»Auch die Babette Heimerdinger.«


VIII.
Eine Predigt Gottes.

Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und in den Feldern und Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie ein Wintersturm war es auch über meine Jugend dahingegangen. All' mein Hoffen und Sehnen und meine Begeisterung war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt und gebrochen. Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar äußerlich beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach und nach selbst verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche in Ohnmacht fiel und ich um Hülfe rief, war sie ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles mit angesehen und zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu empfinden, war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, Babette und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der Anton Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei tausendmal schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. Das hatte sie schon lange genug geärgert; die sollte nicht länger mit ihrer Unschuld groß thun. Nun hatte sie auch soviel verstanden und sich zusammengereimt, daß ich der Babette helfen wolle und war den Abend gleich zum alten Fink gelaufen und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken und versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort mache und so meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler freilich bekam sie nicht und der Aerger darüber war auch der Anlaß ihres Plauderns.

Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage in Händen habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, war gekommen, um mich um Verzeihung zu bitten, jedoch jeder Kirchenvorsteher allein. Der Bürgermeister meinte, der alte Fink und der Mauser wären an Allem schuld. Der alte Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der Mauser hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen keinen Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister hätten. Der Schwalb sprach vielleicht allein die Wahrheit, denn er gestand, er habe nicht gewußt, was er unterschrieben habe.

Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur Eintracht und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht und Frieden zwischen mir und meiner Gemeinde sein? Wäre es nicht ein trauriges Zeichen für mich gewesen?

Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille eines jugendlichen Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit und Verlassenheit unter diesen Leuten. Mir war es oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem »ausgewanderten Dichter«:

»Allein? Allein? und so willst du genesen?
Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?
Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!
Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«

Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja eine geliebte Braut; aber bei dem dürftigen Einkommen der Stelle konnte ich nicht an Heirathen denken. Ich konnte stundenlang im trüben Sinnen am Fenster sitzen und hinunterblicken zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und zu den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft war ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom Blitz getroffenen Baumes saß. Er nickte mir zu und ich nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es schneite dabei immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem Kamin zurück in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen wurde ich geweckt durch eine Nachricht, die laut predigte von der Unbegreiflichkeit der Gerichte Gottes und von der Unerforschlichkeit seiner Wege. Es hieß: der Schneider Heimerdinger hat seine Frau erschlagen.