Die Hymne an die Sonne ertönte durch die weiten Rundbogengewölbe, indeß das leuchtende Gestirn bereits ruhig und heiter am Horizonte glänzte. Gefolgt von vier Priestern, schritt Vericochas auf den Altar der wohlthätigen Gottheit zu und brachte mit prunkvollen und einfachen Bräuchen seinem Gotte in goldenen Gefäßen schöne Früchte als unschuldiges Opfer dar und das Volk fiel auf die Kniee nieder und es herrschte die tiefste, feierlichste Stille. Der Priester hob nachher seine schwermüthigen Augen auf und in friedlichem Widerscheine erglänzte die Sonne an den Rundbogengewölben. »Oh! ewiger Gott,« rief er begeisterten Tones aus, »dein strahlendes Licht erfülle deine unschuldigen Söhne mit Hoffnung; versage ihnen nicht, von nebligen Dünsten bedeckt, deinen göttlichen Einfluß, noch verkündige ihnen deinen Zorn.«
Wenn in der Religion der Peruaner sich die Sonne in ihrem ersten Dämmerschein bewölkt darbot, so war der Gott erzürnt und kündete seinen Zorn an; erschien sie, wiewohl nachher hell und klar erglänzend, drei Tage lang undurchsichtig, so zeigte er seine Rache an und das Reich erbebte. Bot sie sich im Gegentheil
heiter und glänzend dar, war Alles Lust und Freude, weil die Gottheit sich zufrieden zeigte. Als die Peruaner die Sonne glänzen sahen, lächelte ihre Hoffnung, da sie den Zorn ihres erzürnten Gottes nicht befürchteten. Die grauenhafte Niederlage ihres Hofes jedoch, die Gefangennahme ihres Monarchen, dessen Loos sie nicht kannten, der Gedanke, daß die Eindringlinge übernatürliche Wesen waren, ein Eindruck, den die Kavallerie und die Artillerie ihnen verursacht hatte, Alles stürzte sie in eine unergründliche Verwirrung und in die schwermüthigsten Betrachtungen.
Betäubt, entzückt vor dem Altare knieend, verharrte Vericochas lange Zeit hindurch in einer tiefen Entzückung, als er endlich mit hohlem Echo, das dem Innersten seiner Seele entdrungen schien, ausrief: »Nein, Peruaner, das Verbrechen und die Gottheit sind unbegreiflich. Diese von Osten Gekommenen sind weder von dem Geschlechte der Inkas, noch können sie Söhne des immerwährenden Gestirnes sein.«
Das Volk horchte erstaunt auf und der Priester fuhr mit begeisterter Beredsamkeit fort: »Nein Peruaner, Verbrechen und Gottheit sind unbegreiflich. Diese Fremdlinge haben tausendmal bei ihrem Gott geschworen, daß sie kamen, um an der Wohlfahrt des Reiches zu wirken; unter tausend heiligen Schwüren versprachen sie einem unschuldigen Monarchen und einem einfältigen Volke, die im Vertrauen auf Versprechungen von Gottheiten arglos in deren Arme liefen, die schuldige Gewährleistung, als sie, die vernichtenden Waffen treulos verbergend, auf eure Krieger
und euren Hof einhieben und euern Beherrscher an den Haaren schleppten! Strahlend leuchtet die Sonne, nicht in Dünste eingehüllt, verkündigt sie ihren Zorn.« Und ein heftiges Gemurmel rührte das Volk.
»Es ist wahr, noch sehe ich die schnellen Scheusale unsere Krieger niederrennen; noch ertönt in meinen Ohren der fürchterliche Donner, der unsere Reihen zerstörte, aber Alles kann das Werk eines boshaften Geistes sein, Alles kann, bei dem Willen dieses Gottes, der uns erleuchtet, unterliegen. Kommt, Peruaner, schwört vor dem Altare, daß wenn uns der Himmel nicht enthüllt, ob es seine Söhne sind, und wir unserm Schicksal weichen müssen, wir eher die fruchtbaren Fluren mit unserm Blute besprengen, als uns unsere Gesetze, unsere Freiheit und unsern Gottesdienst entreißen lassen werden.« Aber das vor Schrecken erstarrte Volk seufzte nur bei der Stimme seines angebeteten Priesters.
»Und ihr bezweifelt es noch,« fuhr Vericochas fort, »ich hörte es aus deren Munde, wir kamen, um euch die Geheimnisse des Christenthums einzuflößen, um euch dem gebieterischen Sonnenkultus zu entreißen und um euch den Heiland am Kreuze anbeten zu lassen, und damit ihr den großen König im Osten als Herrscher und Gebieter anerkennt.« Die Edelleute, die den Monarchen umgaben, welche das Gespräch, das Luque an ihn richtete, hören konnten, waren auf dem Felde vor der Wucht der Waffen gefallen. Vericochas und Huascar waren die Einzigen, die, wegen ihres Adels in unmittelbarer Nähe stehend, sich vor dem
Tode gerettet hatten und die mit Bewunderung den Vorschlag hörten, sich dem Herrscher im Osten zu ergeben und dem erhabenen Sonnenkultus zu entsagen. Vericochas erpreßte dem Volke Thränen und Huascar rief entzückt aus: »Peruaner, ich habe es auch gehört.« Ein dumpfes Geflüster fing an, in dem geräumigen Tempel zu herrschen, die gerührte Menge gab bereits ihre Begeisterung zu erkennen, und Vericochas machte mit Aufbietung der ganzen Macht der Beredsamkeit das Volk mit der Nothwendigkeit, das Loos des unglücklichen Monarchen zu erforschen, bekannt, Huascar zum Oberbefehlshaber des Heeres zu ernennen und die Eindringlinge, wenn es nöthig wäre, anzugreifen oder wenigstens die Mauern von Cajamalca zu vertheidigen, um ihre Reichthümer, ihre Gesetze, ihre Freiheit und ihre Tempel zu retten.
Den Schrecken, der es erstarrte, ein wenig abschüttelnd, eilte das Volk endlich im Getümmel nach den Altären, und vor dem Sinnbild der Sonne liegend, schwuren alle Peruaner Vericochas in die Hand, den Triumph der Eindringlinge nicht zu überleben. Huascar, der Edelste aus dem Geschlechte der Inkas, derjenige, welcher mit dem meisten Rechte darnach trachten konnte, als Herrscher gewählt zu werden, der tapferste Krieger, wurde zum Häuptling von Peru ernannt, und um den Tempel nicht mit dem Rachegeschrei zu entweihen, lief das Volk nach den prächtigen Säulenhallen, und hier entflammten Vericochas und Huascar ihren Zorn und machten sie damit bekannt, daß das Verbrechen und die Gottheit unbegreiflich