Evrard. Zwar hatte die normännisch-französische literatur im 12. und 13. jahrhundert ihren weg auch nach Schottland gefunden, das Französische war, wie in England auch in jenem lande die sprache des hofes geworden, und in Schottland wie in England fanden die normännischen trouvères ihre nachahmer. Evrard, ein mönch zu Kirkham in Yorkshire, im jahre 1150 von könig David I. zum ersten abt der neugegründeten abtei von Holme-Cultraine in Cumberland ernannt, schrieb eine metrische übersetzung der sogenannten distichen des Cato in französischer sprache mit abwechselnden männlichen und weiblichen reimen. Malcolm, der erbe der schottischen krone, floh nach der ermordung Duncan’s durch Macbeth im jahre 1039 nach England und verweilte daselbst siebzehn jahre, hauptsächlich am hofe Eduard’s des bekenners von 1041-1065, welcher, in der Normandie erzogen, das Französische mit vorliebe sprach. Die schottische münze vom jahre 1165 trägt eine französische inschrift, und könig Alexander III. sprach den krönungseid Latine et Gallice, d. h. er las die alte lateinische formel und dann eine übersetzung in französischer sprache. Schottischer Dialekt. Späterhin, als sich England in seiner staats- und kirchenpolitik von Frankreich ablöste und seinen eigenen weg ging, der es für das jenseits des kanals verlorene gebiet auf die eroberung des nordens als eine natürliche entschädigung hinwies, schloss sich Schottland zum schutze seiner unabhängigkeit kirchlich und politisch sogar noch mehr an Frankreich an. Dessenungeachtet drang das Französische nicht in dem masse in die schottische volkssprache ein, als in England, welches unter normännisch-französischer herrschaft drei jahrhunderte hindurch in fortwährender persönlicher Verbindung und wechselwirkung mit Frankreich stand. Der schottische dialekt unterschied sich durch beibehaltung einer grossen anzahl wörter germanischen ursprungs, welche bei Chaucer schon durch französische ersetzt sind, durch eine breitere aussprache der vokale und eine härtere der consonanten, unter welchen der gutturallaut ch, welcher im Englischen verschwindet, zu erkennen ist. So findet sich bei Barbour nocht für nought oder not, wrechyt für wretched, mycht für might, ficht für fight, lichtly für lightly, faucht für fought, raucht für raught, reached u. s. w. Eine andere eigenthümlichkeit Barbour’s ist die alte participialform and für ing: fechtand für fighting, takand für taking, givand für giving, fleeand für fleeing. Indessen kommen beinahe eben so viele participia auf ing vor: fechting, thristing, girning, graning u. s. w., welche form bei Chaucer die vorherrschende ist, obwohl auch die participialendung and bei ihm noch nicht ganz verschwunden ist. Für die alte imperfect- und participialendung de und ed steht regelmässig der härtere laut it oder yt: hangyt für hanged, yarnyt für yearned, levyt für lived, cowplyt für coupled, assayit für assayed, lovyt für loved, callit für called, lispit für lisped u. s. w. Die 3. person des praesens hat das alte dh oder th gewöhnlich in ein is oder ys verwandelt: giffis für gives, levys für lives, steris für steers (jedoch auch noch failythe für fails). Ebenso findet sich is oder ys für die alte pluralendung as (es): armys für armes, sterapys für stirrups. Für den vokal o ist oft a gesetzt: wald für would, na für no, ga für go, strak für stroke, clave für clove (cleft), warld für world, mar für more, knaw für know, shaw für show. Von der späteren eigenthümlichkeit des schottischen accentes, das einem vokale folgende l am ende der sylben abzuwerfen, oder mit dem vokale zu verschmelzen (a’ für all, fa’ für fall, fu’ oder fou’ für full, pow, how für pole, hole) findet sich bei Barbour noch keine spur, wohl aber finden sich bereits elisionen von r und k: ma’ für more, ourta’ für overtake; dagegen braucht Barbour schon die formen: thai, thaim und thar für they, them und their, wo Chaucer noch die alte form hey oder hi, hem und hir oder her hat. Es möge hierbei bemerkt werden, dass die alten schottischen dichter Barbour, Dunbar und sogar noch Lyndsay ihre sprache die englische nennen und mit recht, da die Schotten (nicht die gälischen, oder celtischen Bergschotten) von den alten Angeln abstammen. Erst später wurde von den Engländern die in Schottland gesprochene volkssprache bis auf den heutigen tag als schottischer dialekt (broad Scotch) bezeichnet, während die Schotten, besonders im 16. jahrhundert, aus politischer abneigung ebenfalls anfingen, ihr heimisches idiom im gegensatze zum Englischen schottische sprache zu nennen.
Barbour. Der erste einer reihe von schottischen dichtern war John Barbour, archidiaconus von Aberdeen um das jahr 1357, so dass sein geburtsjahr bald nach 1320 gesetzt werden kann. Als archidiaconus von Aberdeen ist Barbour in einem schutzbriefe genannt, den ihm Eduard III. auf wunsch David de Bruce’s (des königs David II. von Schottland) ausstellte, und worin er ihm und drei anderen gelehrten gestattete, nach England zu kommen, um auf der universität von Oxford zu studiren. Ausser diesem geleitscheine sind noch drei andere aus den jahren 1364, 1365 und 1368 vorhanden, welche dem dichter theils zu demselben zwecke, um in Oxford zu studiren, theils dazu bewilligt wurden, um durch England nach Frankreich, vornehmlich nach St. Denis in literarischen absichten zu reisen. Im jahre 1357 war Barbour einer der beiden delegaten des bischofs von Aberdeen, um in Edinburgh über die auslösung des königs aus der englischen gefangenschaft zu berathen. In seinen späteren lebenstagen scheint Barbour die königliche gunst in besonderem grade genossen zu haben, indem er sich im genusse von zwei pensionen, die aus den königlichen zöllen und steuern von Aberdeen gezahlt werden mussten, befand. Eine notiz in den acten der stadt Aberdeen aus dem jahre 1471 bemerkt, dass die zweite pension ihm ausdrücklich wegen anfertigung eines werkes über „die thaten könig Robert’s I.“ bewilligt worden sei. An einer stelle des „Bruce“ sagt Barbour, dass er damals im jahre 1375 mit der ausarbeitung desselben beschäftigt war. Sein tod fand wahrscheinlich im jahre 1395 statt. Von Barbour’s grosser reimchronik war lange zeit nur ein einziges manuscript aus dem jahre 1489 bekannt, welches zu Edinburgh in der Advocates Library aufbewahrt wird. Es ist jedoch eine zweite handschrift in der bibliothek von St. John’s College zu Cambridge entdeckt worden. Der älteste druck von Barbour’s gedicht mag gegen ende des 16. jahrhunderts vorgenommen worden sein, obwohl sich kein exemplar mit einem titelblatte von dieser alten ausgabe erhalten hat. Seit dem jahre 1616 ist das buch indessen erweislich verschiedene male aufgelegt worden.[191]
Barbour’s Bruce. „The Bruce,“ in vierfüssigen Jamben geschrieben, ist ein sehr langes gedicht, welches Pinkerton in zwanzig, Jamieson in vierzehn bücher getheilt hat. Es schildert die geschichte von Schottland, vorzüglich aber die schicksale des grossen Bruce von dem tode Alexander’s III. im jahre 1286 oder vielmehr von des ersteren bewerbung um die krone nach dem tode Margareth’s 1290, als Eduard I. seine ansprüche als oberherr über Schottland erhob, bis zum tode von Bruce (Robert I.) im jahre 1329. Ausser Bruce ist dessen beständiger gefährte und mitkämpfer, James Douglas, welcher des freundes herz in das heilige land trug, der held des werkes. Sein verfasser nennt es ein „romaunt,“ verheisst aber nichts als wahre begebenheiten zu schildern, indem er am schluss seines vorwortes gottes beistand anruft, dass er nichts sagen möge als die wahrheit. In der that ist auch Barbour’s werk immer als eine authentische und historische schilderung von Andrew von Wyntoun bis zu den neuesten geschichtsschreibern, welche Barbour’s schrift als quelle benutzten, anerkannt worden; denn diejenigen verschönerungen und zusätze, welche die romantik beanspruchte, sind leicht von den geschichtlichen grundlagen zu unterscheiden.
Barbour’s charakter, so weit er sich aus seinem werke erkennen lässt, war edel und aufrichtig, sein verstand erleuchtet, sein herz gross und sein gefühl warm. Auch als geschichtsschreiber zeichnet er sich vortheilhaft aus, indem ihn seine vaterlandsliebe, selbst da, wo er den furchtbaren druck Eduard’s I. schildert, nicht verleitet, in ausbrüche der wuth zu verfallen; ebenso wird die tapferkeit und ausdauer der schottischen helden von ihm zwar mit bewunderung und wärme, aber nicht durch übertreibungen gefeiert. Mässigung und selbstbeherrschung sind die haupttugenden Barbour’s als dichter und als geschichtsschreiber. In folgenden worten verherrlicht der dichter der schottischen unabhängigkeitskriege die selbstständigkeit und freiheit:
A! fredome is a nobill thing!
1) makes. 2) have. Fredome mayse1) man to haiff2) liking!
Fredome all solace to man giffis:
He levys at ese that frely levys!
A noble hart may haiff nane ese,
Na ellys nocht that may him plese,
3) fails. 4) over. 5) eigenschaft, knechtschaft. 6) thraldom. 7) perquire, genau. Gyff fredome failythe3): for fre liking
Is yearnyt our4) all othir thing.
Na he, that ay hase levyt fre,
May nocht knaw weill the propyrte,5)
The angyr, na the wrechyt dome,
That is cowplyt to foule thyrldome.6)
Bot gyff he had assayit it,
Than all perquer7) he suld it wyt;
And suld think fredome mare to pryse
Than all the gold in warld that is.[192]
Ausser dem „Bruce“ wird noch ein anderes werk Barbour’s, eine metrische chronik „The Broite“ (Brute), welche die geschichte der schottischen könige von dem fabelhaften Brutus ab enthielt, von dem geschichtsschreiber Andrew of Wyntoun mehrere male erwähnt. Es ist jedoch bis jetzt noch keine handschrift dieses zweiten werkes Barbour’s entdeckt worden. Dass die sprache Barbour’s durch spätere copisten keine wesentlichen umänderungen erfahren haben könne, ist daraus ersichtlich, dass Wyntoun, welcher nur kurze zeit nach Barbour lebte und schrieb, und dessen werk in einer handschrift aus dem jahre 1430 erhalten ist, längere stellen aus Barbour’s gedicht in derselben fassung, kaum mit irgend einer abweichung von der von Jamieson benützten handschrift, mittheilt. Leider! haben die englischen herausgeber sich nicht enthalten können, wenigstens orthographische änderungen in den einzelnen Wörtern vorzunehmen.
Andrew of Wyntoun. Der früheste nachahmer Barbour’s war Andrew of Wyntoun, oder wie er sich selbst schreibt, Androwe of Wyntoune, ein domherr von St. Andrews und prior des klosters von St. Serf’s Inch in Lochleven, welches von St. Andrews abhängig war. Er soll um das jahr 1350 geboren worden sein und seine „Orygynale Cronykill of Scotland“ in den ersten zwanzig jahren des 15. jahrhunderts vollendet haben. Wyntoun schrieb in dem metrum, aber nicht mit demselben durch ernste Studien gereiften geiste und durch vielfache reisen geläuterten geschmacke seines vorbildes. Indessen hat Wyntoun seine verdienste als chronist, indem er wie Barbour diejenigen theile der schottischen geschichte, deren zeit er zunächst stand, mit gewissenhafter treue und benutzung der besten quellen schildert. Das werk beginnt, wie gewöhnlich bei den gereimten chroniken der damaligen zeit, mit erschaffung der welt und führt in neun büchern bis zum jahre 1408, indem es sich zuletzt ausschliesslich mit schottischer geschichte beschäftigt. Es ist bemerkenswerth, dass ein beträchtlicher theil von Wyntoun’s chronik nicht seine eigene arbeit, sondern die eines anderen gleichzeitigen schriftstellers ist; diese einlage geht vom 19. c. des achten bis zum 10. c. des neunten buches und umfasst die zeit von 1324 bis 1390, was Wyntoun zu anfang und zu ende des fremden Stückes, dessen vorzüge vor seiner eigenen arbeit er rühmt, auf das genaueste und gewissenhafteste angiebt. Das ganze werk ist wichtig als eine schilderung der damaligen sitten und denkart und als eine sammlung historischer anekdoten, wie sie in den klöstern sich weiter erzählten.[193]
Hutcheon. Clerk of Tranent. Ausser den beiden genannten blühten noch andere romanzendichter und reimende chronisten in Schottland bis gegen mitte des 15. jahrhunderts. Einer derselben, namens Hutcheon, mit der näheren bezeichnung „of the Awle Ryall“ (of the Hall Royal) schrieb einen versificirten roman unter dem titel „Geste of Arthur.“ Ein anderer, Clerk of Tranent, war der verfasser eines romans The Adventures of Sir Gawain, von welchem zwei gesänge erhalten sind. Sie sind in 13sylbigen versen mit abwechselnden reimen und häufigen spuren der alliteration in einer schwer verständlichen sprache geschrieben.
Blind Harry. Der bedeutendste dieser schottischen romanschriftsteller ist unstreitig der blinde sänger Henry (Blind Harry), von welchem das berühmte gedicht von dem leben und den thaten Wallace’s herrührt. Der lateinische chronist John Major, welcher um 1469 geboren sein soll, gedenkt dieses einst überaus beliebten gedichtes in folgender weise: „das ganze werk von William Wallace hat Henry, ein blindgeborner, in der zeit meiner kindheit (meae infantiae) in volksthümliche verse gesetzt, in welchen er geschickt war. Er ging umher und recitirte seine verse vor den grossen (coram principibus) und erwarb sich dadurch nahrung und kleidung, deren er würdig war (victum et vestitum, quo dignus erat).“ In dem gedichte selbst kommt keine anspielung auf die blindheit des autors vor, worauf man auch aus den oft vorkommenden schilderungen einzelner scenen nicht schliessen sollte. Im übrigen muss der blinde Heinrich mit den romantischen sagenkreisen seiner zeit gut bekannt gewesen sein, denn er macht an verschiedenen stellen anspielungen auf den gewöhnlichen romanzenstoff, welcher die Schicksale Hector’s, Alexander’s des grossen, Julius Caesar’s und Carl’s des grossen behandelt. Merkwürdig ist es, dass der dichter gegen ende seines werkes ausdrücklich erklärt, es sei durchaus eine übertragung aus dem Latein. Als verfasser der lateinischen quelle oder quellen werden Maistre John Blair und Sir Thomas Gray, pfarrer von Libertown, von ihm selbst genannt, von denen der erstere als ein „worthy clerk, baith wise and right savage“ und als „lewit (loved, geliebt) before in Paris town amang maistres in science and renown“ geschildert wird. Blair sei mit Wallace in die schule gegangen (Wallace and he at hame in schul had been) und habe nebst Sir Thomas Gray die thaten Wallace’s am besten gekannt; auch habe der bischof Sinclair, damals Lord of Dunkeld, welcher das buch Blair’s in die hand bekommen, es als sehr treu und richtig anerkannt, (himself had seen great part of Wallace deed), weshalb er es auch habe nach Rom an den papst schicken wollen, damit dieser sein urtheil darüber abgebe. Der blinde Heinrich selbst war übrigens ein patriotischer Schotte, welcher im eingange seines gedichtes von den südlichen stammesgenossen in England sagt:
Our auld enemies comen of Saxons blud,
That never yet to Scotland wald do gud:
It is weil knawn on mony divers side
How they have wrought into their mighty pride
To hald Scotland at under evermair:
But God above has made their might to pair.