Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten und der Räumung des spanischen Lagers war die dringendste Nothwendigkeit, zur Vertheilung des Schatzes unter die Eindringlinge zu schreiten. Wir bitten hier den Leser um Nachsicht, wenn wir einen im Tempel von Cuzco vorgefundenen peruanischen Text buchstäblich wiedergeben und ihn von Neuem daran erinnern, daß sich unsere Geschichte auf das sechszehnte Jahrhundert bezieht. Die ersten Strahlen der Sonne ergossen sich über die Spitzen der Anden, und Luque, mit den Zierden seines Gottes bekleidet und den Namen Jesus anrufend und seine Gnade erflehend, las eine feierliche Messe, um die Früchte der [Ruchlosigkeit] zu vertheilen. Der Gott der von Osten Gekommenen ist ein nach Gold lüsterner Gott im Munde seiner Diener.
Ohne Willens zu sein, uns über diesen gottlosen Text aufzuhalten, sagen wir, um mit unserer Geschichte übereinzustimmen, daß man zur Vertheilung des Schatzes schritt; daß man, einige kostbare Manufakturwaaren
für ihn aufbewahrend, gewissenhaft einen Fünftel für den König von Spanien trennte. Uebermäßige Summen wurden unter Pizarro und seine Befehlshaber vertheilt und erst noch jedem Soldaten fünfzehntausend harte Thaler [4] gegeben. Nein, niemals hat die Geschichte ein anderes Beispiel eines so schnellen durch Militärdienste erworbenen Vermögens dargeboten, noch wurde unter ein so geringes Heer so reiche Beute vertheilt.
Es würde vielleicht scheinen, daß, nachdem der Ehrgeiz der Abenteurer befriedigt war, sie nur daran dachten, sich in ihr Geburtsland zurückzuziehen, aber Pizarro, welcher das Ergebniß, das die Vertheilung und die frühere Beute sehr wohl haben konnte, voraussah, war staatsklug genug, den Folgen vorzubeugen. Während er sie der Leichtigkeit des Triumphes versicherte, rührte er ihren Ehrgeiz, indem er ihnen die Schätze schilderte, welche Cajamalca und Cuzco bergen mußten, wenn sie so leicht den des Lösegeldes Atahulpas zusammengebracht hatten, und die Edelsteine, welche die Gebirge einschlossen und die Ströme mit sich führten. Luque erinnerte sie unermüdlich mit Begeisterung an die Pflichten der Anbeter Jesus, und die Seelen der Spanier erweiterten sich bei der Betrachtung, daß sie die Fahne des Kreuzes auf den Trümmern des Reiches aufpflanzen würden. Die Tapferkeit, der Ehrgeiz, der Fanatismus, die Furcht vor der strengen Mannszucht Pizarros, trug
dazu bei, daß sich die kurze Abtheilung in Nichts zergliederte und daß sie unverzagt in den Sieg zogen.
An ewige Kämpfe gewohnt, brachte Pizarro viele Tage in einer Unthätigkeit zu, die er für beschämend hielt, und er sehnte sich nach dem Augenblick, von Neuem den Degen zu schwingen, um sich die Lorbeern aufzusetzen. Andrerseits gewahrten sie in der Stadt einen gewissen kriegerischen Anblick, und sie zweifelten nicht, daß sie den Inka immer noch zu retten beabsichtigten oder unter allen Umständen zum Bruche kommen wollten. Die Spanier ihren Theils hofften ebenfalls, die Mauern Cajamalcas zu Grunde zu richten, und der Krater des Vulkans erbebte schon bei dem dumpfen Getöse des Feuers, das in seinem Innern brannte.
Luque, ein merkwürdiger Fanatiker, hatte, wiewohl umsonst, dem Inka schon tausendmal die Vorzüge des Christenthums dargelegt, und als er bereits zu erkennen anfing, daß es nicht möglich war, Atahulpa von seinem falschen Glauben und von seiner Götzendienerei abzubringen, bereitete er im Geiste den düstern Scheiterhaufen der Inquisition vor, worauf er diese gottlose Seele dem Teufel überliefern sollte. Pizarro und Luque gingen in ihren Entwürfen stets einig, weil, wenn von fremdartigem Charakter, ihre Gemüthsstimmung dieselbe war. Zu wiederholten Malen hatte der Diener Christis den General gebeten, den Inka endgültig zu nöthigen, das Christenthum zu umarmen, und da die Schätze von dem Loskauf gesichert waren, konnte nichts mehr die Ausführung des Vorhabens verhindern.
Wirklich ging Luque im Namen Pizarros selbst in das Zelt des Inkas und erklärte ihm feierlich, daß, wenn er nicht das Christenthum umarmte und sich zum Tributpflichtigen des großen Königs im Osten erklärte, er sich dem Ausspruch eines Kriegsgerichtes zu unterziehen hätte, der ihn als Ketzer und als Majestätsverbrecher verurtheilen würde. Ruhig, aber wehmüthig, hob Atahulpa die Augen zum Himmel auf und rief schmerzlich aus: »Oh, du gerechter Gott! Und also wirst du dein Reich verlassen und also werden die Gerechten seufzen!« Vergebens wandte Luque Bitten und Drohungen an; der Inka antwortete, daß er bereits sein Schicksal kannte, daß er sein Leben auf einem Blutgerüste aushauchen würde, daß er aber niemals zum Verräther an seinem Vaterlande würde, noch zum Abtrünnigen des leuchtenden Gestirns, das er anbetete.
Nachdem die Hartnäckigkeit des Inkas, welche mit seinem Plan so sehr übereinstimmte, von Pizarro erfahren worden, befahl er, die vornehmsten Offiziere seiner kurzen Abtheilung zusammen zu berufen, und in voller Berathung wurde Atahulpa als Ketzer und Majestätsverbrecher angeklagt. Soto, Benalcazar, Ojeda, Mendoza, Luque, Pizarro, alle, alle verurtheilten sie ihn, den Unglücklichen, einmüthig zum Feuertode, und einzig Almagro vertheidigte kräftig die Rechte der Unschuld und der Gerechtigkeit. Der Widerspruch war heftig, aber der Tod des Inkas war beschlossen und Almagro mußte nachgeben. Die Macht jedoch, welche das Gerechtigkeitsgefühl in seinem Herzen
hatte, und die Anerbietungen, die er Coya machte, brachten ihn sogar dazu, seine Waffe zu ziehen und den Bürgerkrieg in dem spanischen Lager anzufachen, weil er ebenfalls auf Anhänger rechnete; aber Luque, wenn er im Namen des Himmels sprach, erfreute sich einer zauberhaften Gewalt über die Seele Almagros, weil er als Ritter des sechszehnten Jahrhunderts am Ende doch fanatisch war.