Occleve. Lydgate. Nach Gower und Chaucer ist das feld der englischen literatur länger als ein jahrhundert unfruchtbar. Warton in seiner geschichte der englischen poesie und Ritson in seiner Bibliographia Poetica haben sich zwar bemüht, diese weite lücke durch die namen einer grossen anzahl vergessener dichterlinge auszufüllen, so dass letzterer zwischen Chaucer und Lord Surrey an 70 englische dichter zählt. Von allen verdienen aber nur zwei einer besonderen erwähnung, Occleve und Lydgate. Thomas Occleve wird von Warton um das jahr 1420 gesetzt. Von ihm sind eine anzahl kleinerer gedichte auf uns gekommen, von denen im jahre 1796 von Dr. Askew sechs ausgewählt und veröffentlicht wurden, und ein längeres gedicht De Regimine Principum, welches nach einem lateinischen original desselben titels gearbeitet, aber nie gedruckt worden ist. Occleve ist ein träger und ungeschickter nachahmer Chaucer’s, den er auch als sein vorbild verehrt und wahrscheinlich persönlich gekannt hat. Viel bedeutender ist John Lydgate, der mönch von Bury, dessen blüthe nach Warton um das jahr 1430 fällt. Lydgate war, sagt der geschichtsschreiber der englischen poesie, nicht allein der dichter des klosters, sondern aller welt: „If a disguising was intended by the company of goldsmiths, a mask before his Majesty at Eltham, a maygame for the sheriffs and aldermen of London, a mumming before the Lord Mayor, a procession of pageants from the creation for the festival of Corpus Christi, or a carol for the coronation, Lydgate was consulted, and gave the poetry.“ Von Lydgate’s dichterischer fruchtbarkeit giebt sein literarischer nachlass[187] den besten beweis. Ritson zählt ungefähr 250 gedichte auf, welche diesem autor zugeschrieben werden. Sein hauptwerk besteht aus neun büchern „tragödien“ über den fall von fürsten und ist eine übersetzung eines lateinischen werkes des Boccaccio. Gedruckt wurden die tragödien zu London zur zeit Heinrich’s VIII. Ausserdem verdienen unter Lydgate’s gedichten noch bemerkt zu werden The History of Thebes und The destruction of Troy, beide mit antikem stoff, welcher allmälig in gebrauch kommt. Was von den persönlichen verhältnissen des dichters bekannt ist, beschränkt sich darauf, dass er Frankreich und Italien bereist und sich mit der dichtkunst dieser länder vertraut gemacht hatte. Dass er aus der fabrikation von gedichten und gelegentlich auch von handschriften ein gewerbe machte, geht aus manchen nachrichten hervor; auch errichtete er in seinem kloster eine schule für den unterricht junger personen aus höheren ständen in der metrik und verskunst. Hawes. Barklay. Auf Lydgate’s schultern steht Stephan Hawes, welcher sein grösseres gedicht „Pastime of Pleasure, or the Historie of Graunde Amour and la bel Pucel“ im jahre 1506 vollendete (gedruckt 1517 von Wynkyn de Worde). Man würde nach diesem titel in dem buche kaum eine gelehrte moralische allegorie erwarten, in denen die sieben Wissenschaften des triviums und quadriviums und daneben noch ein ganzes heer personificirter tugenden und guter eigenschaften auftreten. Der dichterische werth des langen werkes ist bei aller gelehrsamkeit und philosophie sehr gering zu schätzen, indessen sind die Verdienste Hawes’ um die volkssprache nicht zu verkennen. Hawes scheint in Oxford erzogen worden zu sein und viele reisen auf dem festlande gemacht zu haben; er bekleidete unter Heinrich VII. ein hofamt. Alexander Barklay, welcher ebenfalls in dieser zeit lebte, aber in hohem alter erst 1552 starb, ist zwar kein selbstständiger dichter, sondern nur ein übersetzer, als solcher aber durch seine bearbeitung des narrenschiffs von Sebastian Brandt bekannt, welche im jahre 1508 gedruckt wurde. Barklay benützte zu seiner arbeit eine französische und lateinische übersetzung des originals und bereicherte dasselbe mit einer beträchtlichen anzahl narrheiten, welche er unter seinen eigenen landsleuten fand. Dieses giebt dem werke einen besonderen werth als ein denkmal der damaligen englischen sitten.
Skelton. Alle diese nachfolger Chaucer’s haben ersichtlich mit der sprache, in welche sie ihre gedanken und bilder kleiden wollen, zu kämpfen. Während sich bei Chaucer die worte mit den gedanken zugleich darboten und im leichten flusse auf einander folgen, ist es das hauptstreben seiner nachahmer und nächsten nachfolger, die worte zu bewältigen und sie zur aufnahme der gedanken geschickt zu machen. Die versification steht über der poesie. Der erste wirkliche dichter, dem wir nach Chaucer begegnen, ist John Skelton, geboren um 1460. Er studirte zu Cambridge, begann zwischen 1480 und 1490 gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen, während welcher zeit er in Oxford zum dichter gekrönt (poet laureate) wurde, welche ehre ihm im jahre 1493 auch in Cambridge zu theil wurde. Im jahre 1498 empfing er die priesterweihe, wurde wahrscheinlich um dieselbe zeit zum erzieher des jungen prinzen, nachmaligen Heinrich’s VIII., ernannt, später zum pfarrer (rector) von Dysse in Norfolk befördert und starb 1529 im Sanctuarium der Westmünster-abtei, wohin er vor der rache des cardinals Wolsey, seines früheren beschützers, geflohen war, nachdem er ihn mit spottgedichten verletzt hatte. Als gelehrter besass Skelton einen europäischen ruf, und der grosse Erasmus pflegte ihn „Britannicarum literarum decus et lumen“ zu nennen. Seine lateinischen verse zeichnen sich durch ihren geist und ihre classische reinheit aus. Seine englischen gedichte besitzen grosse leichtigkeit, ja ungebundenheit der verse, lebendigkeit und frische der sprache und eine unerschöpfliche phantasie. Seine satyrischen gedichte erhielten durch diese eigenschaften einen besonderen reiz, aber auch eine besondere schärfe, welche den hass und die verfolgung des cardinals Wolsey wohl erklärlich finden lässt. Skelton’s satyre auf denselben, oder das „little book,“ wie er sie bezeichnet, hat den titel „Why come ye not to court?“ und enthält 1300 verse. Ein anderes satyrisches gedicht Skelton’s, sein Bouge of Court (Bouche à Court) ist in strophen von sieben zehnsylbigen jambischen versen geschrieben. Auch im drama versuchte sich Skelton und lieferte „a goodly interlude and a merry“ unter dem titel Magnificence; dasselbe ist gereimt und von beträchtlichem umfange. Nach dem geschmack der zeit ist es allegorisch-moralisch, und unter den personen treten felicity, liberty, measure, counterfeit, countenance, crafty conveyance, cloaked collusion, courtly abusion auf. Aber auch im einfachen und sentimentalen war Skelton ausgezeichnet. Vielleicht ist sein „Book of Philip Sparrow,“ eine lange komische elegie auf den von einer katze in dem nonnenkloster zu Carow bei Norwich erwürgten sperling der schönen Jane Scroop das beste gedicht Skelton’s. Vorzüglich anmuthig ist der zweite theil desselben, The Commendation of the „goodly maid,“ in seiner einfachen und reizenden natürlichkeit zu lesen. Der refrain:
For this most goodly flower,
This blossom of fresh colour,
So Jupiter me succour,
She flourisheth new and new
In beauty and virtue;
Hac claritate gemina,
O Gloriosa femina, etc.
kehrt so plötzlich und unerwartet und doch so natürlich wieder, dass es den eindruck macht, als sollten die wechselnden verschlingungen eines lebendigen tanzes durch eine einfache figur aufgelöst werden.[188]
Mysteries. Die früheste erwähnung scenischer vorstellungen in England findet sich bei Matthew Paris, welcher erzählt, dass Geoffrey, nachmaliger abt von St. Albans, als schulmeister zu Dunstable die legende der heiligen Katharina pantomimisch und mit erklärung in französischer sprache von seinen schülern darstellen liess. Dieses muss vor 1120 geschehen sein. Man nannte solche vorstellungen, wo die mimen auch bald die erklärer ihrer darstellung wurden und damit den monolog und später den dialog verbanden, von ihrem stoffe miracle-plays oder mysteries. Nach und nach erhielten dieselben eine solche ausdehnung, dass sie nicht stunden, sondern tage und selbst wochen dauerten, wie z. B. die aufführung der weltschöpfung zu Skinnerwells im jahre 1409. Obgleich die mysterien anfänglich unter der besonderen leitung der geistlichkeit standen, in den kirchen und klöstern aufgeführt wurden und auf die weckung des religiösen und kirchlichen sinnes unter dem volke berechnet waren, so arteten sie doch bald aus und scheinen als öffentliche spectakelstücke mehr zur belustigung, als zur erbauung des volkes gedient zu haben.
The Harrowing of Hell. Schon unter der regierung Heinrich’s II. 1154-1189 wurden in London märtyrergeschichten der heiligen aufgeführt. Von dem jahre 1268 bis 1577, wo sie aus der mode kamen, wurden mysteries alljährlich zu Chester, dann auch in anderen grösseren Städten[189] aufgeführt, anfänglich unter der leitung von geistlichen, welche auch ihre verfasser waren, später von zünften und gilden, theils auf öffentlichen plätzen, theils auf bühnen, ja auf räderkarren. Bis in das 14. jahrhundert bediente man sich der lateinischen, später unter der regierung Eduard’s III. 1327-1377 bereits der volkssprache. Das älteste stück dieser sogenannten mysterien in englischer sprache von einem pergament Ms. der Harley’schen sammlung im brittischen museum ist The Harrowing of Hell.[190] Das drama stammt wenigstens aus der regierung Eduard’s II., wenn es nicht vielleicht noch älter ist, und besteht aus prolog und epilog und den dazwischen liegenden gesprächen von neun personen Dominus, Sathan, Adam, Eva u. s. w.
Moralities. Da die mysteries, welche mehr und mehr nur dem vergnügen des volkes dienten, sogar in obscönitäten verfielen und trotz ihres kirchlichen Stoffes zu blossen carricaturen herabsanken, so trat endlich die geistlichkeit dagegen auf und verbot sie. Unterdessen war es aber sitte geworden, in diesen spielen menschliche und geschichtliche charaktere mit abstracten personificationen von tugenden, lastern u. s. w. zu vermischen, woraus dann die sogenannten moral plays oder moralities entstanden, welche sich besonders bei hofe und den grossen des landes in gunst setzten und den dichtern gelegenheit gaben, ihren scharfsinn und witz in erfindung und anordnung der neuen stoffe, und ihre phantasie und verskunst bei der ausführung derselben zu zeigen. Bei krönungen, hoffesten, feierlichkeiten der grossen erschienen masken, meist historische personen, Cäsar, Carl der grosse, Alexander u. s. w.; allegorische personificationen, tugenden, laster, die gerechtigkeit, die wahrheit, der frieden u. s. w. hielten anreden und unterhielten sich auch unter einander, wodurch eine verschmelzung religiöser, moralischer und weltlicher charaktere erfolgte und die einführung des eigentlichen dramas vorbereitet wurde. In den moralities trat gewöhnlich ein witziger, schadenfroher und lüderlicher charakter unter dem namen „Vice“ auf. Ursprünglich scheint derselbe eine allegorische durchführung der idee des lasters gewesen zu sein, allein allmälig erhielt dieser charakter menschliche individualität und bildete die grundlage zu dem späteren englischen punch. Der teufel, ein charakter, der in den alten stücken selten fehlte, wurde meist in gesellschaft des lasters eingeführt und musste manchen schlag von ihm erdulden.
Interludes. Obwohl solche scenische vorstellungen noch immer von zünften, zuweilen auch von schülern und studenten gegeben wurden, so finden sich doch andeutungen, dass die kunst scenischer aufführungen gegen das ende des 15. jahrhunderts professionirt zu werden anfing. So besass der berüchtigte Richard III. noch als herzog von Gloucester eine spielertruppe. Heinrich VII. von 1485 bis 1509 hielt deren zwei und interessirte sich besonders für alle arten von schaustellungen. In seine zeit fällt auch der moralities grösste ausbildung, welche man gewöhnlich so einrichtete, dass zur aufführung nur fünf personen nöthig waren, da nie mehrere auf einmal auftraten und zwei, auch drei rollen von einem darsteller gegeben werden konnten, wenn es nöthig war. Allein der prunkliebende Heinrich VIII. von 1509 bis 1546 fand diese kleine zahl nicht ausreichend, sondern stellte 1514 acht Players of Interludes an, wie damals die dramatischen darstellungen hiessen, welche achtzehn minstrels, musikanten und sänger—meist Deutsche und Italiener—verherrlichten. Die hoffeste, welche den allgemeinen namen Revels führten, wurden von einem hohenpriester der ausgelassenheit, Abbot of misrule genannt, geleitet und beaufsichtigt. Da die interludes meist gelegenheitsgedichte waren, so ist der grösste theil derselben verloren gegangen.
[ II. Schottische Dichter.]
Schottische Dichter. Während in England unter der regierung Eduard’s III. der volkscharakter in religiöser, politischer und literarischer beziehung eine andere, nicht mehr normännisch-französische, sondern nationale, d. h. englische richtung nahm, hatten auch die Schotten eine heldenzeit, ihre Wallace und Bruce zu ende des 13. und anfang des 14. jahrhunderts gehabt, welche für die unabhängigkeit ihres vaterlandes gegen Eduard I., Eduard II. und Eduard III. stritten. Von natur romantischer und poetischer als die Engländer, verarbeiteten die Schotten im 14. jahrhundert den grossartigen nationalen stoff, welchen ihnen diese unabhängigkeitskämpfe gegeben hatten, in ihrer mit dem nordenglischen idiom verwandten sprache, welche, weniger mit dem Französischen vermischt, ihre abkunft von den nördlicheren germanischen stämmen, welche von dem 5. bis zum 11. jahrhundert den norden England’s und die sogenannten Niederlande (lowlands) von Schottland zum Schauplatz ihrer niederlassungen und kriegerischen einfälle machten, nicht verleugnete.