Gower. Zu gleicher zeit, d. h. in der zweiten hälfte des 14. jahrhunderts, erhielt die englische poesie, welche durch die Visions of Piers Ploughman zur selbstständigkeit gelangt war, einen überraschenden aufschwung durch Gower und eine solche ausbildung durch Chaucer, dass seine werke für zwei jahrhunderte als unerreichte muster dastehen. Der ältere dieser beiden männer, John Gower, war wahrscheinlich einige jahre vor Chaucer geboren, den er auch um acht jahre überlebte, indem er erst 1408 starb. Todd in seinem werke „Illustrations of the Lives and Writings of Gower and Chaucer (8. London, 1810)“ hat eine verhandlung aus dem archiv des herzogs von Sutherland (damals marquis of Stafford) mitgetheilt, welche von Stitenham (oder Sittenham in Yorkshire) im jahre 1346 datirt, und als deren erster zeuge Johannes Gower unterschrieben ist. Eine aufschrift auf dieser verhandlung in einer wenigstens ein jahrhundert späteren handschrift sagt, dass jener Johannes Gower „Sir John Gower the Poet“ gewesen sei. Nach dieser angabe müsste Gower mindestens vor 1326 geboren und über 80 jahre alt geworden sein. Solches steht in übereinstimmung mit den angaben der alten schriftsteller, welche Gower immer in gemeinschaft mit Chaucer, aber vor diesem erwähnen. Gower war, wie aus seinem testament hervorgeht, ein mann von rang und beträchtlichem vermögen. Mit Chaucer war er durch freundschaft verbunden, wie auch seine im jahre 1393 vollendete Confessio amantis bezeugt. In diesem gedichte legt Gower in den mund der Venus folgendes compliment für Chaucer:

And grete well Chaucer, when ye mete,
As my disciple and my poete;
For in the floures of his youth,
In sondry wise, as he well couth,
Of ditees and of songes glade,
The which he for my sake made,
The londe fullfilled is overall;
Whereof to him in special,
Above all other, I am most hold;
Forthy now in his dayes old
Thou shalle him tell this message,
That he upon his latter age
To set an end of all his werk,
As he which is mine owne clerk,
Do make his Testament of Love,
As thou hast done thy shrift above,
So that my court it may record.

Einige jahre früher hatte Chaucer seinem freunde Gower das gedicht Troilus and Cresseide in folgenden zeilen gewidmet:

O moral Gower! this booke I direct
To thee, and to the philosophical Strood,

To vouchesauf there need is to correct
Of your benignities and zeales good.

Das beiwort „moral“ ist seitdem dem dichter Gower geblieben, indem spätere dichter ihn „moral Gower“ nach Chaucer’s vorgange zu nennen pflegen.

Gower war der verfasser von drei grösseren gedichten, abgesehen von mehreren kleineren: des Speculum meditantis in französischer sprache, jetzt verloren, der Vox Clamantis in lateinischer sprache und der Confessio Amantis in englischer sprache. Die kleineren gedichte Gower’s wurden, nachdem einige schon früher veröffentlicht worden waren, im jahre 1818 für den Roxburghe Club von dem herzog von Sutherland (damals Earl Gower) unter dem titel Balades and other Poems by John Gower, printed from the original Ms., Latin and French; in black letter, 4. London, herausgegeben. Gower war wahrscheinlich einer der letzten Engländer, welcher in französischer sprache zu dichten versuchte; am ende eines dieser kleineren gedichte bittet er seine leser um verzeihung wegen etwa in dem fremden idiom gemachter fehler, weil er ein geborner Engländer und nicht meister der französischen beredsamkeit sei:

Et si jeo n’ai de François la faconde,
Pardonetz moi qe jeo de ceo forsvoie.
Jeo sui Englois: si quier par tiele voie
Estre excuse ...

Gower’s hauptgedicht von 30,000 versen, die Confessio Amantis, ist ein dialog zwischen einem liebenden und seinem beichtvater, welcher ein priester der Venus ist und Genius heisst. Der inhalt ist moralisch und beruht auf der annahme, dass jeder glückliche liebhaber nothwendiger weise auch ein guter mensch und christ sein müsse. Der beichtvater bespricht zum beweise dieses satzes in ernster weise alle schwächen des menschlichen herzens und die moral, sowie das eigentliche wesen der liebe. Der schluss des ganzen gedichtes ist unbefriedigend, indem der held desselben uns erzählt, nicht etwa dass seine geliebte unerbittlich oder treulos, sondern dass er selbst schon so alt sei, dass die unterwerfung seiner schönen gegnerin kein triumph für ihn sein würde.

Chaucer. Unendlich wichtiger als Gower für die englische literatur und sprache ist Geoffrey Chaucer, dem die dankbare nachwelt den beinamen „Vater der englischen dichtkunst“ gegeben hat. Obgleich die englische sprache schon mit der entwickelung des unterhauses unter dem ersten Eduard angefangen hatte, nach der herrschaft über die französische zu streben, so hatte sich diese sprache doch am königlichen hofe und in den höheren kreisen ungeschwächt behauptet. Es bedurfte daher eines so gewandten und umfassenden geistes, als Chaucer besass, um, wenn auch durch die kirchlichen und politischen verhältnisse unterstützt, der sprache und mit ihr der literatur England’s einen festen halt und eine sichere, bestimmte richtung zu geben. Fortan galt Chaucer’s sprache und styl, welche Spenser mit der ehrenvollen bezeichnung „The pure well of English undefiled“ belegt, als das musterbild englischer literatur, welches in den folgenden zwei jahrhunderten nicht erreicht, viel weniger übertroffen worden ist. Freilich war Chaucer’s auftreten, wie Warton bemerkt, nur gleich einem heiteren tage des englischen frühlings, wenn die sonne mit ungewöhnlicher wärme und schöne das antlitz der natur erfreut, worauf aber der winter mit neuer macht zurückkehrt.