Kapitel 20.
Duell.
Die Einnahme der Hauptstadt und die vollständige Niederlage des Heeres entschied das Schicksal des Reiches. Als Pizarro die schwachen Mauern von Cuzco stürmte, beherrschte er die Grenzen des ausgedehnten Inkareiches; der Schrecken breitete seine Flügel über Peru aus, die Kreuzesfahne flatterte siegreich auf den Trümmern der Sonnentempel und die Unterthanen der Inkas bogen vor der Macht des Königs von Spanien den Nacken. Als das feindliche Banner von Pizarro ergriffen wurde, setzte sich das Heer in eilfertige Flucht. Von einer kleinen Abtheilung gefolgt und von den Großen des Reiches begleitet, rettete sich Huascar in die Unzugänglichkeiten der Anden, und die Stadt wurde viele Stunden lang der Plünderung und der Zerstörung preisgegeben.
Nachdem die Abenteurer den Ehrgeiz gesättigt hatten, dachte Pizarro daran, sein Staatssystem zu befestigen und als Statthalter des Reiches seine Befehle auszubreiten. Dieselben Verordnungen, dasselbe Benehmen,
das man in Cajamalca beobachtete, wiederholten sich in Cuzco; die Einwohner wurden zur Knechtschaft, und indem sie das Wasser der Erlösung empfingen, dazu verdammt, ihren frommen Glaubenslehren zu entsagen, und die militärische, von dem rohesten Fanatismus geschürte Gewaltherrschaft bildete die Grundlage der peruanischen Regierung. Zu allen Zeiten Despoten, haben sich die Sieger unter den gleichen Trümmern begraben, welche ihre Wuth niedergerissen hat.
Eine traurige, von den Seufzern der Sterbenden und von den Androhungen der Sieger unterbrochene Todtenstille herrschte in der Stadt und auf dem Lande, und nach dreitägigem Verweilen in Cuzco zerstreute Pizarro den größten Theil seiner Macht in kleine, unter dem Befehl der tapfersten Kapitäne stehende Colonnen, damit sie die Umkreise des Gebietes durchzögen und die Mittheilungen der Hauptstadt in Gang brächten. Beinahe nicht ohne Widerstand liefen die Detachements die Umgegenden ab; kleine Horden von Peruanern flohen entsetzt, und in wenigen Wochen dehnte sich die spanische Herrschaft in allen Grenzen des Reiches aus.
Wie wir angegeben haben, wurde Ocollo auf dem Rückzuge durch den Kapitän Soto zur Gefangenen gemacht, aber auch Huascar führte viele spanische Gefangene mit sich, welche bisher nicht als Feinde behandelt worden waren, sondern wie Männer, die, den Befehlen ihrer Anführer gehorchend, unterlagen; als er aber die Greuelthaten von Cuzco erfuhr, bemächtigte
sich die Verzweiflung seiner Brust; er schwur vor der Sonne, den Krieg bis auf den Tod zu führen, und die Gefangenen wurden durch die Wuth der Besiegten zerfleischt. Jene gefühlvollen Männer, welche von einer süßen, zarten Religion begeistert, sich damit begnügten, ihre Feinde zu besiegen und sie über das Meer hinüber zu werfen, verwandelten sich in blutdürstige Tiger, die verzehrten, was ihnen in den Weg kam. Da sie ihre Freiheit, ihre Gesetze verloren hatten, ihre Tempel zerstört und sie an die schmähliche Sklaverei der Knechtschaft gebunden waren, konnte nur das Blut ihre Rache stillen; beim Anblick des Todes malte sich die Fröhlichkeit in ihren Zügen, und das Grab war die Stätte des Friedens der Peruaner.
Das wäre künftighin der Krieg, den die Inkas führten; die von Osten Gekommenen würden ein Gegenstand ihres unversöhnlichen Hasses sein, der Rachedurst würde sich auf die Geschlechter übertragen und der Boden der neuen Welt würde sich mit Blut röthen. Ein Volk, das seine Freiheit ausbreitend, in Verzweiflung geräth, ist ein rasender Strom, der den Sieg hinter sich her reißt. Ein Volk, das für seine Freiheit und für seine Voreingenommenheiten kämpft, ist unbesiegbar.
Als Pizarro erfuhr, daß Ocollo gefangen genommen worden war, glaubte er alle seine feurigen Wünsche erfüllt. Peru hatte er bereits bezwungen und er sah den Triumph seiner Liebe sehr nahe; Ocollo mußte seinen verliebten Bitten nachgeben, oder die Stimme
des Eroberers sollte die Unglückliche zu Boden schlagen. Soto zog nach einigen Tagen in der Stadt ein, und in Thränen versunken, mit aufgelösten Haaren, stellte sich Ocollo vor den Sieger des Reiches, und vor Schmerz zerrissen, aber mit kalter Ruhe, rief sie aus: »Ja, Pizarro, ich weiß mein Schicksal bereits; glaube nicht, daß ich mich schwach zu deinen Füßen niederwerfe, um ein Dasein flehend, das ich verabscheue. Als das Leben Atahulpas mir Thränen abforderte, vergoß ich sie über deinen Füßen; jetzt leidet Ocollo allein.« Wie von Raserei hingerissen, faßte Pizarro die Schöne am Arme und trennte sie ein wenig von den Spaniern, welche sie beobachteten. »Siehe, Unglückliche,« rief er aus, »siehe meine Macht und fürchte meinen Zorn. Du, die du Atahulpa liebtest, wirst den Taumel der Liebe fühlen können. Deine Schönheit, Ocollo, entzündete, wenn es mir nicht gelingt, dieselbe in deinen Armen zu ersticken, in meiner Brust eine unauslöschliche Feuerflamme; gieb meinen Schmeicheleien nach, du sollst im Reiche befehlen, und ich werde dein Sklave sein und werde glücklich sein.« »Du kannst dein Glück nur unter Schutt und Leichen finden, du wirst schon glücklich sein.« »Meine Seele giebt auch den Reizen nach, du allein hörst mich jetzt.... Diese Siegespracht, diese Berge von Gold, von Trophäen, das Alles tauschte ich für deine Liebkosungen um, bedaure mich und zittere.« »Ich bin ruhig.« »Liebe mich, Ocollo.« »Du bist besudelt mit dem Blute Atahulpas.« »Mein Vaterland forderte es.« »Seine Liebe befiehlt, daß ich dich verabscheue.«