»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«
»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«
»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«
»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«
»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht etwas daraus mittheilen.«
»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden sie nach Californien absegeln. Sie macht uns schwere Vorwürfe und was mich am meisten ängstigt, ist: daß sie schreibt, sie blicke oft in das Meer und dann denke sie: wenn sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie Ruhe und Frieden. Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«
Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht weiter in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn sterben sollte, ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle Gottes zu erscheinen. Da antwortete sie auf einmal in einem ganz umgeänderten Tone: »Sie müssen wieder kommen, Herr Pfarrer, Sie müssen wieder kommen!« und schwere Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch viel mit Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach, zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe aufrecht erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr unglückliches Kind schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, geschmolzen zu haben. – Ich lag die Nacht im ernsten, tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider meinen Fensterladen geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief es draußen.
Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein Uhr. Ich warf mich schnell in meine Kleider und war bereit, dem Manne, der noch draußen mit der Laterne stand, zu folgen. Der Sturm heulte, Schnee und Regen schmetterten wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, die zwei alten Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. Ich schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte mir mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, er und seine Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. Die Frau Heimerdinger hätte bereits seit Stunden nach mir verlangt, aber der Heimerdinger habe immer Entschuldigungen und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als sie immer schwächer geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu mir gelaufen und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein Geständniß machen. – Als wir eintraten, lag sie ebenso da wie am Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. Er warf mir einen wilden, verwirrten Blick zu, als ich so plötzlich und unvermuthet hereintrat, wandte sich aber gleich wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die Hände und streckte sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick auf mich und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden. Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend über die Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der Nachbarin Arm. Ich sank auf die Knie und betete um Gnade für die arme Seele. Ich hätte gern eine gerichtliche Untersuchung der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf derselben Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau Heimerdinger die Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn sie ein solches Geheimniß hätte mit in's Grab nehmen wollen, sie es auch gekonnt habe. Aber der Arzt, der sie noch den Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte und den ich darüber sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier gerichtlich einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht zu zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.
Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm hatte sich noch nicht gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen Haus des Schneiders Heimerdinger, als wollte er es vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit ihm alles Verbrechen und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem Ofen, hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war kalt. Ihn fror es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, das auf dem Tische stand, war am Ausgehen und flackerte auf und nieder. Bei seinem ungewissen Schein glaubte er zu sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem Leintuch verhüllt auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte. Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, der lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen Stubenboden lag. So war er hingefallen, als er spät in der Nacht betrunken in die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben und eingeschlafen. In demselben Augenblicke, als der Knabe seinen Vater erblickte, erlosch das Licht. Da wurde es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei seiner Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem lauten Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt vor seinen eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus in die wilde Nacht hinein, um sich eine andere Heimat zu suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken und fuhr eiskalt durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt brach er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie das gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort – fort – aber wohin du armer Knabe, in der dunkeln Nacht, in Wind und Wetter, im tiefen Schnee? In die Heimat? Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist ein Mörder – Deine Mutter ist ermordet – Deine geliebte Schwester ist verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du hättest sie wohl auch noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott nicht seinen Engeln befohlen hätte: »dies Kind soll wohl behütet sein!«
Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden mehr unter den Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, dann lag er so weich, so weich und wäre gern eingeschlafen, aber das Bein that ihm so weh, daß er in einem fort aufschreien mußte.