Predigten machen einen hauptbestandtheil der angelsächsischen literatur aus, wovon die grosse anzahl handschriften mit homilien, welche Wanley in seinem cataloge verzeichnet hat, den besten beweis liefert. Gedruckt ist das wenigste davon.

Apollonius von Tyrus. Die übersetzung der geschichte des Apollonius von Tyrus[104] von einem unbekannten Verfasser ist das einzige angelsächsische werk der romantischen prosa, welches sich im ganzen mittelalter beliebt erhielt und zuletzt in dem Shakespeare zugeschriebenen Play of Pericles eine dramatische verwandlung erfuhr.

Astronomie. Einen schatz wissenschaftlicher werke besitzt die angelsächsische literatur nicht, da die lateinische sprache die wissenschaft im engeren sinne beherrschte. Indessen verdienen doch zwei bücher, ein populär-astronomisches und ein medicinisches, beide in angelsächsischer spräche vorhanden, erwähnt zu werden. Beide mögen aus dem zehnten jahrhundert herrühren. Das erstere ist in mehreren exemplaren auf uns gekommen, woraus auf dessen verbreitung geschlossen werden kann.[105] Es beschreibt und erklärt die himmelserscheinungen in einfacher sprache, von welcher folgendes eine probe ist:

Ms. Cotton. Titus D. XXVII. (Mitgetheilt in Wright’s Introductory Essay. Seite 86 ff.)
Ure eorðlice niht soðlice cymð þurh þære eorðan sceade, þonne seo sunne gæð on æfnunge under þissere eorðan; þonne bið þære eorðan bradnys betwux us and þæra sunnan, þæt we hyre leoman lihtinge nabbað oððæt heo eft on oðerne ende upastihð. Unsere irdische nacht kommt in wahrheit von der erde schatten, wenn die sonne des abends unter diese erde geht; dann ist der erde breite zwischen uns und der sonne, so dass wir ihre lichtstrahlen nicht haben, bis sie wieder am anderen ende aufsteht.
Seo eorðe stent on gelicnesse anre pinn-hnyte, and seo sunne glit onbuton be Godes gesetnysse, and on þone ende þe heo scinð is dæg þurh hyre lihtinge, and se ende þe heo forlæt bið mid þeostrum oferþeaht, oððæt heo eft þyder geneahlæce. Die erde gleicht einer fichtennuss, und die sonne gleitet herum nach Gottes gesetz, und an dem ende, wo sie scheint, ist tag durch ihr licht, und das ende, welches sie verlässt, ist mit düsterheit bedeckt, bis sie sich wieder dahin nähert.
Middan-geard is gehaten eall þæt binnan þam firmamentum is. Firmamentum is þeos roderlice heofen, mid manegum steorrum amet; seo heofen, and sæ, and eorðe, synd gehatene middan-geard. Middan-geard heisst alles, das binnen dem firmamente ist. Firmament ist der ätherische himmel, mit vielen sternen geziert; der himmel, und die see und die erde werden middan-geard geheissen.
Seo firmamentum tyrnð symle onbutan us under þissere eorðan and bufon, ac þær is ungerim fæc betwux hire and þære eorðan; feower and twentig tida beoð agane, þæt is an dæg and an niht, ær þam þe heo beo æne ymb-tyrnd, and ealle þa steorran þe hyre on fæste synd, turniað onbutan mid hyre. Das firmament dreht sich beständig um uns, unter dieser erde und darüber, aber es giebt einen unermesslichen raum zwischen ihm und der erde; vier und zwanzig stunden sind vorüber, das ist ein tag und eine nacht, ehe es sich einmal umdreht, und alle die sterne, die ihm angeheftet sind, drehen sich herum mit ihr.
Seo other stent on æle-middan, þurh Godes mihte swa gefæstnod, þæt heo næfre ne byhð ufor ne neoðor, þonne se ælmihtiga scyppend þe ealle þing hylt buton geswince hi gestaðelode. Die andere steht in der mitte, durch Gottes macht so befestigt, dass sie niemals höher oder niedriger ist, als der allmächtige schöpfer, welcher alle dinge ohne mühe hält, sie stellte.
Aelc sæ, þeah þe heo deop sy, hæfð grund on þære eorðan, and seo eorðe abyrð ealle sæ, and þone garsecg, and ealle wyll-springas and ean þurh hyre yrnað; swa swa æddran licgað on þæs mannes lichaman, swa licgað þa wæter-æddran geond þas eorðn; næfð naðor ne sæ ne ea nænne stede buton on eorðan. Jede see, so tief sie auch sei, hat grund auf dieser erde, und die erde trägt alle seen, und das weltmeer und alle quellen und ströme laufen durch sie; so wie die adern liegen auf des menschen leichnam, so liegen die wasseradern durch die erde; und es hat weder eine see noch irgend ein fluss eine stätte, ausser auf der erde.

Medicin. Das oben erwähnte medicinische buch findet sich in der königlichen bibliothek des brittischen museums in einer prachtvollen handschrift, welche wahrscheinlich einmal das eigenthum eines angesehenen arztes war. Das werk handelt in zwei theilen von der behandlung äusserer und innerer übel und den mitteln zu ihrer heilung. Wunden, augenübel, schlangenbisse, vergiftungen müssen in jener zeit, aus welcher die handschrift herrührt, besonders häufig gewesen sein, da viele mittel dagegen angegeben werden. Die heilmittel wurden gewöhnlich aus dem pflanzenreiche entlehnt. Folgendes sind proben dieser recepte.

Ms. Reg. 12. D. XVII. (Mitgetheilt in Wright’s Introductory Essay, seite 98 ff.)
Wið þon ilcan: genim fætful grenre rudan leafa, and senepes sædes cucler fulne, gegnid to-gædere, do æges þæt hwite to cucler fulne, þæt sio sealf sie þicce, smire mid feþere on þa healfe þe sar ne sie. Bei demselben (übel: kopfschmerz): nimm ein gefäss voll grüner rautenblätter und senfsamens einen löffel voll, reibe (es) zusammen, thue von einem eie das weisse dazu, einen löffel voll, dass die salbe dick sei, schmiere (sie) mit einer feder an die seite, welche nicht schmerzt.
Wið poccum: swiðe sceal mon blod lætan, and drincan amylte buteran bollan fulne; gif hie utslean, ælcne man sceall aweg adelfan mid þorne, and þonne win oððe alor[106]-drenc drype on inan, þonne ne beoð by gesyne. Bei pocken soll der mensch viel blut lassen und geschmolzener butter einen napf voll trinken; wenn sie ausschlagen, soll selbiger mann (sie) mit einem dorne weggraben, und dann wein oder erlen-trank hinein tropfen, dann werden sie nicht gesehen werden.
To wunde clæsnunge: genim clæne hunig, gewyrme to fyre, gedo þonne on elæne fæt, do sealt to, and hrere oð þæt hit hæbbe briwes þicnesse, smire þa wunde mid, þonne fullað hio. Zur wundenreinigung nimm reinen honig, wärme (ihn) am feuer, dann thue (ihn) in ein reines gefäss, thue salz dazu, und rühre bis dass es die dicke eines breies habe, schmiere die wunde damit, dann reinigt (es) sie.

Die Sachsenchronik. Den schluss der angelsächsischen, und zugleich den übergang zu der nächstfolgenden sogenannten halbsächsischen (Semi-Saxon), oder normännischen periode der englischen literatur bildet die Sachsen-chronik.[107] Die gewöhnliche annahme ist, dass der aufang von diesem, nächst Beda’s kirchengeschichte, wichtigsten quellenwerke der angelsächsischen geschichte zur zeit des königs Alfred gemacht worden sei, als der geschmack an historischen gegenständen durch Alfred’s eigene arbeiten geweckt und verbreitet wurde. Man will dieses auch aus dem umstande schliessen, dass die älteste handschrift, das „Benet Ms.,“ nicht nur bis zur geschichte des Jahres 891 von einer und derselben hand geschrieben ist, sondern auch bruchstücke aus Beda’s kirchengeschichte nach Alfred’s übersetzung enthält, wozu der umstand tritt, dass das werk bis über die mitte des neunten jahrhunderts hinaus unverkennbare spuren einer späteren abfassung zeigt. Erst mit Alfred’s regierung fangen die eigentlichen annalen an, welche bis zu 925, dem todesjahre Eduard’s, fortgesetzt sind. Mit diesem jahre werden die aufzeichnungen kürzer und abgebrochener, bis sie mit dem jahre 1001 in dürftige notizen übergehen, welche bis zum jahre 1070 fortgesetzt werden. Zum schluss der handschrift folgt eine lateinische lebensbeschreibung Lanfranc’s. Andere handschriften führen den abgebrochenen faden der geschichte weiter bis zum tode Stephan’s, welcher im jahre 1154 erfolgte. Gegen das ende des ganzen werkes, wie es uns in einer einzigen zusammenstellung der verschiedenen handschriften vorliegt, finden sich schon viele vernachlässigungen der grammatik, so wie auf den letzten seiten sogar französische Wörter. Peterborough, wo die letzten aufzeichnungen der in der angelsächsischen chronik zusammengestellten handschriften erfolgt sein mögen, blieb auch nach der eroberung England’s durch die Normannen ein sächsisches kloster, in welchem die sprache des unterliegenden volkes eine letzte zufluchtsstätte fand. An mehreren stellen athmet das werk den unwillen der besiegten über den übermuth der normannischen sieger.

Als Verfasser des ältesten theiles der sachsenchronik, welcher aus mündlichen überlieferungen und älteren chroniken, besonders aber beinahe wörtlich aus Beda’s kirchengeschichte und dessen Chronicon sive liber de sex ætatibus mundi geschöpft ist, wird nach blossen vermuthungen Plegmund angegeben, welcher ein freund Alfred’s war und gerade um jene zeit erzbischof von Canterbury (von 890 bis 923) wurde, wo die älteste handschrift des ältesten manuscriptes schliesst. Erzbischof Plegmund ist zwar bereits in alten zeiten als angelsächsischer schriftsteller aufgeführt worden, allein ohne dass man ihm bis jetzt irgend ein werk mit einiger sicherheit zuschreiben könnte. Die übrigen alten handschriften, welche zur zusammenstellung des gegenwärtig unter dem namen der angelsächsischen chronik bekannten buches gedient haben, enthalten, mehr oder minder durch interpolationen und aus früher nicht benützten quellen geschöpfte zusätze erweitert, dieselbe älteste, wahrscheinlich aus Alfred’s zeit stammende recension und verfolgen dann ihren eigenen weg, indem in ihnen selbstständige aufzeichnungen von begebenheiten niedergelegt sind. Eine sorgfältige kritische sichtung und würdigung der einzelnen haudschriften ist noch nicht erfolgt, da es den englischen herausgebern weniger darauf, als auf eine möglichst vollständige zusammenstellung des historischen stoffes angekommen ist.