»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof seine Frau, die Babett, und strich ihm mit der Hand über's Gesicht, um ihn aufzuwecken: »ich weiß nicht, die Hunde rasen ordentlich an ihren Ketten; es muß Etwas im Hof sein. Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und nachsähest: ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen hier herumstrich. – Und horch! – wenn der Sturm nicht so heult – hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein Gott, wenn so ein Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand hinabgestürzt wäre!« Mit gleichen Füßen fuhr sie aus dem Bette und in fünf Minuten stand sie schon mit ihrem Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein Bein gebrochen hatte.

Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom Hauserhof da: ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre etwas Wichtiges.

Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; aber der Hof war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, kaum zu erreichen vor dem ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich trat ich wie ein Schneemann mit Schnee beladen in's Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich handelte, da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte und die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über die nächtlichen Geschichten berichtete und andeutete, daß der Knabe Alles wisse und auch sagen würde, worüber man bis jetzt nur noch Vermuthungen hatte.

»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer von Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er war noch keine fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen will er wieder kommen und nachsehen. Aber was das Konrädchen zu sagen hat, da sollten Sie dabei sein! Sie wissen doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. Und wenn der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die Kinder ist gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und ich wollte, die Babett, mein Göthchen, das herzige Mädchen wäre auch wieder da! Es würde sich noch Manches machen lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser Augenmerk auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da uns Gott diesen Segen versagt hat.«

Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine Weile fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und fing an, den Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten Versicherungen des Schutzes, den er genießen sollte, begann er seine Erzählung, die oft durch Weinen unterbrochen wurde und worüber ich mir in manchen Stücken erst durch langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem Hause ruhte, gedeckt und auch noch etliches baare Geld in die Finger bekommen. Aber sein Durst war diesem und noch mehrerem gewachsen; er schien sich sogar noch von Tag zu Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet und er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das war nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum Voraus berechnen konnte, wann der Preis, für den sie ihr herrliches Mädchen dahingegeben hatte, durch den Leichtsinn und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes bis auf den letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und Zuredungen halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen können, er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle nicht mehr brennen, wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr trinken. – Ueber die neuen Tapeten, welche sie gekauft und über die neuen Einrichtungen im Haus und Garten, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie sich gar nicht freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz. Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen müssen vor furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren Kämpfe ihres armen verstoßenen Kindes erkannte und seine gerechten Vorwürfe fielen wie Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges Herz. – Selbst der Mann wurde soweit gerührt, daß er sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte sich beim Holzfällen betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger im Dorfe spielen und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen lassen. Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte: er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein zu schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad hatte schon mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las wieder Babettens Brief, da taumelte Heimerdinger völlig berauscht zur Thüre herein, in der einen Hand die volle Branntweinflasche, in der andern seine Axt und sein Schlachtmesser. Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an den Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte jetzt die Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto grimmiger wurde sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand und rief: »Du Nimmersatt, du verfluchter Saufaus, o daß Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den Du trinkst! Du säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«

Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und schrei nicht so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« »Gib die Flasche her oder es gibt ein Unglück!«

»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«

»Gib die Flasche her oder –!«

»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor die Füße, daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben Augenblicke griff er nach seinem Schlachtmesser und rannte es ihr in den Leib. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus und fiel für todt in die Stube. Heimerdinger war plötzlich nüchtern geworden, als er das Blut am Boden rinnen und seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. Er schlug sich mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! Mörder!« verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte er auf einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie deshalb auf ihr Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen zu können, riegelte er die Hausthüre zu und machte allerhand Wiederbelebungsversuche. Und wirklich erholte sie sich rasch wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen besonderen Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue des leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die Spuren seiner Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte ihm viele Arbeit, zumal da er nicht überflüssig Wasser im Hause hatte. Das Messer vergrub er im Holzschoppen. Dann sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, was da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. Wenn Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen!