So ungeheuer der Unterschied der numerischen Stärke der Heere war, so ungeheuer war auch der Unterschied der moralischen Stärke und der Sieg zweifelhaft. Die Einen wie die Andern rechneten auf kriegerische, tapfere Anführer und die einen wie die

andern Helden trachteten nach dem Siege und nach der Unsterblichkeit. Ruhig und tapfer, wußte Atahulpa den Gefahren zu trotzen; muthig und verwegen stürzte sich Pizarro in den Tod. Almagro empfand in Mitten seiner Kraftfülle den Zauber der Unsterblichkeit. Huascar, voll jugendlichen Feuers, auf den Schlachtfeldern erzogen, hatte den ganzen edlen Stolz eines Kriegers. Luque, das Cruzifix in der Linken und die Fackel in der Rechten, riß mit seiner Beredsamkeit die fanatische Menge mit sich fort und die peruanischen Priester wußten, den Weihrauch auf ihren Altären verbrennend, den religiösen Eifer ihrer Proselyten zu rühren. Das waren die Anführer und die Heeresmächte der kriegerischen Parteien.

Als die Genossen bereits über den Feldzugsplan nachdachten, kam in Tumbez eine prunkvolle Abordnung Atahulpas an, um die von Osten Gekommenen zu begrüßen und sie zu bitten, jene Gebiete zu verlassen und wieder in ihre Heimath zurückzukehren. Der Kaiser konnte den Schrecken, den sie beim Betreten seiner Besitzungen einflößten, nicht verhehlen. An der Spitze der Abordnung war der Prinz Huascar, ein Jüngling aus der Familie der Inkas, der im Namen Atahulpas die Spanier als seine Verwandten, als Söhne der Sonne, anerkannte und ihnen seitens des Kaisers Früchte, Korn, silberne und goldene Gefäße und tausend smaragdne Kostbarkeiten überbrachte. So den Spaniern ihre Aufwartung erzeigend, wollten sie die Sonne, welche sie mit Peru erzürnt vermutheten, versöhnen; alle Völker überhäuften sie um die Wette

mit Geschenken, liehen denselben ihre Dienste und trieben ihre Achtung bis zur Verehrung.

Umsonst bat Huascar im Namen seines Kaisers Pizarro um befriedigende Erklärungen wegen seines Verbleibens in Tumbez und wegen seines feindseligen Betragens; er konnte nur als Antwort darauf erlangen, daß er seitens seines Gebieters, des großen Königs im Osten, dem Kaiser mündliche Mittheilungen zu machen hätte, und da er die ganze Macht seiner vortheilhaften Lage kannte, sprach Pizarro sanften aber prophetischen und erhabenen Tones mit Huascar. Noch ehe er weg ging, befahl er, seine Abtheilung zu versammeln, und lud den kriegerischen Peruaner ein, das Martialische der Vasallen des Königs im Osten zu sehen. Wirklich, als die Spanier anfingen, ihre Schwenkungen zu machen, schaute der tapfere Huascar mit Erstaunen die Pracht der Waffen, die Schnelligkeit der Pferde und die Einheit und Gleichförmigkeit der Bewegungen der Massen; beim Knattern der Gewehre aber und bei dem Donner der Kanone bemächtigte sich ein Schrecken seiner Blicke und in stumpfsinniger Ehrfurcht verabschiedete er sich von Pizarro und marschirte, in düstere Vorahnungen versunken, seinem Hofe zu.

Pizarro beschränkte sich nicht blos darauf, ihm zu sagen, er habe dem Kaiser mündliche Mittheilungen zu machen, er hatte hinzugefügt, daß er dringend auf dessen Erlaubniß wartete, um nach Cajamalca zu ziehen und mit ihm zu sprechen, und daß er andernfalls den Weisungen gemäß, die er von seinem Herrn, dem König im Osten, empfangen hatte, handeln würde.

Zu gleicher Zeit, als er angesichts Huascars seine Soldaten schwenken ließ, wollte er ihn mit seiner Artillerie erschrecken, damit man ihn für den Herrn der Blitze hielte, und er erreichte seinen Zweck. Als Huascar bei Hofe angekommen war, legte er Atahulpa den festen Vorsatz Pizarros, nach Cajamalca zu gehen, um mit ihm zu sprechen, dar, schilderte ihm mit Furcht und Zagen den Anblick und die Waffen der Spanier, und gab ihm durch das dumpfe Getöse des zwischen den [hohen] Klippen der Anden dahinrollenden Donners einen Begriff von dem Knall der Kanone. Huascar, der tapferste Krieger Perus, war der Feigheit nicht verdächtig und er machte Atahulpa schaudern.

Der Kaiser versammelte die Klügsten und Aeltesten, um über den Ausbruch des Krieges oder die Duldung der von Osten Gekommenen zu berathschlagen; der Schrecken aber, der in ganz Peru allgemein war, und die freundschaftlichen Anerbietungen Pizarros ließen sie das Auskunftsmittel annehmen, einen neuen Boten nach Tumbez zu senden, daß die von Osten Gekommenen vor die Mauern Cajamalcas kämen. Wirklich ging eine neue Abordnung, Pizarro den Bescheid zu überbringen und das Reich erwartete mit der größten Angst den Ausgang eines so verworrenen Dramas. Die drei Genossen erkannten alsbald das Ehrwürdige, daß die Vorurtheile ihren Namen gemacht hatten, und sie zweifelten keinen Augenblick daran, ihren Marsch zu unternehmen.

Kaum durchbrach eines Morgens im Oktober 1532 die Morgenröthe das Dunkel der Nacht, als, nachdem

sich die Spanier vereinigt hatten, Luque mit dem ganzen religiösen Gepränge das Opfer der Messe feierte und die spanische Division ihren Marsch unternahm. Dem peruanischen Heere wäre es vielleicht ein Leichtes gewesen, die günstigen Stellungen, welche ihnen der Weg darbot, zu besetzen, die Spanier zu überraschen und in die Flucht zu schlagen, aber die Schlauheit Pizarros, die ihm die Freundschaft des Inkas gewann oder ihn mit Schrecken erfüllte, sicherte ihnen einen so schwierigen Durchzug. Die einsamen Ebenen zwischen Tumbez und Motupe erstrecken sich, ohne weder Wasser noch einen Baum, noch eine Pflanze, noch irgend welches Grün auf dieser entsetzlichen Strecke versengten Bodens anzutreffen, achthundert Meilen weit, die unglücklichen Peruaner aber, welche der Division als Lastthiere dienten, verschafften ihnen in dieser grauenhaften Einöde alles Nöthige. Von Motupe aus wandten sie sich den Gebirgen zu, die den untern Theil Perus umgeben, und kamen durch einen so schmalen und unzugänglichen Engpaß, daß eine geringe Anzahl von Soldaten ihn gegen ein mächtiges Heer hätte vertheidigen können: Aber durch die unvorsichtige Leichtgläubigkeit stellte sich den Auszüglern nicht das geringste Hinderniß entgegen, und ruhig nahmen sie Besitz von einer Festung, die diesen wichtigen Uebergang vertheidigte.