Kapitel 1.
Die katholischen Könige.


Es ließe sich unsern Lesern die vollkommene Uebereinstimmung der peruanischen Handschriften und Texte, welche uns bei Abfassung dieses Werkes gedient haben, schlecht vor Augen führen, wenn wir den politischen Stand der alten Welt im sechszehnten Jahrhundert nicht mit kurzen, leichten Strichen zu schildern und den Hof der katholischen Könige und dessen innere wie äußere Lage nicht etwas zu ergründen suchten.

Spanien, dieser von der schönsten Sonne Europa’s beschienene Boden, ist zu allen Zeiten der Tummelplatz gewesen, worauf mit Waffengewalt die Schicksale der alten Welt entschieden worden sind. Nachdem sich die kriegerische Republik Karthago auf den keltiberischen Schlachtfeldern besiegt sah, unterlag auch die römische Hoheit auf ihren Kampfplätzen; und wenn der Thron der Gothen im Verlaufe von Jahrhunderten auf unserm Boden an Volksthümlichkeit und Macht zunahm, so öffnete die Weichlichkeit der Höfe Witizas und Rodrigos den hinterlassenen Söhnen Libyens die

Thore Spaniens und duldete, damit ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und sogar ihren religiösen Glauben verlierend, während acht Jahrhunderten das harte, verhängnißvolle Joch der Sarazenen.

Aber der spanische Löwe sollte nicht immer niedergeschlagen zu Füßen seiner Unterdrücker brüllen; das Vaterland der Heroen erhob sein furchtsames Antlitz und Damaskus erbebte. Der Trieb zur Freiheit und die Liebe zum Vaterlande, eins mit dem Fanatismus und dem Aberglauben, reizten die alten Keltiberen und Lusitaner bei Cueba Donga auf und Pelayo eröffnete den hartnäckigsten und blutigsten Feldzug, den die Geschichte jemals bekannt gab. Siebenhundertachtzig Jahre der Kämpfe und dreitausendsiebenhundert Schlachten hatten die Sarazenen von den kantabrischen Gebirgen bis zu den Bergen vor Toledo hinabgetrieben, von den Bergen vor Toledo in die unwegsamen Sierras [1] von Andalusien und hatten sie endlich bis vor die Mauern von Granada gebracht. Ferdinand und Isabella behielt das Schicksal den Ruhm vor, die Kreuzesfahne auf den Zinnen der Alhambra flattern zu lassen und wenigstens für einmal machte der Fanatismus mit der Freiheit gemeinsame Sache.

Zu so einem ungeheuren Feldzuge mußten von ihm mächtige Heere auf dem Fuße gehalten werden, da er, selbst mit genügenden Hülfsquellen für ausgedehnte Pläne, nicht einmal ein System öffentlicher Angelegenheit geschaffen hätte. Obschon die katholischen Könige,

alle Jahre die Fluren der Sarazenen verwüstend, mit fünfzig- bis siebzigtausend Mann einzogen, bestanden diese Heere doch nur aus Vasallen, welche ihnen in früherer Zeit die feudalen Herren liehen, oder dann aus Fanatikern, die der Herr im Vatikan im Namen Gottes vierzig Tage lang aufwiegelte. Das französische Heer Karls VII. war die erste stehende Macht, welche Europa kannte, und welche den bedeutenden Umschwung vorbereitete, den Adeligen die Führung der staatlichen Militärgewalt zu entziehen. Die Könige waren machtlos; ihre Staatskasse war so schwach, daß sie sich weder auf Kosten noch auf Unternehmungen einlassen konnten, und gingen sie das Volk darum an, leistete dasselbe ihnen nur geringen Beistand.

Am zweiten Tage des Jahres 1493 zogen Ferdinand und Isabella als Sieger in Granada ein; um die Herrschaft der Sarazenen war es in Spanien geschehen und durch die Vereinigung der Krone von Aragonien und Castilien in Folge Vermählung dieser beiden Fürsten wurden, wiewohl sie keine unumschränkte Macht besaßen, ihre Besitzungen sehr ausgedehnt. Die gesetzgebende Gewalt lag in den [Cortés] und die ausführende des Königs war sehr begrenzt. Das romantische Zeitalter war noch nicht ganz zu Ende; die Herzhaftigkeit, Leutseligkeit und Tapferkeit waren das Unterscheidungszeichen der adeligen Ritter, das Feudalwesen aber erfreute sich unumschränkter Macht; die lehenspflichtigen Herren waren die Könige und die Monarchen hohle Truggestalten ohne Glanz und ohne Pracht. Doch Ferdinand, der die Frucht von viertausend Siegen