Alter der angelsächsischen Sprache. Wie alt eigentlich die in den angelsächsischen handschriften erhaltene sprache nach ihrem inneren und äusseren wesen, nach ihrer bildung, rechtschreibung, mithin auch nach ihrer aussprache sei, lässt sich nicht mehr mit sicherheit bestimmen. Das gemeinsame loos beinahe aller schriftlichen werke des mittelalters war es, modernisirt und verändert zu werden, wenn sie von einer person abgeschrieben und vervielfältigt wurden, welche die sprache redete, in der sie abgefasst waren. Nur die unwissenheit des abschreibers sicherte vor absichtlichen änderungen; die unvermeidlichen und unfreiwilligen fehler eines solchen abschreibers[108] können von der kritik viel leichter erkannt und verbessert werden, als die eigenwilligen verbesserungen eines der sprache kundigen schreibers, welcher gewöhnlich nur für den sinn, nicht für die worte und deren construction, noch viel weniger aber für die orthographie des autors sorge trug, und die sprache und schreibart eines manuscripts in die sprache und rechtschreibung seiner zeit und seines ortes verwandelte. Auf diese weise drängt sich die frage nach der sprache eines autors gewöhnlich in die frage nach der zeit und dem orte zusammen, wann und wo das manuscript entstanden sei, wie sich dieses mit bezug auf das Angelsächsische aus parallelstellen unzweifelhaft herausstellt (Bosworth’s A. S. Diction. vorrede LVII). Das älteste angelsächsische manuscript[109] wird von Wanley aus inneren gründen auf das jahr 737 zurückgeführt, wahrscheinlich aber ist es kurz vor Alfred’s zeit entstanden. Caedmon’s Sprache. Dasselbe enthält einige dem Caedmon als dessen erstlinge zugeschriebene verse, welche von Beda (IV, cap. 24) in das Lateinische übersetzt werden. Dieselben verse befinden sich in Alfred’s angelsächsischer übersetzung des Beda, jedoch in modernisirter sprache, wie sie der herausgeber Caedmon’s Thorpe (Pref. Caedm. XXII) in einer zu Oxford aufbewahrten, dem zehnten jahrhundert angehörenden handschrift fand.
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Cod. Ms. Epis. Norwic. Wanley, p. 287. |
Cod. Ms. C. C. C. Oxon. Thorpe, Pref. | Wörtliche deutsche Uebersetzung |
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Nu scylun hergan hefæn ricæs uard metudæs mæcti end his mod gidanc uerc[a] uuldur fadur sue he uundra gihuæs eci drictin1) or astelidæ. |
Nu we sceolan herian.3) heofon-ríces weard. metodes mihte. and his mod-geþonc.4) wera5) wuldor fæder. swa he wundra gehwæs. ece dryhten.6) oord7) onstealde.8) | Nun sollen wir ehren (des) himmelreiches wart, (des) schöpfers macht und seines gemüthes gedanken, (der) menschen herrlicher vater! wie er, jeglicher wunder ewiger herr, den anfang aufstellte. |
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He ærist scop elda barnum heben til hrofe haleg scepen þa middun geard mon cynnæs uard eci dryctin æfter tiadæ firum foldu2) frea allmectig. |
He ærest gescéop.9) eorðan bearnum. heofon to hrófe.10) halig scyppend. þa middan geard. mon cynnes weard. ece dryhten.11) æfter teode. firum foldan. frea ælmihtig. | Er zuerst schuf (die) erde (den) menschen, (den) himmel zum dach, heiliger schöpfer! dann (den) erdkreis, (des) menschengeschlechtes wart, (der) ewige herr, nachher (hervor) zog (den) führern (das) Feld, herr allmächtiger! |
Hierzu finden sich noch nach Bosworth’s A. S. Dictionary p. LVII, wo beide stücke[110] mitgetheilt werden, folgende verschiedene lesarten: 1) dryctin. 2) foldum. 3) herigean. 4) geþanc. 5) fehlt. 6) drihten. 7) ord. 8) astealde. 9) gescop. 10) rofe. 11) drihtne. Ausserdem ist a) uerc entweder ein druckfehler, oder ein versehen des herausgebers für uere, was bei der ähnlichkeit der buchstaben c und e leicht geschehen konnte. Wäre die lesart uerc, oder weorc wie Sharon Turner in seiner History of the A. S. (vol. III. Book IX. chap. 1) liest, die richtige, dann würde „herrlicher werke vater“ zu übersetzen sein. Ebenso scheint anstatt b) elda die richtige lesart erda zu sein. Ein anderes beispiel noch weit bedeutender abweichungen ist Caedmon’s paraphrase des gesanges der drei männer im feurigen ofen, welche ausser im oxforder manuscript, auch noch in der exeterhandschrift (Codex Exoniensis, seite 185-197), in letzterer aber nicht bloss mit verschiedenen lesarten, sondern gegen das ende in wesentlichen erweiterungen und einer ganz anderen form erhalten ist. Vergleiche Bouterwek’s Caedmon, I. seite 143 ff., wo eine genaue vergleichung der beiden handschriftlichen redactionen dieses dem Caedmon beigelegten gesanges angestellt ist. Welches nun die wirkliche Sprache Caedmon’s, der um 680 starb, gewesen sei, lässt sich durch nichts bestimmen.
Dem zehnten jahrhundert verdanken wir die ältesten und besten der erhaltenen handsehriften in angelsächsischer sprache, weshalb der schluss wohl kein falscher sein dürfte, dass diejenige sprache, welche wir reines Angelsächsisch nennen, die sprache der gebildeten Westsachsen von dem jahre 900 bis 1000 war und sich vielleicht ein jahrhundert hindurch unverfälscht und wenig verändert erhalten hat.
Verschiedene Dialekte. Ausserdem muss bemerkt werden, dass die verschiedenen stämme der Sachsen und Angeln fortwährend ihre dialektverschiedenheit in sprache und schreibart bewahrten, welche so tief gewurzelt ist, dass sie sich bis auf den heutigen tag in den provinziellen sprachsonderungen des englischen volkes verfolgen lässt. Die sprache des von den Angeln besetzten nördlichen theiles von England pflegte man früher den sächsisch-dänischen dialekt zu nennen, zumal hier die Dänen die hauptsitze ihrer langjährigen eroberung hatten. Besser und richtiger ist es aber wohl, ihn den nordanglischen, oder geradezu den anglischen im gegensatze des angelsächsischen (der eigentlich nie existirt hat), westsächsischen, oder sächsischen dialektes zu nennen, zumal die sprache der Dänen und Nordangeln damals noch sehr wenig verschieden sein mochte. Die bewohner von Yorkshire, Northumberland und der schottischen Niederlande unterscheiden sich durch ihre härtere und rauhere sprache noch heut von den Südengländern.
Verlust von Handschriften. Während der beständigen einfälle der Dänen gingen viele angelsächsiche bücher verloren, indem im neunten und zehnten Jahrhundert mehrere klöster mit ihren bücherschätzen von ihnen verbrannt wurden. Nach der normännischen eroberung wurden die besiegten und damit auch ihre sprache und bücher von den siegern verachtet, so dass sie nur noch in denjenigen klöstern und geistlichen stiften, welche in den händen der Sachsen verblieben, gelesen, in den andern aber von staub und feuchtigkeit verzehrt wurden. Im anfange des dreizehnten jahrhunderts war die volkssprache durch das eindringen des französischen idioms bereits so verdorben, dass die angelsächsischen bücher selbst von den nachkommen der alten Sachsen nicht mehr leicht verstanden werden konnten. Von nun ab wurden die angelsächsischen manuscripte nicht bloss vernachlässigt, sondern oft als unnütz beseitigt, oder anderweitig um ihres materiales willen verbraucht. So finden sich in einem im jahre 1248 angefertigten cataloge der in der bibliothek zu Glastonbury aufbewahrten bücher folgende worte:
Item, duo Anglica, vetusta et inutilia.
Item, Sermones Anglici, vetusti, inutiles.
Passionale Sanctorum Anglice scriptum, vetustum, inutile.
Wenn die mönche pergament brauchten, so pflegten sie wohl jene alten und unnützen angelsächsischen handschriften zu nehmen, die für sie unleserlichen, oder unverständlichen worte abzukratzen und ein für sie wichtigeres, neues werk auf das pergament zu schreiben. Eines dieser palimpseste befindet sich in der bibliothek des Jesus-College zu Cambridge, auf welchem eine prächtige handschrift der homilien Alfric’s lateinischen dekretalen hat platz machen müssen. Hier und da, vorzüglich am rande, sind die ursprünglichen angelsächsischen worte noch zu erkennen. Zuweilen brauchten die mönche auch einbände für ihre mess- und chorbücher; dann nahmen sie einige blätter jener alten, unnützen pergamente und klebten sie zusammen. So fand Sir Thomas Phillipps stücke einer angelsächsischen handschrift in den deckeln eines in der kathedrale zu Worcester aufbewahrten buches.[111] Auf diese und ähnliche weise mögen viele angelsächsische handschriften vernichtet worden sein. Zuweilen sind nur dadurch werthvolle angelsächsische manuscripte erhalten worden, dass sie sich zufällig in demselben bande mit lateinischen werken befanden, welche der aufbewahrung würdig erachtet wurden. Vielleicht lasen auch noch einzelne mönche die angelsächsischen handschriften, soweit sie dieselben etwa mit Alfric’s grammatik und glossarium bemeistern konnten. Der letzte und grösste verlust angelsächsischer schriften erfolgte zur zeit der reformation, als bei der aufhebung der englischen klöster die handschriftlichen bibliotheken derselben nach allen richtungen zerstreut wurden. Die trümmer derselben sind noch in und an alten englischen büchereinbänden wahrzunehmen; denn obgleich die reformatoren gerade die kirchlichen schriften der Angelsachsen begierig aufsuchten, so sind doch viele andere angelsächsische manuscripte im sechszehnten Jahrhundert zu büchereinbänden benützt worden.
M. Parker. R. Cotton. Die beiden hauptsammler angelsächsischer handschriften im sechszehnten jahrhundert waren Matthew Parker, erzbischof von Canterbury, und Sir Robert Cotton. Durch seine hohe geistliche stellung wurde es dem erzbischofe Parker leicht, die in den klöstern und kirchen gefundenen alten handschriften seiner eigenen sammlung einzuverleiben. Eben so glücklich war Cotton bei der sammlung der in den klöstern an angelsächsischen handschriften gemachten beute, welche in die hände der antiquare oder einzelner privatpersonen übergegangen war. Matthew Parker’s bibliothek wird jetzt im Corpus Christi College zu Cambridge, die bibliothek Robert Cotton’s im brittischen museum zu London aufbewahrt. Ausserdem befindet sich eine anzahl handschriftlicher schätze in angelsächsischer sprache in der berühmten Bodleyana zu Oxford, in der Universitätsbibliothek zu Cambridge, in den büchersammlungen einiger Colleges zu Oxford und Cambridge und einigen privatbibliotheken England’s; auf dem festlande existiren einzelne angelsächsische handschriften in Brüssel, Paris und Vercelli.
Erst zur zeit der englischen reformation wurde die öffentliche aufmerksamkeit auf die im staube der bibliotheken ruhenden, oder von curiositätensammlern aufbewahrten angelsächsischen handschriften gelenkt, weil in ihnen waffen zur bekämpfung der römischen lehren gesucht und gefunden wurden, denn die alten angelsächsischen theologen predigten gegen dieselben als damals neu entstehende irrthümer. Auch hatten die Angelsachsen die heilige schrift theilweise in die landessprache übersetzt, was die reformatoren begierig benützten und nachahmten.