Jost Seydlin betrachtete das Ding eine Weile und hatte sein Behagen daran; nach einiger Zeit aber sprach er: »Das wird einem schönen Weibe besser in die Nase duften als mir;« und schenkte es der Meisterin. Diese nahm es willig an, weil die Vase überaus zierlich war, und stellte das Geschenk mit freundlichem Danke in ihren Almer zu Kräutern und Heilsalben, die von Zeit zu Zeit für das Haus gebraucht wurden. So besaß nun Frau Walburga das Gefäß, das Heinrich Harers Zufriedenheit sollte sein. Sie aber sprach zu sich:
»Warum hat nicht er selber daran gedacht, mir das Riechtöpfchen zu verehren, bevor er es an Jost Seydlin durch eine Wette beim Gesellenschießen verloren hat, wie mir dieser erzählt hat? Er geht halt andern Dingen nach, als sich mir gefällig zu zeigen, und daß ich viel an ihn denke, dessen wird mir wohl guter Rat. Er will sich keine Gunst von mir erwerben, darum soll sein Lob auch nicht von mir gemehrt werden.«
Und ihr Antlitz, das unter dem blonden Haare heiter wie Tageslicht scheinen konnte, wenn ihr Herz guten Mutes war, wurde wie von einem Wölklein bedeckt, sobald sie Heinrich Harer erblickte. Dieser aber sagte sich:
»Ich weiß nicht, was an der Sache ist; jedoch meine Zufriedenheit habe ich verloren. Immer mehr wird es klar: Meister Altfried hat es redlich mit mir gemeint, und nun habe ich freventlich mein Gut dahingegeben. Das ist zur Zeit in einer Frauen Händen, deren Wille sich wenig glimpflich zu mir neigt, was ich nicht um sie verdient hätte, der ich mich ihres Dienstes fürsorglich angenommen habe. Aber das macht es, weil meine Zufriedenheit nicht mehr bei mir, sondern bei ihr steht; und darf ich verlangen, daß sie mir solche wiedergebe? Nein. Wie sollte ich ihr mit diesem Ansinnen nahen dürfen? Ich will's auch nicht.«
So blieb er unmutig wie vorher, während Jost Seydlin fröhlich mit sich und andern war. Frau Walburga hörte ihm auch freundlich zu, wenn er erzählte, wie trefflich er die Armbrust geführt; auch durfte er mit Fug den Zielbolzen rühmen, der ihm den Preis von drei Goldgulden gewonnen hatte. Sie lachte wohl mit ihm, aber als er ihr einmal zu nahe ins Auge blicken wollte, sprach sie als Meisterin:
»Geselle Jost, diese und jene Arbeit ist nicht getan; merk' auf den Lehrjungen, der feiert, weil du plauderst. Auf mein Gewerk muß ich sehen, daß meine Habe nicht schwinde. Wie sollte ich arme Witib mein Leben fristen, wenn ich nicht darüber wachte, daß alles von statten gehe und daß die Kundschaften zufrieden seien, wiederkommen, wenn sie gegangen sind, und Braun- und Weißbrot der Rebenbäckerin loben! Dabei wird die Habe gemehrt und ich darf mich sehen lassen. Wer hilfe mir sonst! Eine alleinstehende Frau muß in allem zwiefach fürsorglich sein, auf daß die Wirtschaft nicht den Krebsgang wandle. Dazu gehört aber, daß die Knechte ihren Fleiß daran legen, die Arbeit zu fördern!«
»Meisterin,« frug Jost darauf, »müßt Ihr denn immer allein stehen?«
Und sein hübsches Gesicht ward noch lebendiger als zuvor.
Rasch erwiderte sie: »Habe ich dir darüber Rechenschaft abzulegen, ob ich allein stehen mag oder nicht? Soll ich dich etwa um Rat fragen, mit wem ich zur Kirche gehen und zu wem ich mich fügen soll! Du gütiger Heiland, mit den Hauswirten hat es auch nicht lauter Trost, wie ich an meinem Herrn Mennhart erfahren habe, der noch keiner von den schlechtesten war und den Gott selig ruhen lasse! Da muß denn eine Frau vorsichtig sein und nichts übereilen!«