»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«
»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre. Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. – Das ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun, werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter, einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum, liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der Ehe ihren Lauf.«
Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und ging in ihr Haus.
Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:
»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr unterscheiden konntest.«
»Besänftigt Euer Gemüt, Meisterin,« erwiderte Jost demütig. »Ich weiß von keinem andern süßen Weine, als daß ich Euch zu tief in die hellen Augen geblickt habe, und davon ist mir allerdings eine solche Wirrnis im Haupte erwachsen, daß ich des rechten Gewichtes verfehlt habe. Auch hat vielleicht die Katze am Backtroge gerochen, was alleweil Unheil bringt, wie Ihr wißt, obgleich ich dem Lehrjungen Cyprian aufgetragen, der Katzenwache zu pflegen.«
»Schweig mir davon, böser Schalk, und rede dich nicht auf die Katze aus. Was du getan hast, das ist mir zum Schaden geschehen. Und soll ich etwa schuld sein, daß du keine Augen im Kopfe hast?«
»Meisterin, eben weil ich Augen im Kopfe habe, die von Eurer Holdseligkeit zu sehr erfüllt wurden, habe ich nicht klar gesehen.«
»Höre, Geselle! dieses Werkes, mich unnützerweile anzublicken, sollst du ledig stehen und dich deiner redlichen Arbeit annehmen. Ach, ich armes Weib, nun soll ich ihn gar verblendet haben, daß er Übles schaffe!«