Lange Zeit hindurch schien Pizarro, bleich, erstarrt, ein Opfer der Ueberraschung und der Wuth, ein lebloses Wesen zu sein; aber wie der Sturmwind das schwache Rohr hinreißt, so schleppte er sie, die keusche Gattin, wüthend packend, bis vor seine Soldaten. »Fliegt, sie soll sterben,« rief er verstimmt aus; doch ruhig, verwirrte weder ein Seufzer, noch eine einzige Thräne das Antlitz Ocollos. Die Leidenschaft Pizarros war dem Heere nicht unbekannt, und beim Anblick seiner Gewaltthätigkeiten, seines geheimnißvollen Schweigens, durchschauten sie alsbald die Ursache, welche das Opfer zur Richtstätte schleppte, und ein dumpfes Gemurmel rührte die Abenteurer. Endlich erhob, als Ocollo ihre schmachtenden Blicke nach ihm richtete, Almagro, voller Tapferkeit und Edelmuth, seine Stimme und brach entschlossen aus:
»Nein, Pizarro, hoffe nicht, dieses arglose Opfer nach dem Richtplatze zu schleppen; ich bin ein christlicher Ritter, meine Religion und meine Empfindsamkeit rühren meinen Degen zugleich; Ocollo stirbt nicht, ohne daß wir zuvor die Waffen messen.« Die Wuth erglänzte in den Augen Pizarros, die Ruhe in den Mienen Ocollos und Almagros und die Verwirrung in den Stellungen Luques und aller Abenteurer. Niemals daran gewohnt, sich nicht befolgt zu sehen, und am wenigsten von einem Menschen, auf den er mit Haß und als seinen Untergebenen herabsah, zog Pizarro mit Blitzesschnelle seinen Degen, um sich auf den gefühlvollen Ritter zu stürzen, und auch Almagro setzte sich im Augenblick zur Wehre. Ein so edler und
so tapferer Krieger rechnete auf Anhänger im Lager, und eine elektrische Bewegung theilte sich der Masse mit: Die blitzenden Waffen kochten in ihren Scheiden, und der Bürgerkrieg drohte in einem Augenblick mit seiner ganzen Schrecklichkeit. Weltklug genug, um die Resultate des immer bedrohlicher werdenden Ausbruches zu erkennen, griff Luque, seinem Brauche gemäß, zur Stimme des Himmels, um die Rechte zu entwaffnen. »Jesus Christus sieht euch, meine Söhne, euch droht der Bannstrahl, haltet ein mit eurer Wuth.« Die Abenteurer zogen sich ein wenig zurück, aber die Anführer waren bei der Stimme des Priesters bereits taub, und umsonst hob der Verweser zwischen den Degen das Kreuz empor. »Bei der Stimme Pizarros giebt das Weltall nach,« rief der Statthalter aus. »Almagro fürchtet ihn nicht,« bestritt sein Stellvertreter. »Vertheidige dich, Bösewicht.« »Nimm deine Brust in Acht.« Benalcazar und Soto bemühten sich ebenfalls, die wüthenden Degen zurückzuhalten, und Luque gelang es endlich, das Duell so lange aufzuschieben, bis daß sie sich, von der Truppe getrennt, als Ritter schlugen.
Die Empfindlichkeiten wurden wegen der Uebereinkunft nicht schwächer, noch verminderte sich die Wuth. Man kam überein, daß Ocollo von zwanzig, zehn von Pizarro und zehn von Almagro, gewählten Soldaten bewacht würde, und der Eine wie der Andere befahlen, ihre Pferde zu schirren, um in den Kampf zu ziehen. Die unglückliche Ocollo weinte trostlos bei der Betrachtung der Lage ihres großmüthigen Vertheidigers Almagro, und bekümmert rief sie: »Nein, Almagro,
setze dein kostbares Dasein nicht aus, um meine Qualen zu verziehen; der Tod ist mein einziger Trost, das Ende meiner Leiden. Lebe, großmüthiger Krieger, lebe, um Coya anzubeten und um an ihrem Glück zu schaffen.« Es war nicht mehr Zeit; die Ehre gilt mehr, als das Leben und die Liebe; Almagro sollte siegen oder besiegt werden.
Schon am Abend neigte sich die Sonne nach Westen hin, als die beiden von Luque, Soto und Benalcazar und der ganzen spanischen Abtheilung begleiteten Krieger muthig zum Kampf hinauszogen. In kurzer Entfernung von Cuzco sollten sich die Klingen kreuzen, und zum ersten Mal genoß die neue Welt das angenehme Schauspiel, zu sehen, wie sich deren Eroberer untereinander die Brust zerfleischten, und wie sich zwischen ihren Uneinigkeiten der Baum ihrer Freiheit und ihrer Unabhängigkeit erhob. Kaum waren sie bei der Stelle angelangt, wurden die Entfernungen genommen und die Degen aus der Scheide gezogen: Die blassen Strahlen der scheidenden Sonne leuchteten trübselig auf den Hinterhalt, die Helme und die Panzer, und die traurigen Ceremonieen Luques und die Niedergeschlagenheit der Zuschauer erhöhten das Schauspiel mit dem ganzen erhabenen Aufwand des Ritterstandes. Auf die Erde niedergeworfen und die Hände zum Himmel emporgehoben, betete Luque zu dem ewigen Gott, daß er die erregten Seelen erleuchtete und das Christenthum rettete, die Kriegshelden aber bereiteten sich von einem Augenblick zum andern vor, den Kampf zu beginnen. Man erwartete nur noch das Zeichen zum Angriff;
Soto gab das Zeichen, und wie wüthende Tiger stürzten sie aufeinander los. Vom Sturmwind fortbewegten Mühlenflügeln glichen die Degen; ihr Widerschein war ein weißliches, nie verschwindendes Blitzen, und das Krachen der Panzer ähnelte dem Donner am fernen Horizonte, der sich dumpf zwischen unwegsamem Gebirgslande dahinzieht. Mit Blitzesschnelle folgten die Schläge aufeinander, und der Muth und die Geschicklichkeit machten ihre letzten Anstrengungen. Die von den spitzen Sporen angestachelten Pferde wieherten, weiß geworden vor dampfendem Schaum, und dem furchtsamen Schauspiele entfliehend, begrub sich die Sonne in den Bergen und schickte nur einen schwachen Dämmerschein auf die Erde. Vergebens beabsichtigten die Kämpfenden mit den blitzenden Waffen, dem Tode einen Weg zu bahnen; die Rechte ließ ermüdet nach und die Schatten der Nacht dehnten sich am Himmel aus. Die Zuschauer, welche unbeweglich die Kämpfenden bewundert hatten, gaben das Zeichen, den Kampf einzustellen, und Luque hob das Kreuz zwischen den Degen empor. Beim Aufschieben eines Duells verschwand unter Rittern des sechszehnten Jahrhunderts der Zorn, die Feinde wurden zu Gefährten, welche bis zur Wiederkehr des Kampfes einander fröhlich bei den Schmäusen zutranken, und Almagro und Pizarro waren zu höflich und zu sehr Ritter, um nicht den Einwirkungen ihres Jahrhunderts zu gehorchen; alle zogen sich nach der Stadt zurück und gaben sich unter dem Lebehoch der Soldaten den Annehmlichkeiten eines Gastmahles hin.
Ocollo unterdessen bewahrte ihre Seelenruhe in einem bequemen, ihrer hohen Rangordnung entsprechenden Gefängnisse, ihr Herz aber war von den grausamsten Qualen bekämpft. In Mitten ihrer Feinde, von den Mördern Atahulpas umgeben, unter dem Drucke der Erinnerung an Huascar, Coya und des Rathes, die am Ende frei lebten, Schreckensauftritten beiwohnend, sehnte sie sich bald darnach, zu sterben um ihre Leiden zu beschließen, bald war ihr das Leben kostbar, um das Schicksal derer zu sehen, die sich in die Anden retteten. Almagro verließ sie nicht; nach dem Kampfe waren seine ersten Sorgen sie zu trösten, und am nächsten Tage sollte er zu ihrer Vertheidigung wieder zum Duell gehen.