Peruaner in den Künsten, der Industrie und der Mechanik. Unglückseligerweise aber kannten sie die Schrift nicht, und gerade ihre Gesetzgebung und Geschichte sollte noch alle die verhängnißvollen Folgen der nationalen Ueberlieferungen verspüren, weßwegen, falls wir beim Uebersetzen des Quipos oder der peruanischen Alphabete, die viel unvollkommener als die mexikanischen Hieroglyphen sind, in dieser Geschichte irgend eine Ungenauigkeit begängen, wir mit um so größerem Recht die Güte unserer Leser verdienen.
Mit diesen leichten Andeutungen werden wir uns von dem physischen und moralischen Zustande des ungeheuren Reiches, das der verwegene Pizarro sich vornahm, an den Siegeswagen des mächtigen Karl V. zu binden, leicht einen vollständigen Begriff machen und klar ableiten können, wie die Vorurtheile und der Fanatismus der einen und der andern Völker im sechszehnten Jahrhundert die Streitkräfte des großartigen Reiches mit den Streitkräften Pizarros, gefolgt von einer Hand voll Abenteurer, maßen.
Die Sanftmuth der Religion des Reiches trug über die Maßen zur Reinheit seiner Sitten und seines Glückes bei. Manco Capac leitete den ganzen frommen Kultus natürlichen Dingen zu. Die Sonne, als die erste Quelle des Lichtes, der Fruchtbarkeit der Erde und der Glückseligkeit ihrer Bewohner, war der erste und hauptsächlichste Gegenstand ihrer Verehrung; und alsdann erlangten der Mond und die Sterne, welche die Sonne in ihrem wohlthätigen Einfluß [unterstützten],
die Huldigung der Peruaner. So lange der Mensch, die Ordnung und die Herrlichkeit, welche in der Natur wirklich vorhanden sind, betrachtend, eine höhere Macht anbetet, ist der Geist des Aberglaubens mild und lieblich; im Gegentheil aber, hat man, die Welt regierend, Werke der Einbildung und des Schreckens der Menschen unterschoben, dann nimmt der Aberglaube die grausamsten und greulichsten Formen an.
Die erste dieser Religionen war diejenige der Peruaner und die zweite die der Mexikaner. Die an das strahlende Gestirn, das durch seine universelle und belebende Kraftfülle das schönste Sinnbild göttlicher Wohlthätigkeit ist, gerichteten gottesdienstlichen Bräuche waren milde und menschlich. Sie boten der Sonne einen Theil der Früchte, welche die Erde durch deren Wärme hervorgebracht hatte, dar, sie opferten zum Beweise ihrer Dankbarkeit einige Thiere, von denen sie aßen und deren Dasein sich durch ihren Einfluß vermehrte. Sie boten ihr ausgewählte und kostbare Werke des Gewerbefleißes aus ihren von deren Licht erleuchteten Händen dar. Niemals bespritzten die Inkas die Altäre mit Menschenblut, niemals bildeten sie sich ein, daß die Sonne, ihr Vater, Gefallen daran finden könnte, so barbarische Opfer zu empfangen. So verdankten die Peruaner, weit entfernt von diesem blutigen Kultus, der die Empfindsamkeit abstumpft und angesichts der Leiden der Menschen die Gefühle des Mitleidens erstickt, selbst dem Geiste ihres Aberglaubens einen sanfteren Nationalcharakter, als den der übrigen Völker Amerikas.
Dieser Einfluß der Religion erstreckte sich sogar auf ihre bürgerlichen Einrichtungen. Die Macht der Inkas wurde, obschon die willkürlichste der Gewaltherrschaften, durch den Einfluß der Religion gemildert. Die Seele der Unterthanen fühlte sich bei dem Gedanken an eine einem ihm ähnlichen Wesen gegenüber gezwungene Unterwürfigkeit weder gedemüthigt noch gering geschätzt. Der Gehorsam, den sie ihrem mit göttlichem Ansehen bekleideten Herrscher leisteten, war freiwillig und würdigte sie nicht herab. Ueberzeugt, daß die achtungsvolle Unterwerfung seiner Unterthanen davon herrührte, daß sie ihn für himmlischen Ursprungs hielten, verlor der Monarch die Gründe, die ihn dazu bewegten, das wohlthätige Wesen, das er vorstellte, nachzuahmen nicht aus den Augen und so findet man in der Geschichte Perus kaum eine Revolution gegen den regierenden Fürsten und keiner von den zwölf Inkas war ein Tyrann.
In den Kriegen, die sie unter einander führten, benahmen sie sich auf ganz andere Art, als die der andern Nationen Amerikas. Sie kämpften weder wie die Wilden, um zu zerstören und zu vertilgen, noch wie die Mexikaner, um die Gefangenen fortzuschleppen und die Altäre barbarischer Gottheiten mit Blut zu bespritzen. Sie führten Krieg, um die Besiegten zu civilisiren und um Künste und Wissenschaften auszubreiten. Sie setzten die Gefangenen nicht den Beschimpfungen und den Qualen aus, wozu sie bei allen Völkern der neuen Welt bestimmt waren. Die Inkas nahmen die Völker, welche sie unterwarfen, in ihren
Schutz und ließen sie an allen Vergünstigungen, deren sich ihre Unterthanen erfreuten, theilnehmen. Dieses, der amerikanischen Wildheit so sehr entgegengesetzte und der Menschlichkeit der gebildetsten Nationen so würdige Verfahren mußte einzig dem Schutzgeiste ihrer Religion zugeschrieben werden. Die Inkas, welche die irgend einem andern Gegenstande als dem auf der Höhe der himmlischen, von ihnen verehrten Macht stehenden gezollten Huldigung als gottlos betrachteten, hielten unter sich das Banner der Bekehrung hoch, sie führten aber die Götzenbilder der besiegten Völker im Triumphe nach dem großen Tempel von Cuzco, wo sie als die Macht der beschützenden Gottheit des Reiches zeigende Trophäen aufgestellt wurden, und das Volk behandelte man mit Milde und unterwies es in der Religion der Eroberer, um den Ruhm zu haben, die Zahl der Sonnenanbeter zu vermehren. Wenn auch diese reinen und altväterischen Gebräuche der Peruaner im sechszehnten Jahrhundert sie innerlich zu einem glücklichen Volke gestalteten, so war ihre materielle Macht doch sehr beschränkt. Da ihre Bedürfnisse mit den Erzeugnissen des Bodens gedeckt waren, wußten sie durchaus nichts vom Handel und ihre Gestade waren allen übrigen Völkern unbekannt, und sie kannten weder die Schifffahrt noch andere Länder, noch andere Menschen, noch andere Sitten, noch andere Götter, noch andere menschliche Sinnesänderungen. Wenn sie auch mit den umliegenden Stämmen Krieg geführt hatten, war ihnen doch die Herstellung und der Gebrauch von Hieb- und Stichwaffen durchaus unbekannt; ihre zahlreichen
Heere wußten nichts von Taktik und Strategie der Bewegungen, die Anzahl und die Tapferkeit, nicht die künstlichen Hülfsmittel der europäischen Heere, verhalfen ihnen zum Siege; und die Verwendung von Infanterie, Artillerie und Kavallerie und die Zuflucht der militärischen Bewegungen waren für die Peruaner jenes Jahrhunderts viel höhere Dinge, was sie bei aller Kriegskunst nicht einmal zu fassen vermocht hätten.