„The Wallace,“ welches ein langes gedicht in zehnsylbigen jambischen versen ist, war seiner zeit noch beliebter in Schottland, als „the Bruce,“ was sich theils aus der grösseren volksthümlichkeit seines helden Wallace, theils aus der grösseren lebendigkeit und begeisterung des autors erklären lässt. Harry’s buch mag vielleicht schon 1520 zu Edinburgh gedruckt worden sein; der gegenwärtig als ältester bekannte druck ist in 4. und rührt aus dem jahre 1570 her. Im 17. und 18. jahrhundert wurde „Wallace“ mehrmals von neuem aufgelegt und dabei vielfach modernisirt und verändert.[194] Eine paraphrase des werkes in das heutige Schottisch von William Hamilton of Gilbertfield ist lange zeit ein lieblingsbuch der schottischen bauern und dasjenige buch gewesen, welches den schlummernden dichtergeist von Robert Burns weckte. Folgende verse des blinden Harry werden von Chamber’s Encyclopaedia in der ursprünglichen orthographie der handschrift mitgetheilt:

So on a tym he desyrit to play
In Aperill the three and twenty day,
Till Erewyn wattir fysche to tak he went,
Sic fantasye fell in his entent.
1) ging 2) ere noon 3) bitter, schwer. To leide his net a child furth with him yeid;1)
But he, or nowne,2) was in a fellowne3) dreid.
His swerd he left, so did he neuir agayne;
It dide him gud, supposs he sufferyt payne.[195]

Jacob I. Schottland hatte im anfange des 15. jahrhunderts sogar einen königlichen dichter, Jacob I, Verfasser des „King’s Quhair“[196] (king’s quire, king’s book), eines allegorischen gedichtes in zehnsylbigen jambischen versen und siebenzeiligen strophen, dessen gegenstand die liebe des in englischer gefangenschaft schmachtenden königs zur Lady Joanna (Jane) Beaufort ist, seiner späteren gattin, welche er von dem fenster seines in dem runden thurme des schlosses zu Windsor befindlichen gefängnisses in dem darunter liegenden garten zum ersten male gesehen haben soll. Das gedicht ist aller wahrscheinlichkeit nach während des königs aufenthalt in England vor seiner heirath, welche im jahre 1424, einige monate vor seiner rückkehr nach Schottland stattfand, geschrieben worden. Dass Jacob I, welcher seit seinem 11. jahre neunzehn jahre in England gelebt hatte, trotz seiner schottischen aussprache einiger worte dem wesen nach vielmehr ein englischer, als ein schottischer dichter genannt zu werden verdient, dürfte besonders daraus hervorgehen, dass er Chaucer und Gower seine Vorbilder und meister nennt:

—maisters dear

Gower and Chaucer, that on the steppes sate
Of rhetorick while thay were livand here,
Superlative as poets laureate,
Of morality and eloquence ornate.

Jacob I. ist in der that einer der frühesten und glücklichsten nachahmer Chaucer’s. Während seiner regierung Schottland’s bis zum jahre 1437, wo er ermordet wurde, soll Jacob in mehreren humoristischen gedichten ländliche scenen beschrieben haben; jedoch können diese gedichte nicht mit sicherheit auf ihn zurückgeführt werden: „Peebles to the Play“ und „Christ’s kirk o’ the Green,“ welche man diesem dichter zuschreibt, mögen vielmehr von seinem eben so begabten und ebenso unglücklichen nachkommen Jacob V. (1513 zu Flodden erschlagen) herrühren. Zwei andere berühmte komische balladen „The Gaberlunzie Man“ und „The Jolly Beggar,“ werden von einigen neueren, aber gewiss ohne allen grund, ebenfalls einem der beiden genannten könige angeschrieben.

R. Henryson. Das traurige schicksal des königs Jacob, welches ihm eine englische erziehung und eine vorliebe für die englischen dichter Chaucer und Gower verlieh, war wahrscheinlich ursache zur verpflanzung dieser dichter und nachahmung derselben in Schottland. Einer der frühesten bekannten nachahmer Chaucer’s in diesem lande war Robert Henryson, oder Henderson, von dessen persönlichkeit nicht mehr bekannt ist, als dass er schulmeister zu Dumferling war und einige zeit vor 1508 in hohem alter starb, weshalb man annimmt, dass er um die zeit, als Jacob I. nach Schottland zurückkehrte, geboren sei. Henderson hinterliess eine schöne idylle Robin and Makyne.[197] Henderson’s hauptwerk ist indessen eine fortsetzung von Chaucer’s Troilus und Cresseide, welche auch gewöhnlich mit diesem gedichte unter dem titel „The Testament of Fair Cresseide“ zusammen gedruckt wird. Henderson ist auch der verfasser einer versificirten übersetzung von Aesop’s fabeln, von welcher ein Ms. (3865) in der Harleyschen sammlung vorhanden ist.[198] Auch wird „Orpheus und Eurydice“ in der sammlung alter gedichte, welche unter dem titel „The knightly Tale of Golagrus and Gawayne,“ etc. im jahre 1827 von Laing herausgegeben wurde, Henderson zugeschrieben.

Dunbar. Grösser als seine vorgänger ist der dichter Dunbar, welchen man mit recht den schottischen Horaz nennen kann. Nachdem er seine bildung auf der universität St. Andrews bis zum jahre 1479 erhalten hatte, trat Dunbar in den franciskaner-orden (Grey Friars). Als mönch reiste er mehrere jahre lang in Schottland, England und Frankreich umher, predigte und lebte nach der ordensregel von den almosen der frommen, welche lebensart er selbst als eine widerwärtige und als eine beständige übung von falschheit, betrug und schmeichelei schildert. Endlich musste es ihm gelungen sein, dem mönchsleben zu entkommen. Aus verschiedenen anspielungen in seinen schriften ist zu schliessen, dass er von 1491 bis 1500 gelegentlich von Jacob IV. gesandtschaften in fremde länder zugesellt wurde und als solcher attaché England, Irland, Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland besuchte, wobei er sich die zufriedenheit seines königlichen gönners erworben haben muss, indem ihm dieser im jahre 1500 eine pension von 10 pfund verlieh, welche später auf 20 und endlich auf 80 pfund erhöht wurde. Es ist zu vermuthen, dass der dichter von dem könige auch bei den verhandlungen in betreff der heirath mit Margareth, tochter Heinrich’s VII., welche 1503 statt fand, verwendet wurde. In den folgenden jahren lebte Dunbar als hofdichter und gesellschafter des königs am hofe, fühlte sich aber durchaus nicht glücklich, indem er oft über das knechtische und abhängige leben, welches er führen müsse, klagt und sich eine selbstständigere existenz wünscht. Der dichter überlebt noch das jahr 1513 und mag um 1520 gestorben sein.

Seine werke,[199] welche mit ausnahme einiger gedichte in einer vergessenen handschrift länger als zwei jahrhunderte verborgen waren, wurden erst zu anfang des 18. jahrhunderts bekannt. Namentlich war Walter Scott ein grosser verehrer Dunbar’s, den er „alike master of every kind of verse, the solemn, the descriptive, the sublime, the comic, and the satirical“ nennt. Die grösseren gedichte Dunbar’s haben theils einen allegorischen, theils einen moralischen, theils einen komischen inhalt. Eine grosse anzahl seiner kleineren gedichte sind lyrische ergüsse und betrachtungen über den dichter selbst. Besondere erwähnung verdienen The Thistle and the Rose und The Dance. Ersteres ist ein hochzeitsgedicht zu ehren des königs Jacob IV. und der prinzessin Margareth. Letzteres, vielleicht das bedeutendste aller, ist eine schilderung der sieben todsünden, welche in der unterwelt eine höllische fastnacht halten. Ein ausschliesslich moralisches gedicht, worin er die irdische und die geistige liebe mit einander vergleicht, ist The Merle and Nightingale; die amsel vertheidigt die erstere und schliesst ihre Worte immer mit dem refrain:

A lusty lyfe in Luvis service bene,