Der dichter erzählt uns selbst in seinem Testament of Love, dass er zu London geboren sei. Als sein geburtsjahr wird auf seinem grabsteine (im nordöstlichen theile der Westmünster-abtei, im sogenannten Poetenwinkel) das jahr 1328 angegeben. Ob er die universität Cambridge oder Oxford, oder beide nach einander besucht habe, sind bestrittene punkte; gewiss ist aber, dass er die armee begleitete, mit welcher Eduard III. in Frankreich einfiel, und im jahre 1359 gefangen genommen wurde. Um diese zeit erwarb sich Chaucer die freundschaft und den schutz des John of Gaunt, dessen heirath mit Blanche, erbin von Lancaster, er in seinem gedichte The Dream feiert. Der dichter und sein beschützer waren sehr vertraut. Chaucer heirathete Philippa Pyckard oder de Rouet, die tochter eines ritters aus dem Hennegau und ehrendame der königin. Eine schwester dieser dame, Catherine Swinford (wittwe des Sir John Swinford) wurde die geliebte und endlich die frau des prinzen John of Gaunt, mit dessen glück auch das des dichters stieg. Im jahre 1367 erhielt er von der krone ein jahrgehalt von 20 mark silber; im jahre 1372 wurde er als gesandter an den herzog von Genua gesendet, bei welcher gelegenheit er die norditalienischen staaten bereist und Petrarca einen besuch gemacht haben soll; diese letztere vermuthung gründet sich jedoch nur auf eine anspielung in den Canterbury Tales, wo der Clerk von Oxford von seiner geschichte sagt, dass er sie

Learned at Padowe of a worthy clerk—
Francis Petrarch, the laureat poet,
Highte this clerk, whose rhetoricke sweet
Enlumined all Itaille of poetrie.

Es ist dieses die geschichte von Patient Grisilde, welche von Boccaccio geschrieben und von Petrarca in das Lateinische übersetzt worden war. So viel dürfte nicht bezweifelt werden, dass Chaucer die berühmten italienischen dichter der damaligen zeit wenigstens als vorbilder zu lehrmeistern des geschmacks und der poesie gehabt habe. Die göttliche komödie Dante’s hatte die italienische literatur verherrlicht, Petrarca erhielt die lorbeerkrone im römischen capitol nur fünf jahre früher als Chaucer seinen Court of Love schrieb (1346), und Boccaccio hatte sein Decameron, in welchem der wohllaut der sprache mit allen reizen der romantik verbunden war, der bewundernden mitwelt geschenkt. Solche Vorbilder entzündeten den empfänglichen geist Chaucer’s.

Eduard bewährte seine gunst, indem er Chaucer das einträgliche amt eines inspectors des wein- und wollsteueramts zu London verlieh und ihm täglich einen krug wein von der königlichen tafel schickte, wofür er später eine jährliche pension von 20 mark silber erhielt. Eduard sandte ihn auch an den französischen hof, um eine heirath zwischen dem prinzen von Wales und Marie, der tochter des französischen königs, zu vermitteln. Wenn Chaucer in England war, wohnte er in einem ihm von dem könige verliehenen hause in der nähe des königlichen schlosses zu Woodstock, wo er nach seiner schilderung in dem gedichte The Dream mit allen genüssen und feinheiten des lebens umgeben war.

Der anfang der regierung Richard’s II. brachte eine veränderung in Chaucer’s äusseren Verhältnissen hervor, indem er sich in die politischen und kirchlichen Unruhen der zeit verwickelte und der partei des John von Northampton, welcher ein anhänger Wycliffe’s war, gegen die neue regierung anschloss. Chaucer musste fliehen und begab sich zuerst in den Hennegau und nachher nach Holland. Als er im jahre 1386 nach England zurückkehrte, wurde er in den Tower geworfen. Im mai 1388 empfing er die erlaubniss, seine beiden pensionen zu verkaufen, wahrscheinlich aus noth zu diesem schritte gezwungen. Seine befreiung aus dem Tower erhielt er nicht eher, als bis er seine früheren parteigenossen angegeben hatte. Seine leiden, das elend, den hass, welchen er ertragen musste, und seinen unwillen über seine früheren bundesgenossen malt der dichter in rührender sprache in dem Testament of Love. Nach seiner unterwerfung wurde Chaucer wieder von der königlichen gunst getragen und erhielt 1389 ein öffentliches amt zu London und 1390 ein ähnliches zu Windsor. Späterhin empfing er wieder ein jahrgehalt von 20 pfund und jährlich eine tonne wein. Jetzt erst, am abende seines bewegten lebens angelangt, bearbeitete er wahrscheinlich in bescheidener zurückgezogenheit zu Woodstock sein hauptwerk, die Canterbury Tales. Im jahre 1398 wurde ihm von der krone ein schutzbrief bewilligt, ob wegen seiner politischen vergehen oder gegen gläubiger, ist nicht recht klar. Im jahre 1399, als Henry of Bolingbroke, der sohn John of Gaunt’s, seines schwagers, den thron bestieg, wurden weitere 40 mark der pension Chaucer’s zugelegt. Chaucer miethete sich jetzt (24. december 1399) ein haus in London in der nähe von Westmünster, wo jetzt die kapelle Heinrich’s VII. steht; hier starb er am 25. october 1400 und wurde in der Westmünster-abtei beerdigt, der erste jener dichter, deren asche in diesem englischen nationalheiligthum ruht.

Chaucer war gelehrter und weltmann, hofmann und soldat; er wurde in wichtigen und zarten staatsangelegenheiten verwendet, und war ebenso bekannt mit dem glänzenden hofe des kriegerischen und prachtliebenden Eduard III., als mit den unglücklichen schicksalen, welche ihn während der bürgerlichen unruhen in seinen späteren lebensjahren trafen. Chaucer führte ein bewegtes leben und hatte die verhältnisse der welt mit dem auge eines scharfen und glücklichen beobachters geschaut, so dass er besonders geeignet war, das leben der menschen, ihre beweggründe und zwecke getreulich zu schildern. Seine besten schriftstellerischen arbeiten fallen in seine späteren lebensjahre, wo sein verstand durch viele erfahrungen gereift, sein herz aber nicht erkältet, noch seine heitere laune vergiftet war. Er war kein feind der lust und heiterkeit, aber zugleich thätig und fleissig; er war ein feind des aberglaubens und kirchlicher missbräuche, aber seine satyre war nicht bitter; in der komischen erzählung und der charakterschilderung zeigte er sich besonders stark. Sein ganzes leben hindurch bewahrte er sich die liebe zur natur, deren belebenden und stärkenden einfluss er kannte. Mit reizenden farben schildert er die lieblichkeit eines frühlingsmorgens, und der maimonat scheint immer eine festzeit für sein herz und seine phantasie gewesen zu sein. Der aufenthalt in Woodstock, wo er in seiner jugend geschwärmt und im hohen alter die letzten und schönsten träume seines lebens empfangen hatte, mochte diese verehrung der natur in ihm geweckt und erhalten haben.

Chaucer’s Schriften. Chaucer ist ein sehr fruchtbarer dichter. Ausser den Canterbury Tales übersetzte er The Romaunt of the Rose von dem französischen roman de la Rose von Guillaume de Lorris und Jean de Meun; ferner dichtete er Troilus and Cresseide, eine nachahmung des Filostrato von Boccaccio, The House of Fame, Chaucer’s Dream, The Book of the Dutchess, The Assembly of Fowls, The Flower and the Leaf, The Court of Love, nebst vielen balladen und kleineren gedichten. Die werthvollsten derselben sind The flower and Leaf, eine begeisterte allegorie, Troilus and Cresseide, welches lange zeit beliebt war, und The House of Fame, späterhin von Pope paraphrasirt. Chaucer’s Canterbury Tales. Das schönste und dauerhafteste denkmal von Chaucer’s dichtergeist sind aber seine Canterbury Tales,[186] eine nachahmung von Boccaccio’s Decameron. Der italienische dichter lässt zehn personen während der pest des Jahres 1348 sich von Florenz in eine einsame villa zurückziehen, wo sie sich nach dem speisen damit unterhalten, einander geschichten zu erzählen. Zehn tage bleiben sie beisammen, und eine jede person erzählt täglich eine geschichte, so dass das ganze werk hundert geschichten enthält. Chaucer hat einen ähnlichen plan, aber ein freundlicheres motiv seinen Canterbury Tales zu grunde gelegt. Eine gesellschaft von neun und zwanzig verschiedenen leuten (sundry folk), worunter sich auch der dichter befindet, treffen sich im Tabard Inn zu Southwark. Die gesellschaft speist zusammen in dem grossen saale des gasthauses; nachdem sie eine gute mahlzeit gehalten, schlägt der wirth vor, dass ein jeder aus der gesellschaft auf dem wege nach Canterbury, wohin sie zu dem grabe des heiligen Thomas à Becket eine wallfahrt unternehmen wollen, zur abkürzung des weges zwei geschichten und auf dem rückwege wieder zwei der bestandenen abenteuer erzählen solle. Derjenige, welcher dann die beste geschichte vorgetragen haben würde, sollte auf gemeinschaftliche kosten ein abendbrod im Tabard Inn erhalten. Auch der wirth erklärt, selbst mitreisen zu wollen, um sie lustig zu erhalten und ihnen den weg zu zeigen. Die gesellschaft ist mit diesem vorschlage einverstanden und begiebt sich sammt dem wirthe am nächsten morgen auf den weg, wo einen ritter das loos trifft, mit dem geschichtenerzählen zu beginnen. Charactere aus den Canterbury Tales. Sämmtliche charaktere sind in dem prolog zu den Canterbury Tales von Chaucer selbst in launiger und lebendiger sprache geschildert. Da giebt es einen ritter, einen würdigen mann,

That fro the time that he firste began
To riden out he loved chevalrie,
Trouthe and honour, freedom and curtesie.

Aber des ritters equipage war nicht so gut als sein ruf:

But for tellen you of his araie,
His horse was good, but he ne was not gaie;
Of fustian he wered a gipon
Alle besmotred with his habergeon,
For he was late ycome fro his viage,
And wante for to don his pilgrimage.