Sinnsprüche. Die Angelsachsen besassen einen grossen schatz körniger sprüchwörter und inhaltsreicher sinnsprüche in versen, von denen uns die exeterhandschrift vier sammlungen aufbewahrt hat. Diese sentenzen sind derjenigen ähnlich, welche uns Cuthbert in seiner epistola de morte Bedæ als einen spruch des sterbenden Beda in folgenden worten aufbewahrt hat:
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For þam nedfere neni wirþeð þances snotera, þonne him þearf sy, to gehicgenne er his heonongange, hwet his gaste godes oððe yveles efter deaðe heonon demed weorþe. |
Vor der nothfahrt niemand wird gedanken weiser, denn ihm bedarf sei, zu forschen vor seinem hingange, was seinem geiste des guten oder bösen nach dem tode (von) hinnen zugeurtheilt werde. |
Räthsel. Endlich sind uns in der exeterhandschrift eine grosse menge räthsel überliefert, deren aufgeben und lösen eine beliebte unterhaltung der Angelsachsen war. Von den beiden hier mitgetheilten räthseln mag die auflösung des ersten „gedanke“ oder „luft“ und des zweiten „gerste“ sein, mit rücksicht auf das daraus gebraute getränk (John Barleycorn).
Codex Exoniensis, seite 482.
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Ic eom mare. þon þes middan-geard. læsse þon hond-wyrm. leohtre þon mona. swiftre þon sunne. sæs me sind ealle. flodas on fæðmum. and þas foldan bearm. grene wongas. |
Ich bin mehr als diese welt, weniger als ein handwurm, leichter als der mond, schneller als die sonne, die seen gehören mir alle, die fluthen in umfassungen, und des feldes schooss, grüne gefilde; |
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grundum ic hrine. helle under-hnige. heofonas ofer-stige. wuldres eðel. wide ræce ofer engla eard. |
die gründe berühre ich, zur hölle neige ich mich hinunter, die himmel ersteige ich, der herrlichkeit wohnsitz; weit reiche ich über der engel heimath; |
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eorðan gefylle. ealne middan geard and mere-streamas. side mid me sylfum. saga hwæt ic hatte. |
die erde erfülle ich, die ganze welt und die meerströme weit mit mir selbst. Sage, wie ich heisse? |
Codex Exoniensis, seite 410. (Wright’s Introductory Essay, seite 79).
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Bið foldan dæl. fægre gegierwed. mid þy heardestan. and mid þy scearpestan. and mid þy grymmestan. gumena gestreona. |
Es ist ein theil des feldes, schön bereitet, mit dem härtesten und mit dem schärfesten und mit dem grimmigsten menschlicher werke, |
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corfen sworfen.[86] cyrred þyrred. bunden wunden. blæced wæced. frætwed geatwed.[87] feorran læded. to durum dryhta. |
geschnitten, gestrichen, gewendet, gedörrt, gebunden, gewunden, gebleicht, geweckt, geputzt, gezeigt, weit gebracht zu den thüren der leute. |
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dream bið in innan. cwicra wihta. clengeð[88] lengeð. þara þe ær lifgende. longe hwile. wilna bruceð.[89] and no wið-spriceð. |
Eine freude ist es im innern lebender wesen, hängt sich an und verlängert; derer das vorher lebende lange zeit willen gehorcht und nicht widerspricht |
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and þon æfter deaðe. deman onginneð. meldan mislice. micel is to hycganne. wisfæstum menn. hwæt seo wiht sy. |
und dann nach dem tode zu urtheilen beginnt, zu melden verschiedentlich. Sehr muss nachdenken der weiseste mann, was dieses wesen sei. |
In diesen räthseln kommen hin und her die alten runen theils, wie es scheint, als buchstaben, theils auch in ihrer wortbedeutung vor. Ein angelsächsisches gedicht über die bedeutung der runen ist von W. Grimm herausgegeben worden.
Prosa. Wenn wir uns zu den prosaischen schriften der angelsächsischen literatur wenden, welche der mündlichen überlieferung so wie späterer ungenauer aufzeichnung mehr entrückt waren, so findet sich nicht nur grössere sicherheit in sprache und rechtschreibung, welche mit geringen ausnahmen die des autors sein mag, sondern es ist auch leichter, den historischen fortschritt in der literatur zu verfolgen, als bei der poesie, da dieselbe nur selten auf einzelne dichter zurückzuführen ist, sondern auf der breiten unterläge des volkslebens ruht.
Athelbert’s und Wihtræd’s Gesetze. Die ersten anfänge angelsächsischer prosa sind in den gesetzen zu suchen, welche Athelbert, könig von Kent, der im jahre 616 starb, bald nach seiner bekehrung zum christenthum in neun und achtzig bestimmungen erlassen haben soll. Manche derselben mag eingeschoben sein. Die sprache ist gewiss modernisirt; die überschrift This syndon tha domas, the Aethelbirht cyning asette on Augustinus dæge, welche sich in dem einzigen manuscript dieser gesetze findet, ist ebenfalls späteren ursprungs, worauf auch die aufzählung der priesterlichen rangordnung und die volle entwickelung des kirchenregimentes im ersten paragraph schliessen lässt: