt Eroberung der kaiserl. General-Proviantmeister Andreas Liebholt Autori berichtet hat, sollen 33,000 zu Fuß und 9000 zu Roß gewesen sein. Demnach aber, wegen sothaner Beschaffenheit, des Kriegesvolkes täglich mehr und mehr vor der Stadt angekommen, als haben sie auch die Belagerung, beides durch unnachlässiges Schießen aus groben Geschützen, als Verfertigung trefflicher vieler Laufgräben — die theils bis nahe an den Stadtgraben, theils auch durch die neuen, unausgebrachten Graben bis an den Wall gegangen — mit großem Ernst getrieben und fortgesetzt; und obgleich der von Falckenberg zu desto bequemeren Ausfällen in der Fausse braye des Bollwerks bei der Neustadt sich an zwei Orten versenken, und also einen Durchgang oder Stollen unter die Brustwehr durch bis in den Stadtgraben treiben ließ; so konnte er doch, wegen so starker Besetzung der Laufgräben, wenig Nutzen schaffen, sintemal stracks bei der ersten Probe der Capitain Wüstenhof mit den mehrsten bei sich habenden Soldaten das Leben darüber einbüßen mußte, daher denn denen von der Stadt durch solche große Macht und zugleich wegen des Mangels an Pulver alle Mittel zur Resistenz und Gegenwehr abgeschnitten waren; dahergegen die Kaiserlichen aus Hamburg, Braunschweig und andern Orten des Pulvers überflüssig bekommen und man alle Tage an 12, 15 bis 18 hundert Schüsse aus groben Stücken, so auf der Stadt Wälle, Thürme und Häuser gerichtet, zählen mögen.
Es ist aber, wie allbereits oben gemeldet, die Stadt zu dieser Zeit vornehmlich an dreien Oertern angegriffen und so hart belagert worden, nämlich und vorerst auf dem Marsch, da der katholischen Liga Volk gelegen und Willens gewesen, sich des Kronwerks daselbst und des Ravelins vor der kurzen (jetzigen Strom-) Brücke zu bemächtigen. Weil sie aber mit den Laufgräben auf dieser Insel sich nicht wohl wenden können, indem dem Gegentheil entweder von dem gedachten Kronwerke selbst oder von dem Walle der Stadt in die Linie konnte gesehen werden, haben sie mit dem Approchiren dieses Orts stillehalten und nachlassen müssen.
Für das Andere hat der Graf von Mansfeld seinen Posten in der Sudenburg gehabt, allda er mit Laufgräben nach dem neuen Bollwerke und Ravelin allhier, vornehmlich aber auf den Heydeck zugegangen, welches Bollwerk von 5 Seiten, davon die eine ganz nicht mag flanquirt oder bestrichen werden, gegen welche Seite hin er sich hinter des Grabens Futtermauer versenket, ein Loch dadurch gebrochen und mit 2 großen Stücken auf die Fundamentmauer des Heydecks Breche geschossen, in Meinung, es wäre gleich wie in den Epaules cent um (ringsum) also gewölbt, und wann diese Mauer oder (dieser) Fuß also eingeschossen, müsse der Wall nachschießen, den Graben füllen und ihm einen Weg zum Anlauf machen. Als aber der Graf Unrecht vermerkt, ließ er das Geschütz wiederum in die Höhe bringen, die Streitmauer dagegenüber niederfällen und den Graben durch das durchgebrochene Loch über das Wasser her, etwa 1½ Ruthe breit mit Reis und Erde füllen, wodurch also eine Gallerie oder nur ein Weg, an dieses Bollwerk zu gehen und dasselbe mit Leitern zu besteigen, gemacht und erlangt worden. Und obwohl der von Falckenberg sich sehr bemühete, diesem zu wehren, auch deswegen einen Koffer oder Kasten von starken Eichenbohlen fertigen, darin Musquetiers stellen und auf dem Wasser bis um die Ecke flößen ließ, so ist es doch alles — weil man vom Walle diesen Ort nicht defendiren und beschießen mögen — vergebens und umsonst gewesen.