Hier bauten sie sich in der befestigten Viehboma Lehmhütten und bezogen sie mit Weib und Kind; ihr Vieh stellten sie mit in die Boma ein. Sie waren in der Mehrzahl ruhige, nette Leute, die später fast alle auf deutscher Seite mitkämpften. Einer von ihnen, Piet Nievenhuizen, wurde Feldwebel und ist bis zum Schluß der Feindseligkeiten in Afrika als Pfadfinder und Führer der Person unseres Oberst attachiert gewesen, dem er mit Leib und Seele ergeben war.
»Posten Weber« war der geeignete Platz, alle die Geraraguakameraden nach der Reihe kennenzulernen. Denn alle kamen sie auf ihren Patrouillen dort durch. Beritten waren sie alle, und ein größeres Allerlei von Reittieren auf einem Haufen habe ich in meinem Leben sonst nirgends gesehen. Da waren Pferde. Einige wirkliche Pferde und viele solche, die es überhaupt nicht gibt oder geben sollte. Die besten waren noch einige Somaliponys. Am zahlreichsten vertreten war die Kreuzung zwischen Pferdehengst und Eselstute, die man überall in der Welt Maulesel nennt. Nur in Deutsch-Ostafrika nennt man sie hartnäckig Maultier; eigentlich ist das Maultier die Kreuzung zwischen Eselhengst und Pferdestute, und später im Kriege bekamen wir auch einige Exemplare dieser Gattung. Da wir uns aber an so feinen Unterschieden nicht stoßen wollen und für das Kreuzungsprodukt zwischen Pferd und Esel in Deutsch-Ostafrika nun einmal die Bezeichnung Maultier üblich ist, spreche ich in Zukunft auch nur vom Maultier. Da waren große Maultiere und kleine Maultiere, Maultiere mit glattem Haar und Maultiere so wollig wie ein Pudel. Da waren Maultiere, die allein gingen, und solche, die nur in der Kolonne mitgingen. Einzelne ließen sich satteln, bei andern waren fünf Mann nötig, um den Sattel aufzuzwingen. Wer diese Maulböcke und ihre Anstalten im August 1914 kannte und dann ein Jahr später die Berittene 9. Schützenkompanie ausrücken sah, hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Teil ihrer Reittiere dieselben Maultiere sein könnten – so gepflegt, glatt und einexerziert schritten, trabten und galoppierten sie dahin. Ähnlich wie die Reittiere war auch die Reitausrüstung der Abteilung Geraragua mannigfacher Art. Es gab einige wirkliche Sättel und Zaumzeuge und viele, die man nur aus Höflichkeit als solche ansprechen konnte. Es waren Sättel dabei, die Noah schon mit in die Arche nahm, und Zaumzeuge, an denen nur das verrostete Trensengebiß noch Original war.
Aber was macht das alles, wenn man die Kameraden betrachtet, die auf diesen Reittieren auf »Posten Weber« angeritten kamen! Da waren die beiden schönen Männer der Gegend, die Lieblinge der Damenwelt, Hugo König und mein Kollege Jacobsen. Darüber, welchem von beiden der Apfel des Paris zu reichen sei, konnten sich die Damen nicht einigen. Beide hatten so was, so was – na, da verstehe ich mich nicht darauf. Hugo König, der »schöne Hugo« genannt, erklärte uns wieder und wieder, wo der »springende Punkt« der Kriegslage zu suchen sei. Er war Kriegsfreiwilliger und gerne der Generalstäbler von Geraragua. Mit ihm kam sein Bruder Fritz, Mitglied des Gouvernementsrates, eine Autorität in Kolonialfragen. Es kam der Weltensegler, Millionär und Jagddilettant Elven, mit der fixen Idee behaftet, ganz Deutsch-Ostafrika müsse als ein Jagdreservat für Millionäre angesehen werden. Es kamen der Gouvernementslandwirt Mittag, der verkörperte Agrarier, und sein Kollege Münz aus Württemberg, dessen Deutsch kein Norddeutscher verstehen konnte. Es kamen Leutnant Kaufmann und sein Bruder Hans, letzterer kaum siebzehn Jahre alt. Es kamen die Farmassistenten Frank, Fränkel und das Mtoto [Kind] der Abteilung, der sechzehnjährige Schönbohm. Es kamen Leutnant Kühn und zuweilen auch seine Frau und ihr Bruder Satow. Es kam der Dichter und Unteroffizier Müller, der eine Hornbrille trug wie die Alchimisten in alten Kupferstichen.
Es kam Richard L. Sauerbrunn, Farm-, Pflanzungs- und Dukabesitzer[1] am Berg. Er kam in geheimer Mission. Er hatte persönliche Beziehungen zu den Massai jenseits der Grenze gehabt, wollte diese für die deutsche Sache zu gewinnen suchen und sie veranlassen, mit ihren riesigen Viehherden auf deutsches Gebiet überzutreten. Er zog dahin und kam nicht wieder. Eine Patrouille wurde ihm nachgehetzt, aber sie fand ihn nicht mehr. Er war der erste Kriegsgefangene, den wir an unserer Front verloren.
Sauerbrunns Schicksal habe ich erst später, im Kriegsgefangenenlager zu Ahmednagar, von ihm selbst erfahren. Er hatte seine Geschäftsfreunde nicht mehr jenseits der Grenze vorgefunden. Die Engländer kannten die Firma Richard L. Sauerbrunn anscheinend. Sie hatten seine Massaifreunde von der Grenze zurückgezogen und durch Massaipatrouillen aus dem Hinterlande ersetzt. Von diesen fand sich Sauerbrunn plötzlich umringt. Sie speerten ihn in Arme und Beine und schlugen ihm mit ihren Keulen den Unterkiefer aus dem Gelenk sowie Löcher in den Kopf. Da Sauerbrunn trotzdem nicht tot war, schleppten ihn die Massai zehn Tage lang mit sich durch das Pori, um ihn endlich einem englischen Posten an der Ugandabahn auszuhändigen. Daß Sauerbrunn nicht an Blutvergiftung einging, verdankte er nur seiner Zähigkeit. Seine eiternden Wunden desinfzierte er mit zu Staub zerriebenen Holzkohlen, die er sammelte, wenn die Massai ihr Fleisch fertig geröstet hatten. Essen konnte er nicht. Er lebte von schlechtem Wasser und hin und wieder etwas saurer Milch. Er hat dann wochenlang im Lazarett in Nairobi gelegen und wurde schließlich, gut geflickt und eingerenkt, nach Indien geschafft.
Dort, im A-Camp in Ahmednagar, hat Sauerbrunn in selbstlosester Weise unermüdlich für das Wohl seiner Mitgefangenen gesorgt. Er war der Vermittler zwischen Camp und englischer Verwaltung in allen Verpflegungsangelegenheiten und leitete musterhaft die große allgemeine Campküche. Jeden Vormittag, den Gott in der Gefangenschaft werden ließ, übersetzte Sauerbrunn den um ihn versammelten Gefangenen die englische Tageszeitung mit einer Routine, die ihresgleichen sucht. Mit nie versagendem Humor und unerschütterlichem Glauben an den Endsieg der deutschen Sache flocht er Zwischenbemerkungen launiger und patriotischer Art in die Übersetzung des Zeitungstextes ein, daß das Gelächter und Hurra seiner Zuhörer durch das Lager schallte. Er hielt auch Vorlesungen abends unter dem Baum am Waschhaus oder im Konzert- und Theatersaal aus Wellblech, und wenn sich auch noch viele andere um das Gefangenenlager verdient gemacht haben, so darf ich doch sicher sagen, daß Richard L. Sauerbrunn der Liebling des A-Lagers war.
Alle ritten sie über »Posten Weber«, fütterten dort ihre Tiere und sich selbst. Es kam auch Vater Krantz, ein früherer Burenkommandant. Auf seinem Moritz, dem Pferd mit der faustgroßen, permanent offenen Druckstelle am Widerrist, sprengte Krantz effektvoll auf den Hof und warf sich wie der Jüngste vom Tier. Ehe er in Hörweite war, begann Krantz schon die Arme übereinanderzurollen und seine Kriegspläne auszukramen. Aus deutschen Massai wollte er an der ganzen Grenze ein Aufklärungs-, Spionage- und Nachrichtenkorps organisieren, mit ihm selbst als Zentralorgan und belebendes Herz. Die Massai sollten dann immer vorneweg, immer vorneweg am Feinde sein. Die berittenen Farmer und Pflanzer sollten dann, von seinen Massaispionen geführt, den Feind umgehen und in der Flanke angreifen. »Und« – er rammte einen imaginären Karabiner in die rechte Schulter – »dann immer: päng, päng! Und« – er rammte denselben Karabiner in die linke Schulter – »wenn das rechte Auge ermüdet ist, dann immer links: päng, päng!« Aufrollen sollten wir die Feinde. Nach der Küste zu aufrollen, bis das Land zu Ende sei und sie alle ins Meer stürzten. Wieder rollten seine Arme, diesen Prozeß plastisch darstellend.
Es kam endlich der Kaffeepflanzer und frühere Oberleutnant zur See Büchsel, ein neuer Stern, der neben Krantz an unserer Front aufging. Büchsel kam bei Webers durch auf dem Marsche zum Longidogebirge, etwa Kilometer nordwestlich unseres Postens gelegen, um dort mit Kameraden aus dem Aruschabezirk, berittenen Pflanzern und Farmern, ein Patrouillenkorps zu gründen. Er bezog oben im Gebirge, am Urwaldrande, ein Lager, das nach ihm später den Namen Büchsellager führte. Von hier ritt er Patrouillen über die Grenze in Richtung Erok, Ingito, englische Magadbahn, stellte die Wasserstellen, die Stärke der feindlichen Posten fest und berichtete darüber an das Kommando.