Athelstan’s Siegeslied. Die lyrik ist in den resten der angelsächsischen poesie reich vertreten, obwohl, wie das epos, mehr in der kirchlichen gattung, als im volksliede. Von letzterem ist ein siegeslied der schlacht bei Brunanbyrig, wo die Westsachsen unter Athelstan und Edmund den normannenkönig Anlaf im jahre 938 schlugen, in der angelsächsischen chronik aufbewahrt, welches, wahrscheinlich bald nach dem kampfe gedichtet, diesen mit begeisterung schildert. Der anfang dieses liedes lautet:
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[79] Her
Aeðelstan cyning, Eorla drihten, Beorna beah-gyfa, And his broðor eac Eadmund æðeling, ealdor langne tyr, geslohgon æt sæcce sweorda ecgum ymbe Brunan-burh, |
Hier Athelstan könig, der adeligen herr, der beiden armspangengeber, und sein bruder auch Edmund der edle, weitgerühmte fürst, schlugen im kampfe mit der schwerdter schärfe um Brunanburg, |
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bord-weall clufan, heowan heaðo-linde, hamora lafum eaforan Eadwardes, swa him geæðele wæs from cneo-mægum, þæt hie æt campe oft wið laðra gehwæne land ealgodon, hord and hamas, hettend crungon. |
spalteten den brettwall, hieben die hohen banner mit der hammer stümpfen die kinder Edward’s, wie ihnen angeboren war von den geschlechtsverwandten, dass sie im kampfe oft gegen der bösen jeden das land vertheidigten, den schatz und die wohnungen, den feind vernichteten. |
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Sceotta leode and scip flotan fæger feollan, feld dynede secga swate, syððan sunne up on morgen-tid, |
Schottenleute und die schiffflotte fielen schön, das feld rauschte von heldenblut, seit die sonne auf zur morgenzeit, |
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mære tungol, glad ofer grundas godes condel, beorht eces drihtnes, oþþ sio æþele gesceaft sah to setle; |
das grosse gestirn, froh über tiefen, Gottes licht, der glanz des ewigen herrn, bis das edle geschöpf sank zur ruhe; |
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þær læg secg mænig garum forfrunden, guman norðerne ofer scyld sceoten, swylce Scyltisc eac werig wiges sæd. |
da lag mancher kämpfer von geren durchbohrt, die nordmänner auf dem schild erschossen, dazu der Schotte auch, sehr müde des kampfes. |
Lyrische Gedichte. Einige andere lyrische dichtungen haben subjective veranlassungen. Eine derselben in der exeterhandschrift,[80] in welchem die alten deutschen sagenkreise erwähnt sind, trägt das gepräge eines hohen alters. Sie ist von Torpe mit der überschrift Deor the Scald’s Complaint versehen worden. Die klage eines heimathlosen weibes, eines landfahrers und eines seefahrers, sämmtlich in der exeterhandschrift,[81] haben mit ausnahme des zweiten, welches einen ächt englischen seemannscharakter trägt, wenig anziehungskraft. Unter den religiösen und kirchlichen lyrischen dichtungen befinden sich in der exeterhandschrift eine grosse zahl hymnen auf die dreifaltigkeit, auf Christi geburt, menschwerdung, kreuzigung, auferstehung, höllen- und himmelfahrt, auf die wunder der schöpfung, die güte Gottes und das jüngste gericht.
Ausserdem enthält die exeterhandschrift ein seltsames moralisches gedicht, worin eine verdammte seele sich gegen ihren leichnam, der sie im leben am seligwerden hinderte, beklagt. Diesem ist von Thorpe (aus der vercellihandschrift) ein gegenstück beigegeben worden, welches die freudige anrede einer seligen seele an ihren körper enthält, der ihr im leben zur erringung der seligkeit beistand. Das letztere gedicht ist nur ein bruchstück.[82]
Didaktische Gedichte. Unter die lyrischen produkte der angelsächsischen poesie gehört auch die paraphrasirende übersetzung der psalmen,[83] welche von Thorpe im jahre 1835 aus einer pariser handschrift auf kosten der universität Oxford herausgegeben worden ist. Bis zum fünfzigsten psalm ist die übersetzung in freier prosa, von da ab in einer metrischen paraphrase verfasst. Ob Aldhelm der verfasser wenigstens des letzteren theiles sei, wie Thorpe vermuthet, ist sehr ungewiss. Die für diese ansicht angeführten gründe sind sehr schwach.
An die psalmenparaphrase schliessen sich poetische umschreibungen des apostolischen glaubensbekenutnisses und des vaterunsers.
In der exeterhandschrift befinden sich drei allegorische lehrgedichte,[84] von denen das eine in symbolischer weise den wallfisch (leviathan) mit dem teufel vergleicht. Das übereinstimmende beider wird in den gefahren gefunden, welche sie dem menschen bereiten. Das andere beschreibt die eigenschaften des panthers und vergleicht sie dann mit denen des heilandes. Das dritte ist eine paraphrase des dem Lactanz zugeschriebenen gedichtes vom vogel phönix, mit welchem der angelsächsische dichter in längerer selbstständiger ausführung die auserwählten diener Christi vergleicht.
Die Gaben der Menschen. Die exeterhandschrift enthält ferner mehrere moralische gedichte über die verhältnisse des menschlichen lebens, von denen das folgende, vollständig abgedruckte eine probe ist:
Von den verschiedenen gaben der menschen.
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[85]Fela bið
on foldan. forð gesynra. geongra geofona. þa þa gæst-berend. wegað in gewitte. swa her weoruda god. |
Viele sind auf erden stets offenbare (jüngere) zartere gaben, welche der geist tragend bewegt im verstande, wie hier der heerscharen Gott, |
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meotud meahtum swið. monnum dæleð. syleð sundor-giefe. sendeð wide. agne spede. Þara æghwylc mot. dryht-wuniendra. dæl onfôn. |
der herr in mächten stark, den menschen zutheilet, giebt verschiedene gaben, sendet weit mit eigener kraft, deren ein jeder soll der menschenwohnenden einen theil empfangen, |
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ne bið ænig þæs. earfoð-sælig. mon on moldan. ne þæs med-spedig. lytel hydig. ne þæs læt-hydig. þæt hine se ar-gifa. ealles biscyrge. |
Nicht ist ein so schwer seliger mensch auf erden, nicht so mittelglücklich, wenig behutsam, nicht so spät bedacht, dass er ihm der ehr-gaben gänzlich beraube, |
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modas cræfta. oþþe mægen-dæda. wis on gewitte. oþþe on word-cwidum. þy læs ormod sy. ealra þinga. þara þe he geworhte. in woruld-life. geofona gehwylcre. |
der geistes kräfte, oder tüchtiger thaten, weise im verstande oder im wortgespräch, damit er nicht verzweifelnd sei aller dinge, derer, die er gewirkt im weltlichen leben mit jeglicher der gaben. |
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næfre god demeð. þæt ænig eft. þæs earm geweorðe. nænig eft þæs swiþe. þurh snyttru-cræft. in þeode þrym. þisses lifes. forð gestigeð. |
Niemals Gott bestimmt, dass einer wiederum, so arm würde, noch irgend einer so gross durch geisteskraft in dem volksgetümmel dieses lebens vorsteigt, |
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þæt him folca weard. þurh his halige giefe. hider onsende. wise geþohtas. and woruld cræftas. under anes meaht. ealle forlæte. þy læs he for wlence. wuldor-geofona ful. |
dass ihm der volkswart durch seine heiligen gaben, werde hierher senden weise gedanken und weltliche künste, um eines macht alle verlasse, damit er nicht aus stolz, herrlicher gaben voll, |
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mon mode swið. of gemete hweorfe. and þon forhycge. hean-spedigran. ac he gedæleð. se þe ah domes geweald. missenlice. geond þisne middan-geard. leoda leoþo-cræftas. lond-buendum. |
ein mensch, geistes stark, vom masse sich wende und dann verachte die weniger glücklichen; sondern er theilt aus, welcher hat der verfügung gewalt, mannigfaltig über diese welt der menschen gliederkräfte den landbauern. |
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sum her ofer eorþan. æhta onlihð. woruld-gestreona. sum bið wonspedig. heard-sælig hæle. bið hwæþre gleaw. modes cræfta. |
Einer hier auf erden habe anlegt weltlicher schätze; einer ist ein bedürftiger, schwerseliger mensch, ist dennoch kundig der geisteskräfte; |
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sum mægen-strengo. furþor onfehð. sum freolic bið. wlitig on wæstmum. sum biþ woð-bora. giedda giffæst. sum biþ gearu-wyrdig. |
einer gewaltige kraft, höhere empfängt; einer ist fröhlich, schön an gestalt; einer ist ein dichter, der lieder fähig; einer ist wortebereit; |
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sum biþ on huntoþe. hreð-eadigra. deora dræfend. sum dyre bið. woruld-ricum men. sum bið wiges heard. beado-cræftig beorn. þær bord stunað. |
einer ist auf der jagd wildhafter thiere ein dränger; einer ist theuer welt-mächtigen männern; einer ist ein kampfharter, kriegskundiger mann, wo der schild tönt; |
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sum in mædle mæg. mod-snottera. folc-rædenne. forð gehycgan. þær witena biþ. worn ætsomne. sum mæg wrætlice. weorc ahycgan. (ms. ahyggan.) heah-timbra gehwæs. |
einer im rathe kann der klugen volksgesetze ausdenken, wo der weisen sind viele beisammen; einer kann wunderbar werk ersinnen, irgend ein hochgezimmertes; |
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hond bið gelæred. wis and gewealden. swa bið wyrhtan ryht. sele asettan. con he sidne ræced. fæste gefegan. wiþ fær-dryrum. |
die hand ist gelehrt, weise und gewaltig, wie es einem baumeister ziemt, einen saal zusammenzusetzen; kann das weite gerüst fest zusammenfügen gegen plötzliche einstürze. |
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sum mid hondum mæg. hearpan gretan. ah he gleo-beames. gearo brygda list. sum bið rynig. sum ryht scytte. sum leoða gleaw. sum on londe snel. feþe spedig. |
Einer mit händen mag die harfe grüssen; er hat des klangholzes bereiter griffe kunst; einer ist ein läufer, einer ein rechter schütze, einer in liedern geschickt, einer zu lande schnell, fussflüchtig. |
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sum fealone wæg. stefnan steoreð. stream-rade con. weorudes wisa. ofer widne holm. þôn sæ-fore. snelle mægne. arum bregdað. yð-borde neah. |
Einer die falbe woge mit dem steven durchsteuert, den stromweg kennt der schar führer über den weiten holm, wann seefahrer, mit schneller kraft mit rudern treiben dem wogenbord (strande) nahe. |
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sum bið syndig. sum searo-cræftig. goldes and gimma. þôn him gumena weard. hateð him to mærþum. maþþum renian. |
Einer ist sinnig, (?) einer besonders kundig des Goldes und der Edelsteine, wann ihn der männer wart heisst, ihm zur mähr eine zier bereiten. |
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sum mæg wæpen-þræge. wige to nytte. mod-cræftig smið. monige gefremman. þôn he gewyrceð. to wera hilde. helm oþþe hup-seax. oððe heaþu-byrnan. scirne mece. oððe scyldes rond. fæste gefegan. (gefegeð.) wið flyge gares. |
Einer mag waffentrachten (?) dem kriege zu nutzen, ein geschickter schmied, viele bereiten, wann er arbeitet dem männer kampfe helm oder hüftmesser, oder volle rüstung, glänzendes schwert, oder schildes rund, fest gefügt gegen den flug des gers. |
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sum bið arfæst. and ælmes georn. þeawum geþyde. (geþyded?) sum bið þegn gehweorf. on meodu-healle. sum bið meares gleaw. wic-cræfta wis. (wicg-cræfta.) |
Einer ist ehrenfest und giebt almosen gern, in sitten gesellig. Einer ist ein vertrauter diener in der methhalle; einer ist des pferdes kundig, in reiterkünsten weise. |
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sum gewealden-môd. Þafað in geþylde. þæt he þôn sceal. sum domas con. þær dryht-guman. ræd eahtiað. sum bið hræd tæfle. sum bið gewittig. æt win-þege. beor-hyrde god. |
Einer demüthig, leidet in geduld, was er dann muss. Einer urtheile versteht, wo freunde rath schlagen. Einer ist würfelkundig, einer ist witzig bei dem weintrinken, ein guter bierwächter. |
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sum bið bylda til. ham to habbanne. sum bið here-toga. fyrd-wisa from. sum biþ folc-wita. sum biþ æt þearfe þrist. hydigra-þegn. mid his þeodne. sum geþyld hafað. fæst gongel ferð. |
Einer ist ein guter zimmerer, ein haus zu errichten. Einer ist ein herzog, ein starker heerführer. Einer ist ein volksrath, einer ist in der noth dreist, der schüchternen diener; mit seinem herrn einer geduld hat, eine feste (?) seele. |
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sum bið fugel-bona. hafeces cræftig. sum bið to horse hwæt. sum bið swið-snel. hafað searolic gomen gleo-dæda. gife for gum-þegnum. leoht and leoþu-wac. |
Einer ist ein vogeljäger, des falken kundig. Einer ist zu pferde geschwind, einer ist sehr schnell, hat ein künstliches spiel lustiger dinge, gaben für gute diener, leicht und gelenk. |
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sum bið leofwende. hafad môd and word monnum geþwære. sum her geornlice. gæstes þearfe. mode bewindeþ. and him metudes est. (Ms. eft.) ofer eorð-welan. ealne geceoseð. |
Einer ist angenehm, hat gemüth und wort, bei menschen beliebt. Einer hier gern des geistes bedürfnisse im gemüthe verschliesst und sich des schöpfers gunst vor irdischem wohle, allem, wählt. |
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sum bið deor-mod. deofles gewinnes. bið a wið firenum. in gefeoht gearo. sum cræft hafað. circ-nytta fela. mæg on lof-songum. lifes waldend. hlude hergan. hafað healice beorhte stefne. |
Einer ist bedacht auf des teufels krieg, ist immer gegen sünden im gefecht bereit. Einer geschicklichkeit hat vieler kirchengenüsse, kann in lobsängen des lebens walter laut ehren, hat eine hohe, helle stimme. |
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sum bið boca gleaw. larum leoþu-fæst. sum biþ list-hendig. to awritanne. word-gerynu. |
Einer ist buchbewandert, in lehren gliedfest. Einer ist behend, auf zu schreiben wortgeheimnisse.— |
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Nis nu ofer eorþan. ænig monna. mode þæs cræftig. ne þæs mægen-eacen þæt hi æfre anum. ealle weorþen. gegearwade. |
Nun ist nicht auf erden irgend ein mann im geiste so erfahren, noch so künste reich, dass sie stets einem alle würden bereitet, |
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þy læs him gilp sceððe. hade, oþþe fore þære mærþe. môd astige. gif he hafaþ ana. ofer ealle men. wlite and wisdom. and weorca blæd. ac he missenlice. (He. i. e. God.) monna cynne. gielpes styreð. and his giefe bryttað. |
damit ihm nicht übermuth schade, oder wegen deren mähr das gemüth sich überhebe, wenn er hätte allein vor allen menschen schönheit und weisheit und der werke frucht; sondern er verschiedentlich des menschengeschlechtes stolz steuert, und seine gaben vertheilt: |
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sumum on cystum. (Ms. summum.) sumum on cræftum. sumum on wlite. sumum on wige. sumum he syleð monna. milde heortan. þeaw fæstne geþoht. sum biþ þeodne hold. |
einigen in würden, einigen in künsten, einigen in schönheit, einigen im kriege; einigen menschen verleiht er milde herzen, ein wohlbestelltes gemüth; einer ist dem herrn hold. |
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swa weorðlice. wide tosaweð. dryhten his duguþe. a þæs dôm age. leoht-bære lof. se us þis lif giefeð. and his milde môd. monnum cyþeð. |
So würdiglich weit säet aus der herr seine tugenden. Immer also habe macht, leuchtendes lob, der uns dieses leben giebt und seinen milden geist den menschen verkündet! |