Untröstlich, beweinte Ocollo ihren angebeteten Inka; ihre Tugenden und ihre reine Keuschheit erwarben ihr die Achtung und die Bewunderung Huascars, Vericochas und des Senates; und bei den frommen Handlungen war sie die erste, welche vor dem Altar der Sonne schwur, für den Glauben und die Freiheit ihres Vaterlandes zu sterben, und bei der Erinnerung an die unzüchtige Liebe, welche Pizarro ihr in den kummervollen Stunden erklärte, zog sich ihr Herz zusammen und entsetzte sich ihre Seele. Voll Feuer in Liebe zu Almagro entbrannt, fand Coya nur darin Trost, an ihrem eigenen Schmerz zu zehren. Almagro war ihr Athmen und ihre Wonne, sie hatte das Gleichgefühl ihrer Seelen erkannt und Coya war das traurigste Opfer der Liebe. Sie hatte ihren Glaubenslehren entsagt und das Glaubensbekenntniß eines Gottes abgelegt, den sie nicht kannte, den sie aber verehrte, da er der Gott ihres Almagros war. Der Schatten ihres Vaterlandes beunruhigte ihre Träume, der Schatten ihres Angebeteten zerriß ihr das Herz.
Das war die Lage der Helden des Reiches; Alle seufzten und ihre Thränen fruchteten dem Vaterlande nichts. Tapfer, kühn, gefühlvoll, mit denjenigen seiner Landsleute viel überlegeneren Kenntnissen, war Huascar der Abgott des Heeres und des Senates, und er handelte mit der größten Thätigkeit, um sich zum Kriege zu bereiten; er kannte jedoch die Ueberlegenheit der Waffen der von Osten Gekommenen und zweifelte an dem Siege. Seine ersten Besorgnisse waren, seine Feinde auszuspähen, um ihre Bewegungen
im Voraus zu wissen, und er erfuhr die Ankunft neuer Streitkräfte und den Marsch Pizarros auf Cuzco. Obwohl bereits weit entfernt, die Eindringlinge für Söhne der Sonne, noch für Gottheiten zu halten, sank den Peruanern doch der Muth, als sie erfuhren, daß sie Verstärkungen empfingen; sie setzten schon einen sehr zusammengesetzten Plan voraus, und fünfzig bis sechszig ihrer Unterdrücker zu tödten, hatte dem Reiche mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Opfer jeden Standes und Ranges gekostet; aber immer edel und menschlich, behielten sie eine kleine Anzahl Gefangener, welche sie in ihrer Gewalt hatten, am Leben. Die moralische Stärke der Heere stand etwa auf gleicher Höhe; der Ehrgeiz der Eindringlinge und ihr düsterer Fanatismus befahlen die Ausrottung der Peruaner; die Religion und die Freiheit des Reiches forderten das Blut der Eindringlinge.
Zwanzig Tagereisen war Cuzco von Cajamalca entfernt, und es gab Engpässe und Gebirge, welche, mit einer geringen peruanischen Kriegsmacht besetzt, der Feldzugsabtheilung nichtsdestoweniger Verlegenheiten verursachten, aber in diesen kleinen Scharmützeln blieben, obschon sie dennoch einige Verluste erlitten, stets die Europäer Sieger, und von Neuem bewunderten sie die heldenhafte Tapferkeit und den wilden Muth der Peruaner. Alle Tage boten sich ihnen Beispiele von Kriegern dar, welche, die Griechen bei Thermopylä nachahmend, bald um ihre Gefährten zu retten, bald um im Grabe eine unverletzliche Zufluchtsstätte ihrer Freiheit und ihrer Religion zu finden, einem sichern Tod
entgegengingen. Pizarro und die Seinen wälzten todesmuthig ihre Feinde fort, und bereiteten sich zu neuen Siegen vor; die Tapferkeit der Spanier war im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, die neue Welt die Wiege der Helden und der Thron der Gothen ein die Erde verachtendes, dem Himmel zustrebendes hohes Gebirge.
Nach tausend Mühseligkeiten bekam die spanische Abtheilung Cuzco zu sehen, und der Senat, das Heer und das Volk erzitterte. Die Auftritte von Cajamalca waren allgemein bekannt; Cuzco, die Hauptstadt des Reiches, war der letzte Seufzer ihrer Freiheit und ihrer Anbetung, das Grab that sich unter den Füßen der Krieger auf und das Getöse der schnarrenden Ketten erschreckte das Kind und den Greis. Oh! verfluchte Schätze! Es wäre besser gewesen, wenn euch die Natur in die tiefsten Meeresgründe gestürzt hätte und die Erde sich nicht in dem Blute Unschuldiger tränkte!
Als Almagro die Mauern von Cuzco entdeckte, glänzte ein süßes Lächeln auf seinen Wangen und eine einschmeichelnde Wehmuth heftete sich an seine Blicke; dort war seine schöne Coya, seine Wonne und seine Qual. Das Wohl seines Vaterlandes befahl die Eroberung des Reiches, seine religiösen Gefühle die Zerstörung der Sonnenaltäre; Coya verehrte den wahrhaftigen Gott, aber Coya liebte ihr Vaterland glühend, und ihre Liebe wäre ein trauriges Gespenst, das, so lange als das Vaterland der beiden Liebenden nicht ein einziges wäre, ihr Dasein quälen würde. Bei den Scharmützeln unterwegs waren viele peruanische
Gefangene festgenommen worden, Alle frug Almagro nach seiner Angebeteten und Alle antworteten ihm, reichliche Thränen vergießend: »Coya ist eine Abkömmlingin der Inkas, sie ist eine Tochter der Sonne, ihr Vaterland ist ihr Abgott und für ihr Vaterland zu sterben, ist all’ ihre Wonne.«
Wenn Coya in einem Augenblick der Zärtlichkeit, des Entzückens, ein Opfer der Liebe, ihren Cultus verließ, hatte sie mit reichlichen Thränen ihren Meineid geläutert, und ihr Vaterland zu verrathen wäre nicht ihr zweites Verbrechen.
Da die spanische Abtheilung vielen Kämpfen zu trotzen hatte und mit Schnelligkeit marschirt war, nahm sie vor Cuzco einige Tage Ruhe, um sich von ihren Mühseligkeiten zu erholen und um die Politik der Belagerten zu beobachten. In Cajamalca kamen die Spanier wie Freunde an, und bequeme, mit Lebensmitteln versehene Zelte und eine mit Früchten gesegnete Flur boten ihnen bequeme Rast und reichlichen Unterhalt dar; bei der Ankunft in Cuzco fanden sie nur dichte Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, und kräftige Stämme, um die Scheiterhaufen zu schüren, vor; die Flur aber war verwüstet, und Pizarro stieß auf nicht geringe Schwierigkeiten, um sich Lebensmittel zu verschaffen, da ihm die Peruaner innerhalb der Mauern Alles entrissen hatten.