Kultur und ohne Industrie, ohne gesellschaftliche Rechte noch Pflichten, zogen die Peruaner der Vorzeit wie wilde Horden, die besonders von der Jagd und vom Fischfang lebten, herum. Aber so wie alle Völker der Erde ihre ursprüngliche Civilisation gehabt haben, so verdankten auch die Peruaner zweieinhalb Jahrhunderte vor dem Erscheinen der Spanier an ihren Küsten dem Zufall zwei gerechte, einmüthige und erleuchtete Wesen, die sie sanft der Geselligkeit zuführten.
Wirklich erschienen während der Zeit der neuen Aera an den Ufern des großen Tititaka-Sees zwei erhabene Wesen von majestätischer Gestalt und gebildeten Manieren, die sich vornahmen, die Civilisation jenes Reiches durchzuführen; und wie alle berühmten Gesetzgeber, verfielen sie, um über den Menschen zu stehen, welchen sie zu befehlen hatten, auf den Aberglauben. Vergebens würden unter Völkern, denen kaum die Vernunft bekannt war, diese Legislatoren, um anfänglich die Aufmerksamkeit der Wilden auf sich zu ziehen, zu erhabenen und metaphysischen Theorieen gegriffen haben, und sie mußten daher zu natürlichen Dingen, die unter dem Reiche der Sinnesgefühle standen, ihre Zuflucht nehmen. Nichts Sichereres, als zu dem majestätischen Vater des Tages, dessen göttlicher Beeinflussung die Wilden zugänglich waren, die Augen zu erheben. Wenn der rosige Osten in herrlichem Purpur erstrahlt, lichtet sich die düstere und schwermüthige Finsterniß, die Vögelein entfalten ihre hellstimmigen Schnäbel, der Wald belebt sich, die Blumen blühen und es herrscht lauter Fröhlichkeit. Dann
spannt der Wilde seinen Bogen und schärft seine Pfeile, wirft seine Netze aus und verehrt den Gott des Lichtes. Der erhabene Kultus der Sonnenanbetung lag im Bereiche der Bewohner der neuen Welt, und die weisen Gesetzgeber kündigten sich als Söhne dieser wohlthätigen Gottheit an, welche, mitleidig auf die Uebel der menschlichen Geschlechter herabschauend, sie, wie sie sagten, schickte, um dieselben zu belehren, sie zu bilden und glücklich zu machen. Vereint mit der Achtung, welche die Gottheit, in deren Namen sie sich anzeigten, einflößte, bestimmten jene Ermahnungen viele herumziehende Wilde, sich unter sich zu vereinigen, und da sie die Unterweisungen dieser beiden außergewöhnlichen Wesen als himmlische Befehle empfingen, folgten sie ihnen nach Cuzco, wo sie sich niederließen und eine Stadt gründeten.
Manco Capac und Mama Ocollo (das waren die Namen der beiden als Söhne der Sonne Angekündigten), so viele nomadisirende Stämme vereinigend, gründeten unter den Peruanern diese gesellschaftliche Verbindung, welche, indem sie das Ziel der Wünsche vervielfacht und die Kräfte der menschlichen Abart verbindet, zur Industrie antreibt und die Fortschritte aller Klassen belebt; sie gaben denselben weise Gesetze und flößten ihnen jene gesunde Moral ein, die an dem Glücke der Nationen wirkt, und Manco Capac wäre vielleicht der erste aller Legislatoren, wenn Confuzius ihn nicht darin überträfe, sich nicht des Aberglaubens bedient zu haben, um Moral und Gesetze empfangen und befolgen zu lassen.
Manco Capac stiftete die Sonnenanbetung, und es wurden Tempel errichtet und die Menschenopfer abgeschafft, und nur seine Nachkommen waren als Söhne der Sonne, dieser wohlthätigen und beschützenden Gottheit des Reiches, die ersten Priester des peruanischen Volkes. Manco Capac gab seinem Volke weise und strenge Gesetze, die seine Unterthanen von der Sonne, welche ihre Thaten erleuchtete, ausgegangen glaubten; die Uebertretung eines Gesetzes war eine Entweihung und bei ihren religiösen Handlungen offenbarten sie deren geheimste Umgehungen und verlangten deren Bestrafung. Die Inkas (Herren oder Könige von Peru), ebenfalls Nachkommen Manco Capacs und Mama Ocollos und daher Söhne der Sonne, waren die Tugendhaftesten im ganzen Reiche; ihr Betragen war das Vorbild der Thaten ihrer Unterthanen und niemals beging ein Inka ein Verbrechen. So wohlthätige Herrscher hätten ihre unumschränkte und auf jede Art und Weise in deren Hände gelegte Macht niemals mißbrauchen können, und durch weise, einfache, in unvollkommenen Hieroglyphen oder Quipos geschriebene Vorschriften bestimmte man die verschiedenen gesellschaftlichen Rangordnungen und die unverjährbaren, jedoch stets mäßigen und gelinden Abgaben für die Unterhaltung des Kaisers und der übrigen Beamten des Reiches, sowie für das prunkhafte Gepränge des Sonnenkultus und zur Erbauung seiner prächtigen, kuppelgewölbten, goldenen und silbernen Paläste.
Die Inkas, oder Herren von Peru, waren unumschränkt wie die Beherrscher Asiens, und nicht nur
wie Monarchen, sondern auch wie Gottheiten verehrt. Ihr Blut galt als heilig; man ließ nicht zu, daß es sich durch irgend welche Vermischung herabwürdigte, und die Ehen zwischen dem Volke und den Inkas waren, obschon man ihnen eine Menge Konkubinen gestattete, damit sich das Geschlecht der Söhne der Sonne vermehrte, verboten. Ihre Familie zeichnete sich durch Kleidungen und Verzierungen aus, die kein Mensch gebrauchen durfte; niemals zeigte sich der Monarch ohne die Abzeichen des Thrones vor dem Publikum und er empfing von seinen Unterthanen Achtungsbezeugungen, die beinahe an Verehrung kamen.
Diese unbegrenzte Macht aber der Herrscher Perus war stets mit einer zärtlichen Bemühung für die Glückseligkeit seines Volkes vereint. Wenn wir den indianischen Texten glauben sollen, trieb nicht die Eroberungssucht die Inkas dazu an, ihr Reich auszudehnen, sondern der Wunsch, die Vortheile der Civilisation und die Kenntniß der Künste unter die barbarischen Völker, welche sie unterwarfen, auszubreiten. In der Aufeinanderfolge von zwölf Reichen war kein Inka von dieser wohlthätigen Denkungsart abgewichen, kein Inka hatte es unterlassen, sein Volk glücklich zu machen.
Eine so schöne moralische Aussicht bot Peru dar, als die Spanier an seinen Gestaden landeten, und die Pracht seiner Tempel und Paläste, seiner großartigen Straßen, seiner Brücken, kurz, seiner Denkmäler, deren Ueberreste das siegreiche Volk, das sie in den Staub stieß, noch bewundert, bewiesen die Fortschritte der