Kaum breitete die Nacht ihren friedlichen Schleier aus, als Almagro sich die Waffen umgürtete, das Pferd anschirrte und schnell nach dem Gebirge ritt. Hier
erwartete Coya ihren Geliebten bereits, ein wenig von ihren Kriegern getrennt, und der reinsten Wonne überlassen, sahen sie den Mond das Himmelszelt durchziehen. Die zärtlichste Liebe vereinigte sie, Almagro lebte für Coya, und Coya für Almagro. »Ah!« wiederholte ihm in einer heitern Nacht die Schöne, »wie gut sagte mir mein Herz voraus, daß unsere Liebe ein schwarzer Unstern sein würde! Grenzenlos ist unser Unglück, jeder nachfolgende Tag scheint unsere Bitterkeit zu verdoppeln. Mein Vaterland ist in Staub versunken, die Sonnentempel sind verschwunden, das Blut der Peruaner röthet die fruchtbaren Fluren, ich habe meinen Gott verkannt.« »Schöne....« »Vereinige deine Anstrengungen mit den meinen, da du doch als ein von Osten Gekommener den Dolch in mein unglückliches Vaterland stießest, heile als Angebeteter Coyas dessen Wunden zu.« »Mein Vaterland, Coya....« »Ich verließ meinen Gott....« »Als Götzendienerin hätte ich dich nicht geliebt....« Die Lage jener unglücklichen Seelen läßt sich nur empfinden; Almagro konnte nicht zum Verräther an seinem Vaterlande werden, Coya war zu getreu, um ihr Lager zu verlassen, worin sie das Ansehen bereits verlor, weil man anfing, an ihrem religiösen Glauben zu zweifeln; und zwei so zärtliche Geliebte konnten sich im Kampfe treffen und einander tödten.
Coya war im Gebirge vor den Augen Pizarros verächtlich, sie hatte weder Streitkräfte, noch befeindete sie die Fluren, und der Eroberer hielt es nicht der Mühe werth sie zu schlagen. Coya ihrerseits
erkannte ebenfalls, daß sie keine Schlacht wagen durfte, und sie besorgte bloß, den Spaniern wie eine Verliebte zu erscheinen, welche die Annäherung ihres Geliebten suchte; inzwischen aber waren ihre Streitkräfte ein Vereinigungspunkt für die Peruaner, die den Ketten entrannen, und ohne jemals viele Leute heranzubilden, internirte sie dieselben nach den Anden.
Es war in einer ruhigen Nacht, als Almagro auf der Rückkehr vom Gebirge die Stadt betrat und der Kapitän Soto mit zwanzig Mann auf Pizarros Befehl seiner wartete, um ihn gefangen zu nehmen. So sehr Almagro überrascht war, setzte er dem Befehle seines Vorgesetzten nicht den geringsten Widerstand entgegen; als guter Soldat achtete er die Unterwürfigkeit und Mannszucht, und folgte Soto, der ihn nach dem Palaste des Statthalters führte, wo der versammelte Kriegsrath bereits seiner wartete. Ein geräumiger, düsterer Saal war der Ort, wo die Richter sich versammelten; Pizarro war Vorsitzender im Rathe und Luque wohnte als Priester für die religiösen Anklagen ebenfalls bei. Dahin wurde Almagro mit den Feierlichkeiten eines Verbrechers gebracht, aber sein Antlitz und sein Herz waren ruhig, obschon seine Seele überrascht war. Kaum erschien er in der Versammlung, las ihm der Staatsanwalt die Anklageschrift, als Verschwörer gegen sein Vaterland, wegen seiner fortgesetzten Mittheilungen mit dem feindlichen Lager und als Abtrünniger des Christenthums, wegen unerlaubten Umgangs mit einer Götzendienerin, vor. Voller Majestät brachte Almagro mit der Kraft und dem Nachdruck, die ihm seine
Unschuld eingab, seine Vertheidigung vor, er erinnerte die Richter an die Thaten der Tapferkeit und die Aufopferungen, welche er seinem Vaterlande anrechnete, an die Anstrengungen, die er für die Eroberung jenes Reiches herzählte, und verneinte unter wüthendem Drohen den unerlaubten Umgang, dessen er bezichtigt wurde. »Coya ist ein Schatz von Tugend,« wiederholte er ihnen, »und Almagro achtet ihre Tugend, wie auch ihr sie achten dürftet.« Alles war umsonst, das Urtheil war, ehe sich der Rath versammelte, vorgeschrieben, und Almagro sollte zum Tode verurtheilt werden. Luque konnte lange Zeit hindurch den Haß, der in seinem Herzen brannte, nicht verbergen, und mit der Sprache, welche ihm sein grausamer Fanatismus einflößte, beschuldigte er ihn auf’s Härteste und Ungerechteste, und bat, daß er als gottlos verbrannt werde. Der Zweck der Rathsversammlung beschränkte sich jedoch darauf, daß Almagro zu leben aufhörte, und er wurde endlich verurtheilt, als Soldat, erschossen zu werden.
Trotz aller Tapferkeit und aller Ruhe Almagros konnte ein so unerwarteter Schlag nicht umhin, ihn zu überraschen, und seine entwaffnete Rechte erzitterte. Er verwahrte sich thatkräftig gegen die Gewaltthätigkeit, aber entwaffnet und von Degen umgeben, fand er im Ungehorsam nur Schande und Tod. Andrerseits hatten seine Gegner alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ihn bis zum Richtplatz zu schleppen, ohne daß ihn ein einziges Schwert vertheidigt hätte. Benalcazar und einige andere seiner Ergebenen waren
außerhalb der Stadt und auf dem Lande oder in den Provinzen zerstreut, und ein tiefes Stillschweigen besiegelte die Gefangennahme und die Verurtheilung des Kriegers. In jener selben Nacht sollte er den geistlichen Zuspruch empfangen, um beim Anbruch des Tages seinen letzten Seufzer auszuhauchen. Kein Mensch durchdrang das Geheimniß; die Richter bewahrten ein tiefes Schweigen, und das Grab that sich für den großmüthigen Almagro auf.... »Coya ... Coya....« wiederholte er einzig bei seinen Seufzern, »barbarische Henkersknechte entreißen mich deinen Armen, du wirst meinen Tod nicht überleben, schnell werden wir uns in den Wohnungen der Gerechten wiedersehen.«
Ocollo beherrschte das Herz Pizarros, und bald, weil es bei der, die man anbetet, keine Geheimnisse giebt, oder bald, damit sie, nachdem er ihren Vertheidiger ermordet hatte, ihn nicht beschuldigte, sagte er zu ihr, wie wenn er das Schicksal Almagros bedauerte, daß er zum Tode verurtheilt sei und daß er bei Tagesanbruch erschossen werden sollte. Ocollo, welche das Dasein des Großmüthigen so nahe bedroht sah; Ocollo, welche eine tiefe Dankbarkeit empfand, warf sich zu Füßen Pizarros nieder, benetzte sie mit tausend heißen Thränen und brachte den Statthalter in den größten Widerstreit; aber er versicherte ihr, daß er nicht den geringsten Antheil an seinem Urtheilspruche gehabt habe, daß die Richter unerbittlich und die Vergehen Almagros ungeheuer seien; er betheuerte ihr endlich, daß er ihn nicht retten konnte, und zeigte sich unbeugsam. Die Unglückliche erlangte weder Erlaubniß, nach dem Gefängniß
zu gehen, den Verurtheilten zu trösten, noch fand sie in ihrer Einsamkeit Hülfsquellen, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen und ihn zu retten: Sie seufzte trostlos, sie war ein Opfer des tiefsten Schmerzes, inzwischen aber verflog stillschweigend die Nacht, und Almagro sollte um die Morgenröthe das Blutgerüst besteigen.