Damals kam ich nicht dazu, mich mit der Löwenfrage weiter zu befassen.
Von meinem Nachbar Otto Weber – Nachbar, weil er nur vier Reitstunden um den Berg herum südlich von mir eine Viehfarm hatte – kam ein Bote nach dem andern: Kriegserklärung Österreichs an Rußland! – Kriegszustand in Deutschland! – Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich! – Englands Eintritt in den Krieg gegen Deutschland! Was sagt doch die Kongo-Akte?
Dann kam der junge fröhliche Kossel, der Assistent des Farmers und Majors a. D. Schlobach, dessen Farm an die von Otto Weber grenzte. Kossel meldete mir, daß ich eingezogen und der Stellungsbefehl unterwegs wäre, daß ich der Abteilung des Major Schlobach zugeteilt sei und daß ich mich auf dessen Befehl mit dem Vieh von der Grenze nach Farm Weber zurückzuziehen hätte. Dort, sagte er, wäre ein Farmerposten von einigen Gewehren eingerichtet worden. Major Schlobach hätte sich mit seinem Vieh weiter südlich auf die Farm Geraragua zurückgezogen und sammele dort um sich und sein Vieh alles, was sich in der Gegend an Mannschaften, Reittieren und Gewehren auftreiben lasse.
Der junge Kossel, ein Mecklenburger vom reinsten Wasser, war begeistert für den Krieg und bedauerte nichts mehr, als daß er nicht zu Hause im Osten oder Westen das Vaterland verteidigen helfen könnte. Er half mir beim Umzug, und am nächsten Morgen befanden wir uns mit Vieh, Schafen und Eseln auf dem Trek nach Farm Weber.
Daß die Kongo-Akte nicht respektiert werden würde, glaubte damals noch kein Mensch bei uns; denn die Nachrichten, die uns im Hinterland erreichten, waren nur spärlich, und erst nach mehreren Tagen erfuhren wir, daß am 8. August 1914 die Engländer den Funkturm bei Daressalam von See aus beschossen hatten und damit die Feindseligkeiten eröffneten.
Auf Posten Weber
Das Kriegsglück hatte es gut mit mir im Sinn gehabt. Auf der Farm Weber oder »Posten Weber«, wie es offiziell hieß, fand ich, was man im Manöverleben Sektquartier nennen würde. Dies ist bildlich aufzufassen. Sekt gab es dort nicht, aber dafür eine von der liebenswürdigsten Gastgeberin geleitete, echt deutsch-afrikanische Häuslichkeit und Gemütlichkeit. Und Webers lebten gut. Überhaupt habe ich, außer Indien, noch keine Kolonie kennengelernt, in der, was Essen, Trinken und vor allem Bedienung anbelangt, so aus dem Vollen gelebt wurde, wie in den Städten, auf den Pflanzungen und Großfarmen in Deutsch-Ostafrika.
Die Besatzung ergänzte sich nach und nach aus Leutnant Freund, Vizewachtmeister Trommershausen, Unteroffizier Rimpler und mir. »Posten Weber« war längere Zeit der exponierteste Posten unserer Front. Und doch war Frau Weber nicht zu bewegen, ihre Person nach Geraragua oder Moschi in Sicherheit zu bringen.