Für uns war es gut so. Frau Webers frischer, fröhlicher Mut und nie versiegender Humor ließen niemals eine gedrückte Stimmung aufkommen. Es steht außer Zweifel, daß man ihr mit vollem Recht die Ehre des Titels Postenführer zuerkannte. Die Frau, die es an der Front aushält, die nicht nur die Garnison des Postens, sondern auch alle durchkommenden Patrouillenreiter so gut futtert, wie Frau Weber es tat, die nicht nur für den Leib, sondern auch für Geist und Gemüt des Vaterlandsverteidigers so gut zu sorgen weiß, wie Frau Weber es verstand, dient dem Vaterlande soviel, wenn nicht mehr als mancher Soldat. Es kam so weit, daß keine Patrouille das befestigte Lager von Geraragua verließ, ohne auf dem Ausritt und, wenn es irgend anging, auch auf dem Rückmarsch den »Posten Weber« zu passieren. Alle Kameraden von Geraragua haben ihre Beine wieder und wieder unter Frau Webers geschmackvoll dekorierten und reich beladenen Tisch strecken und sich von ihr bemuttern lassen dürfen. Was das heißt, wenn man eine lange Patrouille vor sich hat oder dreckig, halb verdurstet und ausgehungert von einer solchen zurückkommt, haben wir alle kennengelernt. Frau Weber übte auch fleißig mit dem Revolver und einem Damenkarabiner. Sie war fest entschlossen, den Angriff englischer Massai, der ja jeden Augenblick bevorstehen sollte, persönlich mit abschlagen zu helfen.

Als Tochter eines Medizinalrates in Deutschland geboren, muß Frau Weber schon in jungen Jahren ein mütterliches Herz für die Menschheit gehabt haben. Sie wurde Krankenschwester. Als Schwester Hedwig war sie dann Oberin am Hospital zu Tanga. Dort ereilte sie das Schicksal, das keiner Krankenschwester in Deutsch-Ostafrika erspart blieb und das ständigen Grund zur Klage seitens der Hospitalverwaltung gab. Ja, du lieber Gott, was war da zu machen! Länger als zwei Jahre konnte man die Schwestern dem Hospital nicht verpflichten, und eine bessere Frau als eine frühere Krankenschwester war damals schwer zu finden. Heute ist das anders. Heute gibt es hilfsbereite und tüchtige Mädel genug.

Unsere kriegerische Tätigkeit auf »Posten Weber« war vor allem auf die Abwehr des erwarteten Massai-Massenangriffs gerichtet. Zuerst bauten wir vor der offenen, völlig ungeschützten Veranda des Herrenhauses einen Wall aus Findlingen. Die Schwierigkeit dieses Baues bestand eigentlich nur darin, daß diese Mauer weder die Verandapfosten eindrücken noch Frau Webers Rosen beschädigen durfte. So sorgsam waren wir zu Anfang des Krieges noch bemüht, Eigentum zu schonen!

Als wir mit diesem Kugelfang fertig waren, gingen wir zum Bau von Verteidigungswerken größeren Stils über. Die große rechteckige Viehboma wurde mit Draht- und Dornenverhauen umgeben, und an zwei diagonal gegenüberliegenden Ecken der Boma wurden mit Schießscharten versehene kugelsichere Türme errichtet, so daß man aus jedem eine Lang- und eine Kurzseite des Verhaus bestreichen konnte. In der Voraussetzung, daß die Massai ihren Angriff nach guter Stammessitte in der Hauptsache gegen die Viehboma richten würden, sollte ihnen hier eine Niederlage beigebracht werden.

Gleichzeitig war ein Heliographenverkehr mit Geraragua und mit dem weiter unterhalb auf einem Hügel gelegenen »Posten Krantz« eingerichtet worden. Unser Heliographenapparat bestand bei Tage aus der Sonne, meinem Rasierspiegel und einem Kistendeckel. Letzterer hatte ein rundes Loch, das auf die Empfängerstation eingerichtet war. Vor dem Loch im Kistendeckel befand sich eine Pappscheibe an einem Holzhebel, den ein Mann zur Erzeugung der Blitzzeichen tippte. Der zweite Mann, der auch ein Neger sein konnte, stand mit meinem Rasierspiegel fünf Schritte rückwärts, fing Sonnenstrahlen auf und sandte sie vermittelst des Spiegels in konzentrierter Form durch das Loch im Kistendeckel. Wenn der zweite Operateur nicht vorbeikonzentrierte, der erste im Eifer die Morsezeichen nicht vergaß, und endlich der Empfänger aufpaßte, funktionierte die Sache tadellos. Mehr als fünfmal brauchte eine Meldung selten gegeben zu werden.

Der Nachtapparat war noch einfacher. Wir bedienten uns einer Safarikiste mit Loch und Pappscheibe wie oben, in deren Innerem eine Azetylenwagenlampe stand. Um die Verbindung mit den andern Posten aufnehmen zu können, mußten wir unsern Heliographenapparat auf einem nahen steilen und hohen Berg aufstellen, und einer vom Posten mußte Tag und Nacht oben sein. Erst später bekamen wir zwei Signalwatote [Negerschüler] mit einem richtiggehenden Helioapparat.

Eine weitere Aufgabe des »Postens Weber« war, die dort internierten Buren zu bewachen. Das kam so.

An der Nordgrenze der Kolonie wohnten auf zerstreut liegenden Farmen eine Anzahl früherer Trekburen, die nach dem Burenkriege eingewandert, aber englische Untertanen geblieben waren.

Wie die einzelnen Buren in ihrem Herzen gesinnt waren, ob den Deutschen oder den Engländern zugeneigt, konnte man bei Kriegsausbruch nicht wissen. Im Bezirk Aruscha ließ man sie ruhig und unbelästigt auf ihren Farmen sitzen und Eier, Hühner und sonstige Farmprodukte an die Etappe Aruscha liefern. In unserm Bezirk Moschi machte man das Gegenexperiment: hier wurden alle Buren mit Frau und Kindern auf »Posten Weber« interniert.