Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als habe er ihr mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, er habe ihr ein Schnitzmesser in den Hals geworfen. Endlich gelangte eine bestimmtere Nachricht an mich, daß die Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, aber nicht todt, und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig wäre; nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, seine Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, auf jeden Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so leicht nicht abweisen zu lassen. Ich fand die Hausthüre von innen verriegelt. Aber als ich ein wenig Lärm mit dem Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster und bald darauf wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn des Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu Hause. Er war vor einer Stunde in den Wald gegangen, um Holz zu holen, weil sie keinen Vorrath mehr im Hause hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich trat in ein freundliches, nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen Dorf zu finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand eine ganze Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, Fuchsia's und Cactus. In dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte und durch eine einfache Gardine geschützt war, lag die Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht todtenbleich und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, während die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und mich gar verlegen und mißtrauisch anblickte.

»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen zu sein«, begann ich die Unterredung.

»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«

»Was ist denn eigentlich geschehen?«

»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und über das Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen Nagel, der herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, einen Darm verletzt.«

Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so im Tone der Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken gekommen wäre, wenn ich nicht in ihren Augen etwas Lauerndes meinte wahrgenommen zu haben. Doch ich konnte mich auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich rasch: »Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«

Aber sie wußte es schon.

»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten und die nicht wissen, was sie thun.«

»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen wollen?«

»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«